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Notizen aus Dublin (2): Die da drüben sind schuld

Von | 30.11.2010, 8:42 | Kein Kommentar

Ein Abend im Pub. Oder: Wie die Xenophobie Einzug in die Diskussionen an der Bar hält.

Foto: Elizabeth Burnett, Lizenz: CC 2.0 BY-ND

Ein Abend im Pub. Oder: Wie die Xenophobie Einzug in die Diskussionen an der Bar hält.

Dunkel ist es draußen schon seit mehreren Stunden, und auch die Kälte macht sich um diese Jahreszeit langsam aber sicher wieder bemerkbar. An meinem Fensterplatz im Pub kann man die letzten Einkäufer betrachten, die noch schnell in den lokalen Shop hetzen, um sich nach der Arbeit mit dem Notwendigsten einzudecken.

Drüben an der Bar ist es recht bevölkert für einen Wochentag. Der örtliche Bauunternehmer diskutiert lautstark mit dem Rektor der Schule, warum nur der sofortige Austritt aus der EU das einzig Richtige ist. Irland sei so lange ohne “die da drüben” klar gekommen, und seit wir bei der EU sind, gehe es nur bergab (dass der zwischenzeitliche Aufschwung in diesem Land nur durch die großzügigen Fördergelder der EU überhaupt möglich war, vergisst er zu erwähnen). Der Rektor und auch die Umstehenden nicken dem Wortführer zustimmend zu.

Die Stimmung ist aufgeheizt, aber gut. Und mit jedem Glas Bier wird sie besser und vor allem lauter. Die anfangs nicht ganz unsachliche Diskussion ist längst in das gegenseitige Zuwerfen von Platitüden und Tiraden ausgeartet, und natürlich haben es alle Anwesenden sowieso schon immer gewusst.

Hörte man eingangs noch so manche Kritik an deer Unfähigkeit der eigenen Regierung, so wurde diese vom Wortführer – der selber seit Jahren eben diese Partei im Gegenzug für so manchen Gefallen großzügig unterstützt – schnell unterbunden. Und im Laufe der nächsten Stunde und der nächsten drei Runden Guinness wird jeder Anwesende darüber unterrichtet, wer die wahren Schuldigen an der Krise sind.

Natürlich die Engländer. Die sind seit Jahrhunderten hier in Irland an allem schuld – auch am schlechten Wetter. Und die Merkel, was sich die einbildet. Und mit den Franzosen will man sowieso nichts zu tun haben, mit diesen eingebildeten Schnöseln.

Die Blicke sind getrübt, die Gedanken dumpf, und langsam aber sicher gehen selbst dem Wortführer (So wie er aussieht, könnte er übrigens jederzeit in ”Little Britain” mitspielen) die Floskeln aus. Um trotzdem nicht alleine an der Theke zu stranden, übt er sich in seltener Großzügigkeit und schmeißt für die verbliebenen zehn Leute im Pub eine Lokalrunde, was bei 5 Euro 50 pro Glas Guinness ein ganz schön teures Unterfangen ist.

Davon profitiere nun auch ich, also ernenne ich den lauten und provokanten Bau-Tycoon für die nächste Viertelstunde einmal zu meinem allerbesten Freund und setze mich zum Rest der Bande an die Bar.

Er beginnt traditionelle irische Lieder zu singen (Warum glauben eigentlich alle Iren, dass sie musikalisch sind?), von den “Fields of Athenry” und den “Hills of Connemara”. Und ignoriert geflissentlich die Mahnung des Pubbesitzers zur “Last Order”, denn jetzt ist er erst so richtig in Fahrt.

Nachdem er von den ‘Black & Tans’ gesungen hat, erklärt er zum Ausklang noch einmal, dass die Engländer an allem schuld sind. Die Jahrhunderte der Unterdrückung sitzen tief, auch in einer Generation, die mit alledem nichts mehr zu tun hat.

Aber jetzt, erklärt er mir mit flüssiger Aussprache, jetzt wird alles besser. Jetzt haben wir das Geld von der EU, jetzt wird alles wieder aufwärts gehen.

Irland hat doch schon so viele Krisen überlebt, warum nicht auch diese? Er hat mittlerweile den Arm um mich gelegt, als würden wir einander seit vielen Jahren kennen und schätzen. Und nach über einer Stunde des Palaverns mit mir gibt er mir zum Abschied noch sein Rezept gegen die Krise mit auf den Weg: Man müsse nur schauen, dass endlich “diese ganzen Ausländer” wieder von der Insel verschwinden, damit es wieder genug Arbeit für “uns Iren” gibt – das “uns” gilt trotz meines nicht akzentfreien Englisch’ auch für mich.

Ich bedanke mich artig fürs Bier und mache mich auf den Heimweg hinaus in die dunkle Nacht. Die Xenophobie hat also an den Pubtresen Einzug gehalten. Das verwundert leider nicht wirklich.

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