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Ein Tag in Tokio: When Mercedes met Sony

Von | 01.12.2010, 3:22 | Ein Kommentar

Gran Turismo 5 oder: eine Begegnung der dritten Art. Mit Mercedes in der Nerdzentrale Tokios.

 

Kazunori Yamauchi, Mastermind von GT5. Fotos: Mercedes

Heute, der 1. Dezember, wäre laut Spekulationen der Gamesforen der offizielle Erscheinungstermin für Gran Turismo 5, neueste Ausgabe der erfolgreichsten Spielkonsole der Welt. Ich weiß, GT5 ist bereits seit einer Woche auf dem Markt. Ich weiß noch mehr: GT5 hätte schon vor über einem Monat in den Shops sein sollen. Die laufende Ungewissheit ob des Erscheinungstermins war das Thema des Vorspiels „The Making of …“, Regie: ein Mann von beachtlichem Charme. Ich war im Oktober zur Präsentation der fünften Serie in Tokio, da verlautete dieser Mann, Chefentwickler Kazunori Yamauchi dies: „Wir können GT5 jederzeit rausbringen.“ Nachsatz: „Wir können aber auch noch daran weiterarbeiten.“

Mit diesen Worten erhob sich der Designer von seinem Sitz und ging zu einem Monitor, wo gerade ein roter Mercedes SLS im Bild war. Yamauchi nickte in Richtung eines Assistenten, der ins Keyboard eines Laptops hämmerte, worauf am Monitor die Tür des SLS nach oben schwang. „Zum Beispiel die Nähte“, sagte Yamauchi und zeigte auf ein Stück Innenverkleidung des virtuellen Boliden. „Mir fiel vor kurzem auf, dass die im Originalauto ein anderes Strickmuster haben als in der Konsole. Das haben wir korrigiert.“

Und somit lächelte Yamauchi verbindlich ins Publikum, das waren zwanzig europäische Journalisten, die von Mercedes für die Präsentation eingeflogen worden waren. Dort kam langsam Verständnis auf, wenn auch generell Verblüffung herrschte.

Letztere dominierte bei mir, ich hatte ja immer gedacht, bei Racing-Games ginge es darum, wer als Erster die Zielflagge sieht. Und hier stand also eine japanische Kultfigur und erklärte, warum sich das Erscheinungsdatum der heiß erwarteten Konsole wegen einer nicht ganz richtig programmierten Innennaht verzögere. Eventuell Besorgnis erregend verzögere, das Weihnachtsgeschäft war bereits im Gange und auf einen konkreten Erscheinungstermin wollte er sich nicht fixieren. Cool.

 

Yamauchi (re) während der Präsentation

Kazunori Yamauchi – Präsident von Polyphony Digital, Vorstandsmitglied von Sony und Produzent der GT-Serien – machte nicht den Eindruck, als ob ihn derlei Kleinigkeiten sonderlich tangierten. Eher wirkte er wie ein Vater, den es stört, von seinem Baby lassen zu müssen. Auch wenn das Baby nur eine Konsole ist. Er war mir auf Anhieb sympathisch.

An dieser Stelle ein wenig Hintergrund. Es ist ja nicht so, dass ich Motorexperte bin. Und wenn es um Games geht, werde ich mitunter sogar feindselig. Wie kam es also dazu, dass es dazu kam? Ganz einfach. Es gibt in Wien einen Autofreak und Journalisten (in dieser Reihenfolge) namens Franz Sauer, der sich eingebildet hatte, Motorrad fahren zu können. Und einen Beinbruch später hatte er die Einladung von Mercedes sowie die Erinnerung, dass ich Tokio-Vergangenheit habe. Tatsächlich hat Tokio mein Leben verändert. Aber das nur nebenbei.

Zweitens ist es nicht so, dass zib21 für Motorjournalismus bekannt ist, im Gegenteil, gelegentlich herrscht hier diesbezüglich kritischer Wind. Hat mit Weltanschaulichem zu tun, und da gäbe es zum Thema die unterschiedlichsten Ansätze.

Zum Beispiel jenen – auch hier vertretenen, dass Autofahren in der Großstadt wider die soziale Vernunft ist, zumal in Zeiten des immer weniger werdenden Öls, um das sich immer mehr streiten. Dem schräg gegenüber liegt die Position des nihilistischen Individualisten, der sich sein Leben voll geben will, und nach ihm die Sintflut.

Ehrlich gesagt, ich werde mit beiden Positionen nicht sonderlich warm. Vernunft hat was permanent Bodenständiges, da geht es ums Verwalten des Irdischen, um das Sichern einer Qualität, darum geht es und vor allem geht es nicht weiter. Purer Individualismus wiederum ist zunächst verständlich weil kindlich und wird im Lauf eines Lebens banal, und je länger der Mensch von diesem Kind in ihm nicht lässt, umso banaler wird er.

Einen Kick krieg ich auf Dauer nur vom Wissenwollen, ich finde, der Mensch sollte dorthin, wo er noch nicht war, am besten zu den Sternen. Das ist fortschreiten wollen, eine apollonische Sehnsucht, für mich was zutiefst Humanes – und dafür braucht es Technologie. Insofern sind Mercedes und Sony perfekte Adressen. Das „Ja“ zur Einladung „Ein Tag in Tokio“ war ein No-Brainer.

Vorspiel

Natürlich war es mehr als nur ein Tag. Es war eine Orgie an Detailverliebtheit und Passion für die Sache. An der Klimax stand der Umstand, dass die GT5-Konsole einen Mercedes SLS am Cover hat, der erste Nichtjapaner der Serie. Das bedeutete zunächst einen Besuch des AMG-Werks in Affalterbach, wo die Motoren handgemacht aus der Werkstatt kommen, das bringe das gewisse Etwas mehr, hieß es. Und dann wurde es ein wenig science-fiktiv.

Da steigst du ein, meinte er.

Ich wurde in einen bereit stehenden Boliden verfrachtet (hinten am Kofferraum waren unter anderem die Buchstaben S und AMG sowie die Ziffern 500 angebracht, fragen Sie mich nicht) und sollte damit zum Hockenheimring fahren. War nicht schwer, man konnte den Satnav fragen, der reagierte auf Stimme und keine Ahnung, warum mir da ausgerechnet der seltsame Hasselhoff in die Denkstelle geriet. An der Rennstrecke angelangt, wartete dort Bernd Schneider, ein 5facher Weltmeister im Schnellfahren, der mit der Hand auf ein rotes Geschoß deutete, mit dem ich ein paar Runden drehen sollte, sagte er. Im Ernst.

Ich war dann binnen zehn Sekunden schneller unterwegs als je zuvor in meinem Leben, nach zwei Kurven war auch die Angst weg: Etwaige Fahrfehler meinerseits wurden nämlich von einem Computer korrigiert – wurde mir gesagt, und das stimmte wohl auch, denn gewisse Dinge, die ich mit Lenkrad oder Gasfuß anstellen wollte, ließ der Wagen nicht zu. Und so kam es, dass ich von diesem utopischen Ding vollkommen verführt wurde.

Später fragte ich mich mal, ob ich käuflich bin. Räumt mir der Umstand, in den besten Restaurants von Stuttgart und Frankfurt zu essen, am Steuer von Traumautos zu sitzen, mit zwei ebenso makellosen wie allürenfreien Mercedes-MCs namens Melanie und Toby nächtliche Bar-Talks über Gott und die Welt zu genießen, in der Business Class des modernsten Passagierflugzeugs der Gegenwart nach Tokio zu jetten … räumt mir all dieser Luxus alle Kritikfähigkeit ab? Ganz ehrlich: nein, aber …

Ein Tag in Tokio

Ich bleib jetzt lieber nicht allzu lange am Faktum hängen, dass am Narita Airport 10 schwarze Mercedes inklusive weiß behandschuhte Chauffeure auf die 20 Journalisten aus Europa warteten, das führt nur zu kritischen Gedanken über das eben Angeschnittene, Statusbewusstsein von Großkonzernen und so weiter, wenn auch nicht bei mir, ich saß in der ersten Reihe fußfrei, wenn es darum geht, die ersten Bilder der Japan-Metropole in sich aufzunehmen, Tokio hat sich seit meinem letzten Aufenthalt massiv verändert, die Highways führen jetzt dreistöckig durch die Häuserschluchten, wenn du im siebenten Stock wohnst, fährt an deinem Fenster ein Auto vorbei.

 

Polyphony Digital, Tokio

Wenige Stunden später waren wir im Hauptquartier von Polyphony Digital, in einem Stadtteil des Molochs Tokio, keine Ahnung welchem, was weiß ein Fremder, in welchem Teil dieses mit Yokohama auf 30+ Millionen Einwohner zusammen gewachsenen Zustands er sich befindet.

In der Fabrik herrschte Chaos. Eine riesige Halle mit winzigen Kojen für 140 Mitarbeiter, darunter „52 Ingenieure und 73 Künstler“, erklärte Yamauchi während der Führung. Und 15 Leute, die dafür sorgen, dass sich die 125 Kreativen sauwohl fühlten.

Es wurde schnell transparent, warum diese Fabrik im Ruf der größten Nerdzentrale Japans steht, es wird an alles gedacht, in einem Maß, das es für vollblütige Nerds widersinnig erscheinen lässt, die Fabrik zu irgendeiner Tageszeit zu verlassen.

Die Kojen sind mit unzähligen unterschiedlichen Monitoren gespickt, etwa „um die Farbumsetzung zu prüfen“ (Yamauchi). Überall Spielzeugautos, Modellkataloge mit jedem Auto der Welt und in allen Farben. In der „Ideenkammer“ eine Präsenztafel mit Bettplaketten, damit transparent ist, wer gerade in welcher Koje schläft – auf einer Matratze unter dem Arbeitstisch. Anderswo eine perfekt temperierte Weinkammer, ein „Relax“-Raum, eine Bibliothek. In den Aschenbechern der Raucherkoje türmten sich Mentholkippen. Es gab eine Fitnesskoje mit Joggingtrainer, es gab einen Küchenchef, der geniale Happen servierte, es gab in der Tat keinen Grund für einen Computerfreak, diesen Ort zu verlassen.

 

Erfrischungsraum

Ein Tokiote, der hier landet, kann nur eines wollen, nämlich nie wieder weg. Er ist im Dorado.

Die Crew wirkte wie eine eingeschworene Gemeinde und jedenfalls sehr unjapanisch, aber vielleicht ist das die Zeit, vielleicht war das nur ich. Ich war vor 20 Jahren zuletzt in Tokio, da dominierten Form und betonte Unterwürfigkeit, du kamst nirgendwo ohne Verneigung vorbei. Yamauchis Leute wirkten entspannt, Yamauchi selbst ohnehin wie das personifizierte Selbstbewusstsein.

Er ist 43, klein und dünn und war zur Präsentation in lockerem Nihilistenschwarz gekleidet und als bekennender Autofreak gerade in der Zone. „Zuerst blicke ich immer aufs Lenkrad“, sagte er. Der Rest fände mit der Zeit seinen Platz, Betonung auf „Zeit“. Es dauert sechs Monate, um ein Auto für die Konsole zu entwickeln. Wie schon oben angedeutet, er ist etwas detailverliebt. Das Wort „besessen“ wär auch nicht vermessen.

Die Innenausstattung, originalgetreu bis zur Tachonadel. 2000 Fotos wurden vom SLS gemacht. Dann so Kleinigkeiten wie das Gewicht des Boliden, der Umstand, das sich mit jeder Runde mehr der Tank leert, das Fahrverhalten des Gefährts sich daher ändert. Wird alles simuliert.

Dann die Rennstrecke. Vom Nürburgring, zum Beispiel, wurden 80 000 Fotos gemacht, dann 18 Monate entwickelt. Yamauchi zeigte auf einen seiner Assistenten. „Der ist seit zehn Jahren bei mir“, sagte er. „In diesen zehn Jahren hat er sich nur mit dem Nürburgring beschäftigt.“ Wieder dieses unverbindliche Lächeln. Es war alles ein wenig bizarr.

 

Doing Stephen Hawking

Acht Gran Turismo-Games hat Yamauchi bislang geschaffen, die von über 50 Millionen Usern gespielt werden, zwei Game-Baftas stehen neben vielen anderen Preisen in seinem Trophäenschrank. In Gran Turismo 5 Prologue standen 70 Autos zur Auswahl, in der 5er-Vollversion sind es nun über 1000. Dass es von diesen 1000undetlichen ausgerechnet der SLS aufs Cover schaffte, hatte mit einem Schachzug von Mercedes zu tun. „Ich bekam den Prototyp des SLS zu testen“, sagte Yamauchi. Das reichte ihm, um entsprechend angetan zu sein, und dies war nun jener Moment, da ich Yamauchi voll und ganz verstand.

 

Doing Scarlett

Es war nur ein Tag in Tokio, aber es gäbe noch viel zu erzählen. Vom abendlichen 12-Gangmenü im Nobelrestaurant Ukai-tei in der Ginza, als sich, animiert von den genialen Gerichten, ein Schweizer Producer namens Markus Cavelti als eleganter Meister einer Konversation enthüllte, die alle schönen Wesen des Raumes an unseren Tisch lockte. Vom nächtlichen Sitzen am Fenster des Conrad-Hotels im 35. Stock mit Blick über die Häuserschluchten an der Tokio Bay, während Scarlett Johannsen im TV lief und sich in der Übersetzung verlor. Von dadurch hochgespülten Memories an eine Zeit, als ich nach Tokio fuhr, um eine Japanerin zu heiraten, die sich eine Nacht später als Britin entpuppte.

Tokio Bay via Conrad Hotel, Foto: Xaver Hiebner

Von Kazunori Yamauchis Verwendung der Floskel „pursuit of excellence“, der Hingabe an das Großartige, die ihn immer wieder zögern ließ, die 5er-Konsole mit dem SLS am Cover endlich freizugeben, es gäb ja noch so viel zu verbessern, etwa das dynamische Wettersystem, wie er meinte, damit sich ein virtuelles Regenrennen so anfühlt wie ein reales Regenrennen. Und von vielen leidenschaftlichen Großartigkeiten und Detailverliebtheiten mehr. Aber wie wir wissen, ist Gran Turismo 5 seit einer Woche auf dem Markt. Und vom Rest ein Andermal, maybe.

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Anke@ccm-news

Ein Kommentar »

  • FNF sagt:

    sehr hübsches oeuvre, aber da ist wieder ein stachel wider den nicht zu löcken mir unmöglich ist: „Purer Individualismus wiederum ist zunächst verständlich weil kindlich und wird im Lauf eines Lebens banal, und je länger der Mensch von diesem Kind in ihm nicht lässt, umso banaler wird er.“

    kindlich oder kindisch ?

    Der gute Hirte

    23 1 Ein Psalm Davids.

    Der HERR ist mein Hirte,
    mir wird nichts mangeln.

    2 Er weidet mich auf einer grünen Aue
    und führet mich zum frischen Wasser.

    3 Er erquicket meine Seele.
    Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

    4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
    fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

    5 Du bereitest vor mir einen Tisch
    im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

    6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
    und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

    sich in einer kindlichen grundhaltung (so ihr nicht werdet wie die kinder, werdet ihr niemals ins himmelreich gelangen) das („gott“)vertrauen zu bewahren, dass alles, was mir widerfährt, auch wenn es mir in diesem moment nicht gefällt, mir unangenehm ist oder sogar sehr weh tut, ich letztlich als unterstützung auf meinem pfad erkennen werde, bedeutet ja nicht, sich der „realität“ der 4d-welt nicht bewusst zu sein und sie „blauäugig“ zu ignorieren.
    und ich sehe einfach nicht ein, warum ich mit dieser synthese von kindlicher welt und „realismus“ warten soll, bis ich einen stock brauche, und die wiedergewonnene kindlichkeit als senilität durchgeht.

    und ja, die knaben an der adresse via muri werden sehr überrascht sein, wenn die „kinder“ (die rainbow warrior) sich plötzlich so benehmen, weil wir ohne jeden rest von zweifel _wissen_, dass sterben einen nicht umbringt:

    (*und wieder mal: natürlich auch die tapferen frauen)

    ref:

    der text würde wohl in mehrfacher hinsicht besser zum schwertbruder passen, but wtf, ganz falsch ist er wohl hier auch nicht.

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