Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Denkzeit » Bildung: Opium für das Volk?
Share

Bildung: Opium für das Volk?

Von | 16.11.2010, 20:07 | Kein Kommentar

Die Journalistin Ulrike Herrmann glaubt, dass wir uns leichter ausbeuten lassen, weil wir so gut gebildet sind. Diese These kaufe ich ihr nicht ab.

Zu früh über den Abschluss gefreut? Foto: m00by | Andy Kainz, Lizenz: CC 2.0 BY-ND

Die Journalistin Ulrike Herrmann vertritt die Meinung, dass wir uns leichter ausbeuten lassen, weil wir so gut gebildet sind. Diese These kaufe ich ihr nicht ab, ihr neues Buch hingegen schon.

Warum sich die Mittelschicht eher mit den Reichen als mit den Armen solidarisiert, hat Rosa Winkler-Hermaden in einem heute veröffentlichten derstandard.at-Interview mit der taz-Journalistin und Buchautorin Ulrike Herrmann ergründet. In diesem (absolut lesenswerten) Interview bin ich über folgende Aussage gestolpert:

Herrmann: Die meisten Leute haben einen Aufstieg erlebt. Vor allem einen Bildungsaufstieg. In Deutschland haben ungefähr 50 Prozent eine bessere Berufsausbildung als die Eltern. Dies führt dann zu der Idee, man sei in der Elite angekommen. Der Bildungsaufstieg wird mit einem ökonomischen Aufstieg verwechselt. Doch das ist nicht das Gleiche. Das erstaunliche Phänomen ist ja, dass wir eine Gesellschaft haben, die so gut ausgebildet ist wie noch nie. Das gilt auch für Österreich. Trotzdem stagnieren die Reallöhne und die Lohnquote sinkt. Aber die Arbeitnehmer sind so stolz auf ihren eigenen Bildungsabschluss, dass sie nicht bemerken, dass sich ihre Ausbildung nicht in ihrem Einkommen umsetzt.

Kann das sein? Zugegeben, im titelgeilen Österreich mag ein „Mag.“ auf dem Türschild vereinzelt dazu beitragen, die Enge der dahinter liegenden Wohnung etwas erträglicher zu machen. Ein paar Semester Geisteswissenschaften versetzen zudem in die Lage, auch ohne einen neuen Porsche Carrera GTS ein gewisses Maß an Zufriedenheit zu wahren. Doch kann der Stolz über eine abgeschlossene höhere Ausbildung so verblenden, dass man glaubt, in der Elite angekommen zu sein, obwohl Kontostand und Co. eine andere Sprache sprechen? Das kaufe ich Frau Hermann nicht ab.

In meinen Augen entsteht die Entsolidarisierung viel eher durch die Angst vor dem sozialen Abstieg, durch die Unsicherheit angesichts der wachsenden Verbreitung prekärer Arbeitsverhältnisse und das drückende Gefühl, sich in einem individuellen Konkurrenzkampf täglich neu behaupten zu müssen.

Dieser Text ist auch in Stefan Bachleitners Blog politikon.at erschienen. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Kommentare sind geschlossen.

ZiB21 sind: unsere Blogger