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Na Servus! Jetzt haben wir sie, die Integrationsdebatte made in Austria

Von | 10.11.2010, 11:23 | 10 Kommentare

Was, ein Türke wagt Kritik an der österreichischen Zuwanderungspolitik? Das darf nicht sein. Nicht in diesem Land.

Was, ein Türke wagt Kritik an der österreichischen Zuwanderungspolitik? Das darf nicht sein. Nicht in diesem Land.

Sagen darf man alles, hat es doch bei Thilo Sarrazin geheißen. Also darf man auch was gegen türkische Zuwanderer sagen und dabei mit biologistischen Thesen eindeutig zu weit gehen. Und daher darf man wohl auch etwas gegen die österreichischen Einwanderungspolitik sagen, die Kadri Ecved Tezcan, der türkische Botschafter in Wien in einem sehr empfehlenswerten Interview in der heutigen Presse mit harten Worten, aber fairen Inhalts kritisiert.

Weit gefehlt. Ein Interview mit einem Diplomaten, den berechtigtermaßen kurz die Contenance verlässt, wird in Österreich tatsächlich zu einer diplomatischen Krise hochstilisiert.

Werner Faymann ist „empört“ und will sich – hört, hört – „laufend von Außenminister Spindelegger sowohl über die Gespräche im Außenministerium mit dem türkischen Botschafter als auch auf Ebene der Außenminister informieren lassen und die weitere Vorgehensweise festlegen.

Der ÖVP-Generalsekretär Fritz Kaltenegger verurteilt die Aussagen des türkischen Botschafters als „unangebracht und respektlos. Botschafter Tezcan ist sich seiner Rolle als Gast in unserem Land offenbar nicht bewusst.“

Und der FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky, einmal mehr um schiefe Metaphern ringend, fordert: „Entweder es kommt zu einer umgehenden Entschuldigung der Türkei gegenüber Österreich und der jetzige Botschafter wird mit Schimpf und Schande abgezogen oder es sollen die diplomatischen Beziehungen zur Türkei bis auf weiteres ausgesetzt werden.“

Dabei wäre es doch so einfach gewesen, Statements wie die des Botschafters als Aufforderung zum Nachdenken zu lesen. Als Diskussionsgrundlage. Als Anstoß für eine frische Integrationspolitik, die das Land so oder so braucht.

Aber es scheint, dass das Land nicht nur moralisch so verrottet ist, dass es Kinder abschieben lassen will, sondern, dass es auch von einer selbstgefälligen und denkfaulen Clique regiert wird, die sich Vorwürfen schon allein deshalb nicht stellt, weil es unbequem wäre, sie zu entkräften.

Das ist also Österreich im Jahr 2010: Ein Land wie eine kleines Kind, das die Schuld immer bei den anderen sucht – selbst dann, wenn es eigentlich nie um Schuldfragen von gestern, sondern um Entscheidungen für morgen geht. Nach der Lektüre der Reaktionen auf das Botschafter-Interview steht vorerst jedenfalls fest: Es wird womöglich tatsächlich nichts mehr mit der Integration in diesem Land. Das österreichische Personal der Debatte ist ihr einfach nicht gewachsen.

10 Kommentare »

  • matthias sagt:

    Das sollte man ganz LAUTH in die Welt hinausschreiben, so wahr wie das ist.
    Danke Lauth.
    Danke Tezcan.

  • jamiroquai sagt:

    sehr aufgeregte, beleidigte schreibe. kommt morgen was ruhigeres, besonnenes? (ja, für klicks reicht das allemal. und davon lebt ein blog. aber wenn man gard nicht in ö lebt, klingt das überhastet provinziell. nicht nur die reaktion des offiziellen österreich, sondern leider auch die souveräne, politisch korrekte abkanzlung, voller links und buzzwords.) also, morgen, auf ein neues…

  • […] Türkei gestaltet werden soll. Umgekehrt sind die Reaktionen der Regierungsparteien in Österreich kein Zeichen moralischer Verrottetheit, wie Eberhard Lauth behauptet, sondern in ihrer Hilflosigkeit bestenfalls des beschränkten weltpolitischen […]

  • Lina sagt:

    Was der Herr Botschafter gemeint hat ist doch, dass die Art wie in Migrantenfamilien mit Frauen umgegangen wird, uns nichts zu interessieren hat. und Ja das Kopftuch ist ein Symbol der Diskiminierung von Frauen und das hat uns etwas anzugehen. Ihnen Herr Lauth würde ich raten etwas weniger zu schreiben und dafür etwas mehr nachzudenken. Die Grünen werden sich durch die Art und Weise wie sie mit dem Thema Migration umgehen auf ein Minimum dezimieren, irgendwann werden sie dann wohl die fünf-Prozente-Marke nicht mehr schaffen. Einerseits tut das mir leid (weil ich ein liberaler Mensch bin und die Grünen in manchen Dingen nach wie vor passable Standpunkte vertreten), dass sich aber eine Grüne-Spitzenpolitikerin mit einer Frau mit Kopftuch ablichten lässt und von Kompromissen spricht (Wahlplakat Wahlkampf Wien), halte ich für ein katastrophales Signal. Ja, die ÖVP ist eine grauslige Partei, die FPÖ ebenfalls, aber der türkische Nationalimus, der Machismo und der islamische Fundamentalismus sind noch hundert Mal grausliger!

    • Danke für Ihren Rat. Aber was erwarten Sie sich davon, wenn ich mehr nachdenke? Dass ich dann auch anfange Äpfel mit Birnen zu vergleichen und den Stumpfsinn der FPÖ mit dem Stumpfsinn des islamischen Fundamentalismus aufwiege? Ehe mir so was einfällt, schreibe ich lieber was.

    • lusciniola sagt:

      Ja, für MICH wäre dsa Kopftuch auch ein Symbol der Unterdrückung, ich will keine Kopftücher tragen und schon gar nicht müssen. Und es ist auch sicher schwierig den Grad der Freiwilligkeit zu beurteilen, wenn man von klein auf eingeimpft bekommt, man sei ein Stück Dreck wenn man keines trägt.

      Trotzdem glaube ich unseren muslimischen Mitbürgerinnen genügend Intelligenz, Freiheit und Selbstbestimmung zugestehen zu können, dass sie selbst entscheiden dürfen, ob dsa Kopftuch für sie Unterdrückung bedeutet oder nicht. Eine gar nicht so kleine Zahl sieht das nämlich nicht so. Und da ist es ziemlich arrogant ihnen zu sagen, dass sie sich unterdrückt zu fühlen haben, weil wir das so empfinden.

      Insofern möchte ich die Aussage des Botschafters modifizieren: ja, es geht uns nichts an, ob eine Frau ein Kopftuch trägt, wenn sie es tragen will. Es geht uns aber sehr wohl etwas an, wenn Frauen dazu gezwungen werden eines zu tragen, sei es mit offener oder subtiler verbaler Gewalt.

  • karotterl sagt:

    yes sir! gratuliere zu dieser zutreffenden analyse.

    ein DIPLOMAT der KLARTEXT redet.
    ich mein, wo komm ma den da hin? wir sind hier schließlich in österreich und der einzige der klartext reden darf, ist der kleine mann. nichtwahrnicht.

    hab die debatte darüber im mittagsjournal gehört und war aufs höchste amüsiert.
    dass der gelernte österreicher menschen, die in österreich mit österreichischer staatsbürgerschaft geboren werden, von ECHTEN österreichern als türken bezeichnet werden, ist ja wohl nur gerecht.
    aber dass ein türkischer diplomat…tschuldigung DIPLOMAT (ich nehme an, so wie das wort von ö politikern grad ausgesprochen wird, soll es wohl implizieren: das hamma davon, dass ma diese kümmeltürken diplomatischen status zuerkennen:D) es anspricht, dass es etwas seltsam ist, dass diese jungen leute sich mehr als türken denn als wiener fühlen…FRECHHEIT ECHT. und über unsere frauenzurückandenherd-politik urteilen wir allerhöchstens selbst…so dahergrennte kameltreiber dürfen sicher nicht behaupten, hausfrau ist auch ein beruf! auch wenn die österreichische volkspartei das bis gestern auch steif und fest behauptet. weil weil weil und überhaupt.

    loooooooooooool

    wie buchstabiert man das?
    B A N A N E N R E P U B L I K
    oder nein

    erdäpfldemokratie passt besser.
    prost mahlzeit.

  • Lina sagt:

    Jeder kann Kritik an Österreich üben, doch nicht auf diese Art und Weise, aggressiv und beleidigend!
    Stichwort Kopftuch, Hausfrau sein ist auch ein Job etc, wie in Migrantenfamilien mit Fraun umgegangen wird, das habe uns nichts anzugehen etc, diese Aussagen sind der wahre Skandal, sie lassen tief blicken! lieber Herr Lauth

    • Dann bin ich wohl nicht so schnell beleidigt wie Sie. Und ich würde mich hüten, Hausfrauen damit zu beleidigen, dass ich ihnen erkläre, die Arbeit als Hausfrau sei kein Job.
      Und das, was den Botschafter am Umgang mit Frauen stört („Wir wollen auch nicht, dass unsere Töchter zwangsverheiratet werden.“), stört mich auch.

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