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Literatur live. Geht das?

Von | 18.03.2009, 23:54 | 4 Kommentare

Das Selbstausbeuterische ist natürlich auf Websites wie diesen immer besonders willkommen. Ebenso wie der heimlich dazu gehegte Wunsch, irgendwann einmal doch mit dem eigenen Tun eine Beutestück an Land zu ziehen. Insoferne ist ein Projekt wie das der 28jährigen deutschen „PR-Beraterin und Blondine“ (das sagt sie selbst, soll also ein Witz sein) Karen Wiborg prinzipiell […]

sechzig-gradDas Selbstausbeuterische ist natürlich auf Websites wie diesen immer besonders willkommen. Ebenso wie der heimlich dazu gehegte Wunsch, irgendwann einmal doch mit dem eigenen Tun eine Beutestück an Land zu ziehen. Insoferne ist ein Projekt wie das der 28jährigen deutschen „PR-Beraterin und Blondine“ (das sagt sie selbst, soll also ein Witz sein) Karen Wiborg prinzipiell zu begrüßen. Sie schreibt seit 1. Jänner 2009 einen Roman namens „Sechzig Grad“, der am 1. Jänner 2010 fertig werden soll. Sie tut das live und in Form eines Weblogs. Das klingt spannend und wirft zwei Fragen auf:

Ist es tatsächlich eine gute Idee, einen Roman in Weblog-Form zu schreiben?

Nein. Um als Späteinsteiger an seinen Anfang zu gelangen, muss man in Wiborgs Fall langmächtig nach unten scrollen, um dort das erste Kapitel anzulesen und schnell zu erkennen, dass es sich doch nicht gelohnt hat.

Und ist es eine bessere Idee diesen Roman nicht nur live zu schreiben, sondern auch die Arbeit dazu zu dokumentieren? 

Ja. Das schafft zumindest dem, der wie Frau Wiborg zu den Pionieren dieser Art des Romanschreibens gehört, genug Aufmerksamkeit, um durch diverse Online-Medien gereicht zu werden. So gelangt dann ein Beitrag über ihren Roman-Blog Grad in meinen RSS-Reader, und ich lese in der Folge im Upload-Magazin ein Interview mit ihr, in dem sie sagt:

„Auf der einen Seite reizt es mich, eine Fortsetzungsgeschichte zu schreiben. Ich gebe so meinen Lesern vor, wann sie das nächste Kapitel lesen können – das macht meinen Lesern (hoffentlich) Spaß und ist auch ein bisschen spannender, als einfach so ein herkömmliches Buch zu lesen. Um die Spannung und die Weiterlesequote zu steigern, versuche ich, jedes Kapitel mit einem kleinen „Cliffhanger“ zu beenden. Auf der anderen Seite bedeutet dieser ungewöhnliche Weg, ein Buch zu schreiben, für mich als Debüt-Autorin einen sehr großen Mehrwert. Ich profitiere von den Erfahrungen der Leser, die selber schreiben. Ich profitiere von Lob und Kritik, von Ideen, Geschichten und Einfällen meiner Leser.“

Zugegeben, der Roman wird mir wohl trotz der Freude der Dame an ihrem Tun nicht besser gefallen. Aber der Cliffhanger war ein gutes Stichwort, um darüber nachzudenken, wie sich sein Prinzip auf einen Blog von mehreren Autoren übertragen lässt. Und ihren Dank für Lob und Kritik der werten Leserschaft möchte ich hiermit einfach einmal weitergeben.

4 Kommentare »

  • K. sagt:

    Im Web öffentlich zelebrierte Fortsetzungsromane sind ein dermaßen alter Hut, dass man sich wundern muß, warum sich noch einer traut, sie zu schreiben, ohne sich zugleich dafür öffentlich zu schämen. Wahrscheinlich, weil wie so oft gar nicht mehr gewusst wird, was alles schon da war. Das Zeug wird übrigens auch gedruckt nicht besser. Und wer mich im Web cliffhangert, den unfollowe/de-RSS-e/entbookmarke ich. Das dürfen nur Flash Gordon und FBI-Mystery-Serien. – Doch halt! Es gibt tatsächlich drei lesenswerte Romane in Blog-Form. Ich werde sie in einem Kommentar nächste Woche nennen…

    • Alexis sagt:

      Im Prinzip sind Statusmeldungen auch nichts anderes als Cliffhanger und Fortsetzungsromane.
      Von der Struktur her bin ich mir sicher, dass wir uns immer mehr der Soap im Web näher, wenn man dieses interruptive Erzählverhalten so nennen darf. Alte Hüte hin oder her. Video gibt es auch schon seit zehn Jahren im Web. Alter vs. Frischheit sagt eigentlich nichts über die Qualität und Gültigkeit dieser Stilform aus.

  • Johnny Digitalis sagt:

    Der US-Genre-Autor David Wellington betreibt das jedenfalls schon seit vielen Jahren. Ein Großteil der dabei entstandenen Romane wurde später auch regulär in Buchform publiziert und liegt mittlerweile sogar in dt. Übersetzung vor: http://www.brokentype.com/
    Brian Keene hat ebenfalls einen Roman in Blogform veröffentlicht: http://www.briankeene.com/?page_id=91

    Scott Sigler wiederum bringt seine Romane erst als Podcast unters Volk: http://www.scottsigler.com/

    Oder Warren Ellis‘ wöchtentliches Online-Comic: http://www.freakangels.com/

  • Alexis sagt:

    Eine ziemlich viefe Idee, nicht nur marketingstechnisch. Auch inhaltlich finde ich den Gedanken reizvoll, dass sich ein Roman während und durch die „massenrezeption“ entwickelt.
    Aber natürlich stimmt, was du sagst, lesefreundlich ist diese Romanstruktur nicht. Könnte auch mühsam sein, sollte der Roman einmal gedruckt werden. Diese vielen kleinen Cliffhanger zwischendurch.
    CLiffhanger: Unter http://garciainteractive.com/blog/view/35 schafft es ein Herr Duncan, einen unglaublichen Blödsinn über die Zukunft von Zeitungen (sorry, schon wieder…) zu verbreiten . Aber seine Cliffhanger sind nett: 85 Prozent der Zeitungen sterben, 15 % bleiben am Leben. Wer das sein wird, lesen Sie morgen.

    Ich denke schon, dass diese erpresste Einladung zur Wiederkehr fast zwingend zum Blog gehört. Zum Teil als natürlicher Teil (Kommentar, Diskussion) der Stilform, zum Teil als Umdenken narrativer Strukturen.
    So, wie wir das aus dem Privatfernsehen kennen, eine kleine Vorschau auf all die Leckerbissen, die da kommen mögen, dann die Werbe- oder in unserem Fall die Sendepause.
    Wie wäre es also, wenn ein Blog, der von mehreren Autoren gestaltet wird, sich auf ein Programm, etwa für die kommende Woche, festlegt. So wie die Sonntagspredigt. Da könnte natürlich schon vorab angeteast werden, worum es dabei gehen könnte.
    Oder das ganz konkrete Highlight der Pop-Rezension: „Warum es bei den YeahYeahYeahs nicht mehr um die scharfe Physiognomie der Sängerin geht, schreibt ZIB21 am Mittwoch.“
    Schwachsinn?

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