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Vizebürgermeisterin einer Weltstadt?

Von | 28.11.2010, 15:48 | 4 Kommentare

Sie wurde Vizebürgermeisterin, ergo muss Wien eine Weltstadt sein. Meinte Maria Vassilakou. Hat jemand ein Taschentuch?

Maria Vassilakou by Die Grünen Wien, Lizenz: CC Attr. 2.0 Austria

Sie wurde Vizebürgermeisterin, ergo muss Wien eine Weltstadt sein. Meinte Maria Vassilakou. Hat jemand ein Taschentuch?

Wahrscheinlich war es ja nur so, dass der Anlass sie übermannte. Das Ritual der Angelobung. Der Prunk des Rathauses. Das Bewusstsein, angekommen zu sein. Was immer. Immerhin ist sie jetzt wer. Vizebürgermeisterin von Wien. Vor einem Jahr hätte sie schon Vizeministerin in Griechenland werden können. Hat sie abgelehnt. Schwer zu sagen, warum sie lieber nicht Vizeministerin im Lande Homers, lieber schon Vizebürgermeisterin in der Stadt des Walzerkönigs ist.

Aber gut, nun ist sie es, und da kann schon die Rührung hochkommen und etwas Törichtes in die Zunge geraten. Zum Beispiel: „Dass eine wie ich Vizebürgermeisterin werden kann, beweist, dass Wien eine Weltstadt ist.“

Also wirklich.

Mir fallen mindestens drei andere Gründe ein, warum Frau Vassilakou heute Vizebürgermeisterin ist. Erstens die demokratische Realität. Da waren die Wiener Wahlen, nicht wahr, in welchen die Roten ebenso abgebissen haben wie die Grünen. Und überragender Wahlsieger war einer, der damit geworben hat, dass „so eine wie die Vassilakou“ (Balkan!) nicht einmal hierher immigrieren kann. Das macht Wien noch lange nicht zur Weltstadt, sondern lediglich zu einer Hochburg der Xenophoben, no? Der Rest ist Mehrheitsrechnung. Zwei Parteien geraten gemeinsam über die 50%-Marke. Und so wird also die BossIn der kleineren Partei der neue Vize.

Aber gut, die beiden Parteien mussten natürlich erkennen, dass sie miteinander können. Haben sie. Hier ist der zweite Grund, warum Frau Vassi Vizebürgermeisterin werden konnte: weil in ihrer Partei die Devise „rotgrün um jeden Preis“ herrschte. Und so setzte sich halt die Umweltschutzpartei mit dem Mann zusammen, dem sie mal den „goldenen Auspuff“ verliehen hat und machte so lange Abstriche (keine City-Maut für Autofahrer, keine Jahreskarte für die Wiener Linien um 100 Euro), bis der Herr Häupl gütig nickte (ehe er aufs Klo lachen ging, nehme ich mal an).

Womit Wien in den kommenden Jahren anstelle einer gesunden radikalen Politik weiterhin das bewährt-gemütliche Stoßmichziehdich-Programm hat, a bissale Tempoverlangsamen hier, a bissale Parkgebühren anheben dort. Und ein paar Radwege gegen die Einbahn mehr, für jenen Drahtesel, der mich, den passionierten Fußgänger, mal über den Haufen fahren wird, weil ich beim Überqueren des Wegs in die falsche Richtung schau. Und das Konfliktthema Autobahnring? Wird vertagt.

Und so konnte sich der Bürgermeister sogar den Sager leisten, dass er lieber mit den Grünen „über ein paar Straßenkreuzungen“ als mit den Schwarzen über Bildungspolitik streitet. Er verhehlte nicht einmal, warum ihm das lieber ist: weil Bildungspolitik „wichtiger“ ist. Das erlaubt natürlich den Umkehrschluss, dass Häupl lieber nicht mit den Grünen über „Wichtiges“ streitet. Aber zur Weltstadt macht das Wien noch lange nicht. Es weist lediglich den Bürgermeister der Stadt als den präpotenten Platzhirschen aus, der er ist. Der hätte unter diesen Umständen mit den Grünen auch können, wenn deren ChefIn nicht Vassilakou sondern Incitatus hieße, Sie wissen schon, Caligulas berühmter Minister.

Aber gut, sie heißt nun mal Vassilakou und angesichts ihrer Erscheinung fällt mir noch ein dritter, männlich chauvinistischer Grund für ihre Vizebürgermeisterinhaftigkeit ein, den ich Herrn Häupl ohne Mühe zutraue. Mal ehrlich: Gibt es jemanden in Österreich, der nicht lieber mit der attraktiven Maria an einem Tisch säße als mit der Marek, die, ganz abgesehen von ihren inneren „Werten“, sich heute noch einer Frisur befleißigt, die anno Nachkrieg in einem Dorf zwischen den Bergen ersonnen wurde, als der erste aufwärmbare Plastiklockenwickler dorthin gelangte – quasi als lebende Plakatwand für den Slogan „Hinterwald pro Wien“? Na eben. Der Bürgermeister wär doch bescheuert, wenn ihm das lieber wäre. Und er mag vieles sein, aber bescheuert ist er nicht.

Womit ich nicht sagen will, dass die neue Vizebürgermeisterin keine gute Politikerin ist. Sie ist sicher hervorragend, sonst wär sie nicht, wo sie ist. Nur ist eine hervorragende Politikerin als Koalitionspartner das letzte, was Häupl braucht. Der braucht keine, die ihn vom Tisch argumentiert. Er braucht jemanden, an dem er sich abputzen kann, dem er die „unpopulären“ Entscheidungen überlässt. Die Pro-Immigrationssager. Die Anti-Autofahrer-Parolen. Die Momente für die richtige Haltung.

Ich hoffe, sie wird sich das leisten, insbesondere, weil Wien – wie jede Donaumetropole – eine Einwandererstadt ist. Das ist ihr historisches Erbe. Die Besiedelung Europas begann vor 40 000 Jahren, den Donaufluss aufwärts. Nur hören das die Wiener nicht gern. Sind ja keine Weltbürger. Nenn mir einen Wiener von Welt, und ich nenn dir eine Heerschar, deren Gedankenwelt am Kahlenberg endet, Prinz Eugen etcetera, soviel zur Weltstadt.

Daher wünsche ich der Vizebürgermeisterin viel Glück. Sie kann es brauchen. Aber kann ein Mensch so viel Glück haben, wie sie braucht? Angenehme Tage, liebe Leute.

4 Kommentare »

  • saxo lady sagt:

    wiener von welt?
    qualtinger, falco, oskar werner,….
    ups alle schon tod. egal.
    ich lass mich grad ärgern. gar kein gutes zeichen, lieber frater.

    „Mal ehrlich: Gibt es jemanden in Österreich, der nicht lieber mit der attraktiven Maria an einem Tisch säße als mit der Marek, die, ganz abgesehen von ihren inneren „Werten“, sich heute noch einer Frisur befleißigt, die anno Nachkrieg in einem Dorf zwischen den Bergen ersonnen wurde, als der erste aufwärmbare Plastiklockenwickler dorthin gelangte – quasi als lebende Plakatwand für den Slogan „Hinterwald pro Wien“? “

    das ärgert mich. echt. auch wenn ich den frater gut genug zu kennen glaub, dass er damit nur ein mögliches innenleben des netten dicken herrn im rathaus skizzieren wollte. könnt sich schon auch so lesen, als würd er über frisuren und äußere attribute der damen reden wollen…

    grrrrrrrrrrr
    herzlichst
    saxo

    • Frater Gladius sagt:

      Hinter Mareks Frisur steckt ein Geist, Saxo. Der Nachkriegsgeist. Die Zeit, als die ÖsterreicherInnen alles darum gaben, plötzlich wie Opfer dazustehen. Daher die Pudeltarnung. Seht uns an, liebe Supermächte, wer so eine Frisur hat, kann doch nur Opfer sein, no? Raffiniert, eigentlich.
      Als seltener Wien-Besucher war ich im Herbst daher binnen Tagen in Depressionsgefahr, als da diese optisch doch sehr schöne Stadt überall mit den Konterfeis der Dame verhunzt wurde. Wenn ein Banksy sich das erlaubt, landet er unter Umständen im Knast. Ihr FG

      • saxo lady sagt:

        hm. jaklar, hinter dem goder vom pepi pröll auch.
        aber das leiden im herbst war klar. wer sich in wien befindet aber nicht das glück hat, eins unserer konzerte zu erwischen…seufz ;)

        • Die Stimme sagt:

          Bitte, Saxo Lady, keine Bewertungen von männlichen Schönheitsattributen ;-)),
          aber natürlich hast Du Recht.Immer wieder erstaunlich, dass bei bei Politikerinnen das Äußere kommentiert wird.

          Frater, ich finde Ihren Artikel hervorragend, Mareks Frisur ist in der Tat nur äußeres Zeichen innerer Haltungen, so wie auch der Goder von Pröll!!

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