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2000 Föten gefunden. Plädoyer für den Papst

Von | 21.11.2010, 17:01 | 6 Kommentare

Wie unterwältigend müssen die Zeiten eigentlich sein, wenn man sich bemüßigt fühlt, so einen wie Papst Benedikt zu loben?

 

Sehen Sie sich bitte dieses Bild an. Das ist ein Fötus. Ein Embryo nach Ausbildung der inneren Organe während der Schwangerschaft, also ab der neunten Woche. Man kann nun so einen Fötus bis zur Geburt eben einen Fötus nennen. Weil seine Lungen nicht genutzt werden. Sauerstoff und Nahrung werden durch Mutterkuchen und Nabelschnur verabreicht. Sie wissen sicher, warum diese Sprachregelung eine Rolle spielt: Einen Fötus kannst du abtreiben, ein Baby nicht. Weil ein Baby ein Mensch ist, ein Fötus dagegen ein … Etwas.

Ich hab – in einem anderen Leben – einmal so einen Fötus in den Armen gehalten, der war fünf Monate alt. Eine Fehlgeburt. Das Schönste, was ich je gesehen hab, wie aus einer riesigen Leber geschnitzt. Okay, es war ein Baby. Der Vater des Babys war eigentlich mit dem Rat des Arztes einverstanden gewesen, das Baby ungeschaut entsorgen zu lassen – dem Spitalgeistlichen übergeben, der es würdig bestatten werde. Aber die Mutter insistierte. Und so trat das „Ding“ aus seiner Anonymität hervor und die Eltern konnten darum trauern. Bekunden, dass ihnen das, was anfangs so ganz und gar nicht in ihre Zukunftspläne gepasst hatte, im Lauf der Monate ans Herz gewachsen war. Es brach nicht halb aus ihnen raus.

Aha, mögen Sie jetzt denken, wieder so ein verkappter Abtreibungsgegner. Ein Pro-Lifer, ein Rechter. Ich möcht schon bitten. Ich hab erstens was dagegen, dass die Pro-Lifers immer die Rechten sind und die Pro-Choicers die Linken.

Zweitens ist zunächst mal klar, dass die erste Entscheidungsinstanz zur Sache die Mutter ist, Verzeihung, die Trägerin des Fötus. Aber genauso klar ist, dass der Bewusstseinsstand zur Sache derzeit auf kümmerlichem ethischen Niveau hält. Es geht um mehr als um Fristen für unerwünschte Föten – deren Zustandekommen irgendwie als „blede Gschicht“ unter den Teppich gekehrt werden kann. Zum Beispiel um Demut. Vor dem, was sich um uns und mit uns ein paar schnöde Jahrzehnte lang abspielt, ehe wir allzu früh ins Gras beißen, ohne annähernden Tau, was das nun gewesen sein soll.

Somit nach Bangkok. Dort wurden vergangenen Freitag in einem Tempel 2000 Föten gefunden, die dann säuberlich in Plastiksäckchen verpackt und aufgereiht wurden. Damit ihnen buddhistische Gläubige Milch und Bananen opfern konnten, um ihre „Spirits“ fürs Nachleben zu stärken. Die Absender waren illegale Abtreibungskliniken.

Wieder so eine Sache, nicht wahr? Soll man über derlei religiöse Rituale den Kopf schütteln oder über den Umstand, dass Abtreibungen in Thailand verboten sind? Das heißt, es gibt ja ein paar Gründe, die Abtreibungen legal machen. Zum Beispiel Schwangerschaft durch Vergewaltigung.

Selbstverständlich ist es so, dass der Großteil dieser 2000 Föten ein Beiprodukt der massiven Sexindustrie in Bangkok sind. Die Frauen dazu gelangen aus verarmten Familien in die Industrie und selten freiwillig, sie müssen ihre Arbeit ohne Kondome verrichten, sie müssen abtreiben, weil sie sonst nur was kosten und nichts bringen (und überhaupt, wer will schon ein Bumsbomberbaby?) – ich habe keine Mühe, das als Vergewaltigung zu sehen. Nur ist die Industrie ein derart massiver Wirtschaftsfaktor, dass man vorzieht, die Sache unter „Lifestyle“ abzubuchen. Also eruiert man die Abtreibungsklinik und verhängt dort ein paar hundert Euro Strafe. Das Sexbusiness und seine Zustände bleiben unangetastet.

Inzwischen, im Vatikan, ereignete sich soeben Wundersames: Papst Benedikt XVI hat in Interviews für ein nächste Woche erscheinendes Buch die Benutzung von Kondomen in „begründeten Einzelfällen“ – z.B. Prostituierte – für erlaubt erklärt. Nicht als Lösung, sondern als „erster Schritt zu einer anders gelebten, menschlicheren Sexualität“.

Ich finde das sensationell. Ich werde sicher nicht müde, den Papst zu kritisieren, wenn er etwa priesterliche Pädophilie nur halbherzig verurteilt. Die Welt wird nicht müde, ihn als Hinterwäldler zu sehen, wenn er sich – wie wieder unlängst in Spanien – gegen die Schwulenehe stemmt. Obwohl, in letzterem Fall bin ich auf seiner Seite. Er tut damit ja nur seinen Job als Oberster Katholik. Ich meine, natürlich müssen homosexuelle Ehen gestattet sein. Aber wozu darauf bestehen, Katholik zu bleiben?

Mit dem Ansatz zur bedingten „Kondomerlaubnis“ schlägt Benedikt jedenfalls einen Weg ein, den keiner seiner Vorgänger je wagte. Und mit dem Begriff „menschliche Sexualität“ setzte er noch eine befreiende Komponente drauf, nämlich die Bereitschaft, Sexualität als solche zu thematisieren. Als Zuwendung, die über den Akt als Mittel zum Zweck der Zeugung hinausgeht. Hat es noch nie gegeben! Natürlich, bis zur Reform der Bulla Ineffabilis Deus (die Zementierung der „unbefleckten“ Empfängnis Marias) ist da noch ein immenser Weg. Aber die Richtung stimmt.

Außerdem ist es ein Schritt, den etwa der Feminismus – anno Johanna Dohnal so radikal unterwegs – schon lange nicht mehr machte. Der hatte unter dem Mantel der Emanzipation Großes geleistet, die Legalisierung der Abtreibung wurde manifestiert. Dann war eine Ruh zum Thema. Ein kongenial ethisches Bewusstsein blieb verkümmert.

Wie ist das zum Beispiel damit, wenn man vom Recht der Abtreibung Gebrauch macht, weil man sich der Elternrolle vordergründig „nicht gewachsen“ fühlt? Weil die „persönliche Freiheit“ damit meier ist. Weil man „die Karriere nicht dem Kind opfern“ will (gilt natürlich vor allem für die Frau). All diese Sager, die einem einfallen, wenn man die Suppe, die man eingebrockt hat, nicht auslöffeln will. Ist auch nicht nötig. Ein kleiner Eingriff, und das Malheur ist korrigiert. Sie badet aus, er atmet auf.

Ehrlich gesagt, mir geht da was verloren, nämlich mein Verständnis von Emanzipation. Ist es tatsächlich Emanzipation, wenn man sich vor den Konsequenzen leichter drücken kann? Ist das Credo „okay, ich war zu blöd um zu verhüten, aber ein Kind passt mir gerade nicht in den Kram“ nicht eher nur ein Pochen auf das Recht zur Unmündigkeit?

Eine seltsame Verdrehung der Begriffe, oder? Gerade die Akzeptanz der Konsequenzen fürs Tun ist es doch, die sich das Prädikat „Emanzipation“ verdient. Aber gut, wie ich sehe, gibt es in Zeiten des Internets mittler Weile andere Wege, sich der Frage zu widmen. Auf Geburtodernicht.com bitten „Pete & Alisha“ die Webuser zu entscheiden, ob sie abtreiben oder gebären sollen. Derzeit stehen die Zeichen mit 154 000 zu 145 000 Stimmen auf Abtreibung, 16 Tage lang darf noch gewählt werden, dann ist die Frist um. O tempora …

6 Kommentare »

  • Saxo Lady sagt:

    lieber frater,

    ich bin berührt. und ich muss gestehen, ich bewundere Ihren Mut.
    Dieses Thema ist ein unglaublich vielschichtiges. Es ist so schwer, da irgend etwas zu finden, das nur ansatzweise „richtig“ ist.
    Die Freiheit der Frau zu wählen? Ihren Lebensweg? Ihren Lifestile? Völlige Überforderung? Leichtfertiger Umgang? Wer kann schon sagen, was stimmt, wenn er nicht selbst in dieser Rolle war. Ich habe Freundinnen, die in dieser Situation waren. und jede einzelne hat sich intensivst mit den Konsequenzen auseinandergesetzt…hat sich nicht dazu in der Lage gefühlt, war alleine gelassen…etc. Ich hab jede einzelne verstanden, warum sie diesen weg gehen musst. Ich war nur einmal in der Position, darüber nachdenken zu müssen. Und für mich war …aus welchen gründen auch immer…klar: mit dieser Konsequenz könnte ich nicht leben.

    Der heutige Mainstream gibt vor: hier die (vertrottelten hardcore) abtreibungsgegner= wenige. da der zwang zur absoluten freiheit und individualität=viele

    und ganz individuell und frei ordnet sich die frau und der mann den wünschen der leistungsgesellschaft unter und bringen ganz individuell ihre 2 punktgenau organisierten nachkommen zur welt. am besten per kaiserschnitt, weil angeblich ja die muschi nach einer natürlichen geburt nicht mehr zu benutzen ist….und er vor allem viel besser planbar und in unsere freie individuelle welt passt.
    und die frauen in bankok, die ganz individuell sich der sexindustrie angepasst haben, die passen da perfekt rein.

    es ist wirklich bemerkenswert, wie leicht man sich unter der flagge der individualität versklaven lässt. nein. nicht man. wir uns.

    vielen dank für diese sehr behutsame differenzierte predigt.

    traurig? wahr? eine möglichkeit?

    • Frater Gladius sagt:

      Danke, saxo. Empfehle Urlaub im Weltraum, da hört niemand deine Schreie. Doch im Ernst: Männer sollten sich aber nicht mit dem bequemen „ist Frauenentscheidung“ abwischen. Da ist immer noch jener Diskussionsprozess, der sich unvermeidlich entwickelt, wenn der Schwangerschaftstest „positiv“ signalisiert. Ich kann mich gut erinnern, welche Motive meine einschlägigen Wortspenden – in jenem früheren Leben – da leiteten: der pure Unwille, von meiner Leichtigkeit des Seins zu lassen. Die mangelnde Größe, gedanklich ein „wir“ zu formulieren. Das weitaus bequemere „ich“ war zu dominant. Ihr FG

      • saxo lady sagt:

        lieber frater, deine predigten und die möglichkeit dazu zu posten SIND urlaub im weltraum.
        herzlichst

      • saxo lady sagt:

        ..und weil ich grad les, wie missverständlich ich mal wieder formulierte:
        mir war klar, dass ich mit den konsequenzen einer abtreibung nicht leben könnte.

  • Ich meine auf diese Idee hätte er früher kommen sollen, denn wieviele Krankheiten haben sich inzwischen wegen dieser DUMMHEIT verbreitet, ich schweige schon über ungewollte Kinder, die zu Welt gekommen sind. Was meinen Sie zu diesem Thema, war das richtig von Ihn die KOndome zu erlauben

    • Frater Gladius sagt:

      Lieber spät als gar nicht. Ich rechne es Benedikt hoch an, ein Thema angefasst zu haben, das die Kirche habituell gemieden hat wie den Beelzebub. Was hat denn sein charismatischer Vorgänger gemacht, abseits der publikumswirksamen Geste, den Boden aller Länder zu küssen?
      Ich habe Benedikt anlässlich seiner Tour der Britischen Inseln aufmerksam verfolgt. Ich glaube, dass er sich da einen läuternden Prozess gegeben hat. Er ging anders aus der Tour hervor, als er sie begonnen hatte. Und ja, die Kondom-Entscheidung war richtig. Abgesehen von gesundheitlichen Aspekten vor allem deswegen, weil er die „menschliche Sexualität“ ansprach, damit also eine partnerschaftliche Zuwendung, eine Kommunikation, die über das Kinderkriegen hinausgeht. Und dabei hat ihm meines Erachtens seine Apologie bei den irischen Pädophilie-Opfern geholfen. Zuvor dominierte bei den priesterlichen Tätern ja immer die Sprachregelung, dass man das „Erliegen der Versuchung“, also den Sündenfall, mit folglicher erhöhter Bußarbeit weißwaschen könne. Nun besteht zumindest die theoretische Möglichkeit, eine priesterliche Sexualität zu thematisieren – und sie nicht nur an denen abzureagieren, die sich nicht wehren können. Ihr FG

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