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Gute Freunde sagen sich die Wahrheit

Von | 10.11.2010, 14:19 | Kein Kommentar

Die künstliche Aufregung über das Interview des türkischen Botschafters ist verlogen und lächerlich. Einen besseren Beitrag zu den österreichisch-türkischen Beziehungen hat es schon lange nicht mehr gegeben.

Die künstliche Aufregung über das Klartext-Interview des türkischen Botschafters Kadri Ecvet Tezcan in der Tageszeitung „Die Presse“ ist verlogen und lächerlich. Einen besseren Beitrag zu den österreichisch-türkischen Beziehungen hat es schon lange nicht mehr gegeben.

Gute Freunde, so habe ich es gelernt, sollten sich immer die Wahrheit sagen. Kadri Ecvet Tezcan hat das getan und dabei seinen Finger auf einen wunden Punkt gelegt: Das österreichische Verständnis von „Integration“.

Vor allem Menschen mit türkischem Migrationshintergrund werden hierzulande gerne als „integrationsunwillige“ Problemgruppe dargestellt, die selbst daran schuld ist, wenn sich ihre soziale Lage nicht verbessert und sie auf Ablehnung stößt. Doch Integration ist keine einseitige Angelegenheit, sondern erfordert Anstrengungen auf beiden Seiten. Und Tezcan fordert dieses Bemühen auch von beiden Seiten ein.

Er verzichtet dabei auch mal auf diplomatische Floskeln, um sicher sein zu können, dass seine Botschaft gehört wird: Österreich muss endlich seine Verantwortung für die hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund wahrnehmen. Mir fällt kein zweiter Satz ein, der die Logik – und das Dilemma – der heimischen Integrationspolitik bislang besser auf den Punkt gebracht hätte, als die präzise Analyse des türkischen Botschafters:

„Wenn man dem Innenministerium ein Problem gibt, wird dabei eine Polizeilösung rauskommen.“

Als moderner, kultivierter Mensch weiß Tezcan, dass es nicht Polizist/inn/en braucht, um die bestehenden Probleme in den Griff zu bekommen, sondern Kindergärtner/innen und Lehrer/innen. Deshalb widmet er auch einen wesentlichen Teil seines Interviews bildungspolitischen Überlegungen. Denn in diesem Bereich sind die Versäumnisse der österreichischen Integrationspolitik unübersehbar.

Wäre es eine andere Bevölkerungsgruppe als jene mit türkischem Migrationshintergrund, in der mit Abstand die meisten Menschen außer einem Pflichtschulabschluß keine weitere Ausbildung vorweisen können, dann würde das als dramatisches Versagen unseres Bildungssystems betrachtet werden. Die verantwortlichen Politiker/innen würden dafür massiv kritisiert werden und es gäbe intensive Anstrengungen, um diese Situation zu verbessern. Das hier nicht mehr geschieht, ist ein Beleg dafür, dass Österreich nicht ausreichend darum bemüht ist, Menschen mit türkischem Migrationshintergrund zu integrieren.

Um das zu ändern, brauchen diese Menschen eine Stimme. Leute wie Kadri Ecvet Tezcan, die das Thema „Integration“ auch von einer anderen Seite beleuchten und die Diskussion nicht scheuen. Statt lächerliche Abwehrreflexe zu mobilisieren, sollte Österreich den Ball aufgreifen und den Dialog mit solchen Kräften intensivieren. Sowohl für die Entwicklung unseres Landes als auch für die guten Beziehungen zur Türkei kann das nur förderlich sein.

Dieser Text ist auch in Stefan Bachleitners Blog politikon.at erschienen. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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