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Die letzte Lady

Von | 14.11.2010, 19:43 | 3 Kommentare

Es gibt Politiker, die zeichnet wahre Größe aus. Allerdings sind sie rar. Es gibt nur eine Aung San Suu Kyi.

 

Foto: KET, Lizenz: Public Domain

Jetzt erinnern sich auch die G20-Führer wieder an sie. Angela Merkel zeigt sich „erfreut und erleichtert“ über ihre Freilassung. Barack Obama outet sie als seine „Heldin“. Für Englands Premier David Cameron ist sie nun plötzlich die „große Inspiration“.

Erhebt sich gleich mal die Frage, was so eine Heldin und Inspiration soll, wenn genau nichts davon auf die eigene Person, auf das eigene Handeln abfärbt. Cameron führt seine Insel gerade in die darwinistische Steinzeit zurück. Obama brauchte gerade ein Jahr, um die in ihn gesetzten Hoffnungen zu frustrieren. Und Merkel, nun, … ach, lassen wir das.

Gestern wurde der Hausarrest jener Frau aufgehoben, die in Burma vom Volk nur „The Lady“ genannt wird. Aung San Suu Kyi ist 65 Jahre alt, den Großteil der vergangenen 20 Jahre verbrachte sie als Gefangene in ihrem Haus. Hinweise darauf gab es immer wieder mal, etwa durch das Lied Walk On von U2.

Angesichts der gelegentlich ins TV geratenen Bilder von ihrem Haus am malerischen Inya-See in Rangun kam leicht der Gedanke auf, dass dieser Arrest so schlimm nicht gewesen sein kann. Ein Irrtum. Da gab es keine Elektrizität, keine Kommunikation nach außen, seit einem Zyklon im Jahr 2008 fehlte das halbe Dach. Als ihr Gatte, der englische Oxford-Don Michael Aris, 1999 im Sterben lag, wurde ihm die Einreise nach Burma verweigert und somit die Gnade, ihr Lebewohl zu sagen. Alles was Suu Kyi hatte, waren zwei Haushälterinnen. Und ein beklopfter amerikanischer Mormone namens John Yettaw, der im Mai 09 zu ihr rüber schwamm – und der burmesischen Militärjunta einen bequemen Grund gab, Suu Kyis Arrest zu verlängern.

Die großen Westmächte haben in zwanzig Jahren nichts getan, um das Los der Friedensnobelpreisträgerin irgendwie zu verbessern, wozu auch, es gibt kaum was zu holen in Burma, das Erdgas geht nach Indien, das Öl und andere Bodenschätze nach China. Ansonsten ist Burma ein Zustand. Ein bizarrer Zustand – ein Mix aus Buddhismus, Astrologie und einem Militärregime, das mit Aberglauben und Terror regiert.

Die moderne Geschichte Burmas wurden von seltsamen Zahlenspielen geprägt. Im Herbst 1987 „entgeldete“ die Regierung die Währung (der „kyat“). Alle Banknoten wurden ohne Kompensation entwertet, stattdessen wurden 45-kyatnoten und 90-kyatnoten eingeführt – weil die durch 9 teilbar waren und 9 die Lieblingsziffer des „großen Führers“ Ne Win.

Das triggerte in der Folge den berühmten „8888“-Aufstand der Studenten (am 8.8.88), der das ganze Land erfasste und blutig unterdrückt wurde. Es wird heute geschätzt, dass dabei 10 000 Menschen ums Leben kamen.

Es war jener Aufstand, aus dem Suu Kyi als nationale Ikone hervortrat. Es half, dass sie die Tochter des „Landesvaters“ Aung San war, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Freiheit von der englischen Kolonialmacht verhandelte (und 1947 ermordet wurde). Als das Regime 1990 eine Wahl arrangierte, gewann Suu Kyis Nationale Liga für die Demokratie mit überwältigender Mehrheit – womit die Jahrzehnte ihres Hausarrests begannen.

Aber der eigentliche Grund ihrer Popularität liegt in ihrem Tun, in ihrer Haltung, in ihren Worten – und in der Absenz von Widersprüchen zwischen diesen drei Faktoren. Sie würde nicht – wie Obama – den Friedensnobelpreis in Empfang nehmen und dann weitere Truppen nach Afghanistan schicken. Sie ist einer jener raren Menschen mit Größe. Vergleiche sind da nur mit Mahatma Gandhi und Nelson Mandela gestattet. Von ersterem adaptierte sie das Prinzip des gewaltlosen Widerstands. Hören Sie ihr mal zu. Da sind ein paar wunderbare Gedanken dabei. (Zum Text nach unten scrollen)

Mit Mandela eint sie nicht nur die Isolationshaft. Da ist auch ein gemeinsames Vokabular, in denen Worte wie „Vergebung“ eine Rolle spielen. Dass „Auge um Auge die Welt nur blind macht“ hat ihnen ohnehin Gandhi verdeutlicht – und war Leitmotiv für Mandelas geniale politischen Akte zur Versöhnung der Rainbow Nation.

Und noch etwas eint die drei: eine tiefe Religiosität. Seltsam, no?

Suu Kyis berühmteste Rede ist die „Freiheit von Angst“-Ansage, die sie Richtung Militärregime adressierte: „Es ist nicht die Macht, die korrumpiert, sondern die Angst. Die Angst, die Macht zu verlieren korrumpiert jene, die an der Macht sind.“ Entwaffnender hat noch nie jemand seinen Gefängniswärtern zu verstehen gegeben, dass sie im Kern nur Angsthasen sind.

Ihre Angstfreiheit, sagte sie auch, setzte sie in die Lage, mit ihrer Isolationshaft fertig zu werden und ungebrochen daraus hervor zu gehen. Ich habe das nette Gefühl, dass das Regime unterschätzt hat, welche Urgewalt es da frei gelassen hat. Und unterschätzt, wie tief im Herzen des Volkes die Lady verankert ist. Es gibt eine Freiheit, die kann dir kein internationaler Peacemaker verschaffen, die kann nur von innen kommen. Aung San Suu Kyi wird Burma von der Junta befreien. Sie wird es schaffen. Am 11.11.11, würde ich sagen. Das ist der einzig logische Tag.

freedom from fear trailer/YouTube

3 Kommentare »

  • mare sagt:

    Alle menschliche Handlungen gründen sich auf tiefster Ebene auf zwei Emotionen;
    auf Angst oder auf Liebe. In Wahrheit gibt es nur zwei Emotionen – nur zwei Worte in
    der Sprache der Seele. Dies sind die beiden gegensätzlichen Pole der großen Polarität,
    die ich zusammen mit dem Universum und der Welt, wie ihr sie heute kennt, erschuf.
    Das sind die zwei Punkte – das Alpha und das Omega -, die dem System, das ihr »Relativität« nennt,
    zu existieren erlauben. Ohne diese beiden Punkte, ohne diese beiden Begriffe von den Dingen könnte keine andere geistige Vorstellung existieren.
    Jeder menschliche Gedanke und jede menschliche Handlung gründet sich entweder auf Liebe oder auf Angst. Es gibt keine andere menschliche Motivation, und alle anderen geistigen Vorstellungen leiten sich aus diesen beiden ab. Sie sind einfach verschiedene Versionen, verschiedene Abwandlungen desselben Themas.
    Denk darüber intensiv nach, und du wirst erkennen, dass es wahr ist!
    (willst Du mehr darüber erfahren, lies den ersten Band – Gespräche mit Gott)
    Aung San Suu Kyi ist eine Lichtgestalt, ein Vorbild, ein liebendes Wesen!!

  • saxo lady sagt:

    schön. eine lichtgestalt zwischen pragmatiker.
    der satz:
    Und noch etwas eint die drei: eine tiefe Religiosität. Seltsam, no?

    für den dank ich recht schön.
    den zwischen tiefer religiosität und fanatismus, zwischen erwachten und religionsführern gibt es einen wesentlichen unterschied.

    herzlichst
    saxo

  • Maria sagt:

    Von dieser Frau wusste ich leider gar nichts, aber ich bin froh, dass sie endlich frei gelassen wurde. Es muss sich endlich ändern, dass so viele Unschuldige eingesperrt werden, weil sie sich gegen ihre Regierung wenden.

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