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Notizen aus Dublin (1): Dave und der Tag danach

Von | 23.11.2010, 12:18 | Kein Kommentar

Irland ist an seiner Gier gescheitert und braucht Milliarden um die Staatspleite abzuwenden. Doch unser Eierbauer Dave ist trotzdem erleichtert.

Dublin, 19. November: Draußen wartet ein Kameramann. Drinnen im Finanzministerium wird gerade über den Bailout Irlands verhandelt. Foto: William Murphy, Lizenz: CC 2.0 BY-SA

Irland ist an seiner Gier gescheitert und braucht Milliarden um die Staatspleite abzuwenden. Doch unser Eierbauer Dave ist trotzdem erleichtert.

Seit wir in Irland leben (und das sind auch schon mehr als zwei Jahre), holen wir einmal pro Woche unsere garantiert freilaufend entstandenen Hühner- und Enteneier direkt von Dave, unserem Eierbauern und entfernten Nachbarn.

Damit verbunden ist immer ein kleiner Plausch, eine willkommene Abwechslung vom hektischen Berufsalltag im Irland anno 2010. Eine halbe Stunde durchschnaufen, ablästern und smalltalken, die er offenbar genauso genießt wie ich das tue.

Auch heute, am „Tag danach“, hat er sich wieder ein wenig Zeit für mich genommen. Und an Gesprächsstoff mangelt es ja nicht am Tag, nachdem die Negativschlagzeilen die Weltreise angetreten haben: Irland sei quasi bankrott, unfähig, den Staatsbetrieb aufrecht zu erhalten. Und – soweit stimmt die Story auch – Irland wird eine zig Milliarden schwere Hilfe der EU annehmen müssen, in Form von Haftungsübernahmen und Krediten, um das marode Bankenwesen etwas zu gesunden.

Dave wirkt erleichtert, und das erklärt er auch gerne. Endlich, endlich wurde der falsche Stolz beiseite gelegt, und endlich auch wurde die gnadenlose Unfähigkeit der eigenen Regierenden offensichtlich.

Zuletzt hatte in Irland jahrzehntelang eine kleine aber eingeschworene Politgemeinde das Ruder mit aller Macht in der Hand gehalten. Ein Intrigenstadl, der wohl EU-weit seinesgleichen sucht. Eine Günstlingswirtschaft, die es schaffte, Milliarden und Abermilliarden von Mehreinnahmen durch den keltischen Tiger (so bezeichnet man den unerwarteten Wirtschaftsaufschwung Ende der 90er und Anfang der Nullerjahre, der auch zum Großteil aus Mitteln der EU mitfinanziert wurde) in den Sand zu setzen beziehungsweise in allerhand dunkle Kanäle verschwinden zu lassen. Von Spesenkaiser Bertie Ahern bis zu seinem Zögling Brian Cowen war es nur mehr ein kleiner Schritt, und dieser konnte lediglich noch die ärgsten (Brand)spuren beseitigen.

Dave hat sich in Rage geredet. Das gebräunte Bauarbeitergesicht (die Farm betreibt er nur als Hobby) färbt sich ins stark rötliche, während er einen Querschnitt durch so manche Skandale der jüngeren Vergangenheit gibt. Vom FAS (vulgo Arbeitsamt)-Werbespot um vier Millionen Euro ist da die Rede. Der wurde zwar von einem Günstling der Regierung produziert und verrechnet, aber man hatte vergessen, die Sendezeit mit einzukalkulieren ins Budget, und deshalb ging der Spot nie auf Sendung. Aber er wurde natürlich bezahlt.

Von elektrischen Wahlkampfmaschinen erzählt er mir, die um 150 Millionen Euro gekauft wurden, aber mangels entsprechender Gesetze niemals eingesetzt werden durften, und bis heute bei jährlichen Lagerkosten von 1,5 Millionen Euro vor sich hin verstauben. Dass die Lagerhalle einer Verwandten eines hohen Tiers in der Regierung gehört, ist da nur so ein Detail am Rande.

Ein Schelm, wer nun denkt, dass Schilda in Wirklichkeit ein Randbezirk von Dublin ist.

Dave freut sich auf die Neuwahlen. Nicht weil er Anhänger einer anderen Partei ist. Sondern weil er, wie viele andere in diesem Land auch, einen Punkt erreicht hat, wo es ein Ende hat mit der sprichwörtlichen irischen Gelassenheit. Zu lange sind die Menschen in Irland nun von der Politik mehr an der Nase herumgeführt worden als wohl in irgendeinem anderen europäischen Land. Und das war unter anderem nur möglich, weil viele durch den Wirtschaftsaufschwung persönlichen Wohlstand erreicht haben.

Doch im Irland anno 2010 ist das wieder Vergangenheit. Die auf Pump gekauften Häuser werden von den Banken zurückgeholt, der neue Zweitwagen (natürlich mit Vierradantrieb) gepfändet, weil die Raten seit mehr als sechs Monaten nicht mehr bezahlt wurden.

Daves Bruder ist Tischler. Und auch ein Opfer vollkommener Fehleinschätzung der eigenen Verhältnisse. In den goldenen Jahren brachte er monatlich zwischen 6- und 8000 Euro heim. Und hat sich – weil ja jeder Ire auf einmal Immobilienbaron werden wollte (und ihm die Leichtigkeit dieser Unternehmerei von der irischen Regierung auf Hochglanzinseraten auch vorgespiegelt wurde) – gleich zwei Häuser gekauft, und diese anschliessend vermietet. Fremdfinanziert zu 110 Prozent (!) – muss ja schliesslich auch eingerichtet werden, das Ganze.

Heute bringt er in guten Monaten noch knapp 2000 Euro heim, eines der Häuser steht seit mehr als einem halben Jahr frei, weil sich keine Nachmieter finden, die Mieter im anderen Haus zahlen schleppend. Rund 5000 Euro müsste er im Monat für die Häuser abdrücken.

Hat er aber nicht. Dafür aber Mahnbescheide en masse.

Irland 2010 ist zum Teil gescheitert. An der eigenen Gier, am Glauben an den Goldtopf am Ende des Regenbogens, und an einem skandalösen Management.

Aber es gibt auch noch andere, es gibt auch die Daves. Diejenigen, die sich nicht in der Hoffnung auf schnellen Mammon in die Schulden gestürzt haben. Diejenigen, die einen klaren Kopf bewahrt haben.

Und das sind diejenigen, die dieses Land auch wieder aus der Krise herausarbeiten werden.

Denn Dave liebt es, hier zu leben. So wie wir. Irland 2010 ist pleite, aber wunderschön.

Nachsatz des Verfassers: Ob das wachende Auge, das der österreichische Finanzminister Pröll laut gestriger ZiB auf Irland werfen wird, allerdings irgendeine Hilfe ist, bleibt abzuwarten.

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