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Dichands Erbe oder: Generation Hinüber

Von | 07.11.2010, 17:29 | Kein Kommentar

Warum gibt es keine schwarzen Kolumnisten in der Krone? Weil ihre Leser analoge Menschen sind, also „hinüber“. Wir reden nicht mit ihnen. Es ist möglich, dass Sie es mitbekommen haben, wenn auch nicht wahrscheinlich, die Nachricht ist etwas weit von den Nestern der Digitalmenschen entfernt. Hier die Kurzversion: Im hohen Norden, auf der Insel, findet […]

Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? Arnold, Artwork by Reismann

Warum gibt es keine schwarzen Kolumnisten in der Krone? Weil ihre Leser analoge Menschen sind, also „hinüber“. Wir reden nicht mit ihnen.

Es ist möglich, dass Sie es mitbekommen haben, wenn auch nicht wahrscheinlich, die Nachricht ist etwas weit von den Nestern der Digitalmenschen entfernt. Hier die Kurzversion: Im hohen Norden, auf der Insel, findet gerade eine Revolution statt. Eine graue Revolution. Stellvertretend für ihre Veteranen-Charity – The Chelsea Pensioners – bringen sieben spät zu Barden berufene Greise morgen das Album „Men in Scarlet“ (Männer in Scharlach, genannt nach der Kutte, die ihre Uniform ist) auf den (Super)Markt. An sich nichts Besonderes, hier also der Clou: Sie tun dies, erstens, auf Musicassette. Zweitens hoffen sie damit zu Weihnachten auf Platz 1 der Charts zu stehen.

Klingt zunächst so absurd, dass es fast unwiderstehlich sympathisch erscheint, nicht wahr? Es ist fünf Jahre her, dass ein Album auch auf Musicassette erschien (Now Thats What I Call Music, vol60). Heuer hat außerdem Sony die Produktion des Walkman gestoppt, was als letzter Sargnagel für das Bandformat gewertet wurde. Nur kümmert das die Chelsea-Pensionisten nicht. Sie verstehen ihr Album als „letzte Schlacht“, die sie sich geben wollen: eine Kampfansage zur Rettung der Musicassette.

Katherine Jenkins by branestawm, Lizenz: CC Attr.-NC 2.0 Generic

Hier das (vermeintlich) noch Absurdere: Die Branche gibt den Pensionisten ausgezeichnete Chancen auf die Nummer 1. Zum einen, weil auch die umwerfende Sopranistin Katherine Jenkins bei der Sammlung populärer klassischer Lieder mitträllert und, ehrlich gesagt, von Miss Jenkins würde ich mir sogar gebrauchte Socken andrehen lassen, gebrauchte Autos sowieso.

Letztere haben übrigens oft noch eingebaute Kassettenrekorder, und der Gebrauchtwagenfahrer wird als nicht unwesentlicher Marktfaktor eingeschätzt. Zumal der typische Altautofahrer ebenfalls eine entsprechende Kilometerzahl am Tacho hat. Und das ist der springende Punkt, siehe Bevölkerungspyramide: Der alte Mensch ist ein numerisch massiver Marktfaktor, an dessen Bedürfnissen seit Jahrzehnten gezielt vorbei produziert wird. Er ist ein Kind des analogen Zeitalters, der noch immer einen „Kassetter“ zuhause hat, der sich, wenn überhaupt, dann nur widerstrebend mit der CD angefreundet hat; dass es auch MP3-Player gibt, weiß er vermutlich nicht einmal. Und diese in Zahlen enorme Masse der (shoppingmäßig frustrierten) Analogmenschen, meint die Branche (soll heißen: ein Sprecher des British Phonographic Institutes), wird es sich nicht nehmen lassen, die (in Supermärkten aufliegende) Musicassette zu kaufen und sei es auch nur, um damit die entsprechende Haltung zu signalisieren – den Mittelfinger Richtung Moderne.

Nun aber zum Innenpolitikchef der Kronenzeitung, Claus Pandi, der „ zutiefst bedauert, dass Schwarze (es geht ihm um die Hautfarbe) in seinem Blatt keine Kolumnen schreiben können“, weil dies der Krone-Leser nicht wolle. Dieser Sager in einem Interview mit Online-Magazin das Biber hat via Tom Schaffer online etwas kritisches Echo erzeugt, dort wird Pandi als „neuer politisch korrekter Volksversteher“ bezeichnet, womit ich natürlich nicht kann. Das „politisch Inkorrekte“ – Rassismus, soziale Diskriminierung – wird nicht korrekt, indem man den Kroneleser als Volk versteht, das die Mehrheit ist und deswegen als „Realität“ begriffen werden muss, so ist es halt in einer Demokratie, nicht wahr?

Das macht den inkorrekten Wahnsinn noch lange nicht korrekt. Aber Volksverstehen ist es allemal.

Im Kern hat Pandi mit seinem Sager nichts anderes gemacht als eines angedeutet: Hans Dichand mag  hinüber sein, das Prinzip Krone wird sich deswegen nicht ändern, der seinerzeitige Jubel anlässlich dessen Tod („Alles wird besser“) war etwas optimistisch. Das Prinzip Krone – „dem Volk aufs Maul schauen“ – wird bleiben, weil es ein nahezu selbstregulierender Mechanismus ist, man weiß, was man sagen muss, um dieses Lesevolk an der Stange zu halten, Zuwiderhandlung wird mit Leserverlust bestraft, wäre also eine „Realität“, die kein Kronemacher braucht.

Das noch Dümmere ist, dass dieses Lesevolk nun leider ein politischer Machtfaktor ist, die Generation Hinüber ist heute numerisch so stark, dass sie Wahlen entscheidet, deswegen wird sie via Budget weiterhin verhätschelt, welcher Politiker will schon bei den nächsten Wahlen den kürzeren ziehen. Lieber den Familien die Beihilfen kürzen als den Alten die Pension.

Als ich letztens im Ort meiner Jugend war, fiel mir am Stadtplatz ein sogenanntes Mütterchen auf, an der ein gut gekleideter junger Mann vorbei ging, der sie offenbar nicht halb beschäftigte. „Eins sog i“, meinte sie nachbetrachtend, „der Herrgott wird sich schon was dabei gedacht haben, dass er die Neger schwarz auf die Welt kommen ließ.“ Gewisse Dinge ändern sich nicht. Derlei Sager gab es auch vor 40 Jahren zuhauf, als der wunderbare Legionär Bill Chatmon zur Basketball-Truppe der Stadt stieß und sie mit seinen eleganten Körben zum Vizemeistertitel warf.

So, jetzt möcht ich dieses Mütterchen gleich mal verallgemeinern. Sie ist sicher  „eine Seele von Mensch“, tut niemandem was zu Leide, zahlt brav ihre Kirchensteuer (man weiß ja nie, wie das ist mit dem Leben nach dem Leben), sie liest die Krone, geht wählen und hat noch immer einen Kassettenrekorder. Sie ist Generation Hinüber und geht sicher nicht im Internet surfen.

Letzteres finde ich wesentlich. Ich finde nicht, dass man warten muss, bis die Alten tatsächlich hinüber sind, ich halte alte Leute für lernfähig und sogar wissensbegierig. Der Dialog mit ihnen kann was bringen. Nur haben sie sicher nicht gelesen, was etwa Schaffer über Pandi und Kroneleser schrieb. Sie ist ein digitaler Analphabet, wie das Gros der Kroneleser.

Was aber ergäbe sich aus dieser Darstellung an Schlüssen? Erstens, dass Pandi im wesentlichen nur ein mummloser Schaumschläger ist. Würde gern an Dichands Erbe nagen, traut sich aber ned dürfen. Tatsächlich könnte sich die Krone ohne „Gefahr des Leserverlusts“ einen schwarzen Kolumnisten leisten, nämlich online, das ginge der großen Masse der Kroneleser vollkommen am Hintern vorbei, sie sind ja analoge Menschen.

Zweitens führt nun mal nichts am Thema Integration – und dem folglichen Dialog – vorbei. Das netteste Beispiel dazu hat ja unlängst die slowenische Stadt Piran geliefert, die den Arzt Peter Bossman vor zwei Wochen zum Bürgermeister gewählt hat. Der hat kraft seines Berufes und seiner Persönlichkeit sicher Großartiges zum Abbau von Vorurteilen geleistet.

Vor allem aber halte ich die „Generation Hinüber“ für integrationsbedürftig. Anders als obige Chelsea-Pensionisten halte ich es nicht für zielführend, ihnen jetzt analoge Tonträger aufzulegen. Aber ich war mal in in einer Stadt, wo unter anderem eine Computerfirma steht, und die Politiker einer Oppositionspartei kamen dort auf die Idee, der Firma Auslaufmodelle abzubetteln. Die wurden dann in Altersheime und andere „analoge Ballungszentren“ gebracht und ans Internet angeschlossen, die Alten entsprechend eingeschult. Das gab zunächst natürlich Kontaktängste, bald danach aber Enthusiasmus, weil eben neue Horizonte. Tatsache ist nun mal, dass Websurfen sowohl einfach als auch ansteckend ist, das Blättern in der Krone vergleichsweise umständlich und, na , eng. Und Tatsache ist auch, dass jene Oppositionspartei heute die Regierungspartei in jener Stadt ist. Angenehme Tage, liebe Leute.

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