Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Wort zum Sonntag » Wo Leaks sind, kommen die Klempner
Share

Wo Leaks sind, kommen die Klempner

Von | 31.10.2010, 17:50 | 4 Kommentare

Wikileaks-Gründer Julian Assange ist der Mann des Jahres. Das hält die „Klempner“ des Pentagon nicht davon ab, ihm an die Wäsch zu gehen. Ich weiß, er wurde und wird mit heftiger Kritk und Häme übergossen. Hilft den Feinden Amerikas, unterhält eine Vendetta gegen die Vereinigten Staaten. Gefährdet Menschen, die ihn unterstützen. Ist ein Fall für […]

Mann des Jahres. Julian Assange by New Media Days, Lizenz: CC Attr.-SA 2.0 Generic

Wikileaks-Gründer Julian Assange ist der Mann des Jahres. Das hält die „Klempner“ des Pentagon nicht davon ab, ihm an die Wäsch zu gehen.

Ich weiß, er wurde und wird mit heftiger Kritk und Häme übergossen. Hilft den Feinden Amerikas, unterhält eine Vendetta gegen die Vereinigten Staaten. Gefährdet Menschen, die ihn unterstützen. Ist ein Fall für die Nervenheilanstalt, Herrgottnochmal, sogar seine Mitarbeiter meinen, er sei verblendet und jedenfalls nicht ganz dicht. Dann ist da noch Schweden – Stichwort sexueller Missbrauch zweier Frauen. Und überhaupt, kommt Julian Assange nicht aus gestörtem Elternhaus?

Kein Rauch ohne Feuer, oder?

Nun, schalten wir mal um. Zu dem, was Sache ist. Die ist jetzt – dank Assange – via 400 ooo Dokumenten wieder an die Öffentlichkeit geraten: die IrakKriegsLogs. 109 000 Tote im Zeitraum 04-09, darunter 66 081 Zivilisten, zu denen den US – und UK-Regierungen nichts einfallen hat wollen, darunter illegale Ermordung von 15 000 irakischen Bürgern, die in Zwischenfällen gestorben waren, von deren Geschehen niemand wissen wollte.

Oder, in Details: Die „Phosphorkinder“ von Fallujah, einer Gegend, die „verseuchter ist als Hiroshima nach der Bombe“. Der „Spaßmord“ an 12 Fußgängern durch Helicopter-Soldaten. Die Gaudi, die sich eine Panzerbesatzung leistete, als man ein 8jähriges Mädchen per Panzerkanone ins Jenseits schickte.

Das ist Sache. Der ultimative Gräuel. In einer Zeit, in der Präsident Obama mit der moralischen Agenda an die Macht kam, dass „wir nicht als Nation gesehen werden wollen, die für grobe Menschenrechtsverletzungen verantwortlich ist.“ Und dass Assange es schaffte, mit einem winzigen Team und riesigem Computer-Knowhow mächtige Löcher in die Fassaden der westlichen Kriegsmaschinerie zu schlagen und die Zahl der angloamerikanischen Kriegsbefürworter quasi über Nacht drastisch zu senken, ist eine fabelhafte Sache.

Neu sind derlei Leaks ja nicht. 1971 schaffte es Militäranalytiker Daniel Ellsberg mit dem Leak der Pentagon Papers, Amerikas brutale Machenschaften in Vietnam unter Nixon und Kissinger zu entblößen. Und wie damals, als Kissinger die sogenannte „Plumber-Strategie“ schuf (Plumber = Klempner), sind auch heute wieder die Klempner im Einsatz. Bekanntlich sind das Leute, welche Löcher stopfen.

Wie das funktioniert, hat Bestseller-Autor Glenn Greenwald vor wenigen Tagen im Online-Magazin Salon skizziert. Es ist ein Prozess, der in mehreren Phasen abbläuft.

Verunglimpfung von Assange in der New York Times.

Erstens Rufmord. Man beschmutze die Reputation des Leakers und zerstöre seine Glaubwürdigkeit. In den Staaten übernahm das der glühende Kriegsbefürworter und Autor John Burns, der in den New York Times zu einem Attentat auf Assanges Charakter ansetzte, gleich am Tag, als die „Irak-logs“ an die Öffentlichkeit brachen. Die (unbewiesenen) Anklagen wegen sexueller Belästigung in Schweden wurden da plötzlich wichtiger als hunderttausende Dokumente über Kriegsverbrechen. „Gestörtheit“ und „Größenwahn“ von Assange wurden ebenso unreferiert in die Zeilen gerückt wie dessen „Vendetta“ gegen die USA. CNN leistete sich Ähnliches, indem man Assange zu einem Interview über die Dokumente bat, um ihn dann nur über die „Schwedensache“ zu befragen. Klarer Weise brach Assange das Gespräch nach wenigen Minuten ab.

Zweitens wird mit einer Prise Desinformation nachgewürzt. „Niemand konnte das Ausmaß der Gewalt absehen“, wagte etwa Burns tatsächlich zu schreiben, und ganz ohne Zwinkeremoticon. Klingt nahezu bekifft, nicht wahr, so als wären Späne beim Hobeln was Neues. Oder der Allgemeinplatz, dass die „Leaks“ dem Taliban und anderen Feinden Amerikas helfe, Widerständler anzuwerben. Ist vollkommener Schwachsinn. Im Irak braucht niemand die Wikileaks, um den Wahnsinn dahinter zu begreifen. Die müssen nur die Augen offen halten. Bekanntlich gibt es in Bagdad und Umgebung kaum einen Landstrich, wo es nicht massenhaft Tote gab – und wahrscheinlich kaum eine Familie, wo nicht einem Mitglied ein Arm oder ein Bein oder beides fehlt.

In England übernahm der pensionierte Army-Colonel Richard Kemp den Job des Desinformanten. Schrieb davon, dass die Leaks „wenig enthüllten, was man nicht ohnehin wusste“ (was für Army-Insider eventuell stimmte). Schrieb davon, dass blutjunge Soldaten in Leben-oder-Tod-Situationen eben leicht die Nerven verlieren und blind zu ballern beginnen, aber nicht davon, welch Wahnsinn es ist, so unbedarfte Buben zwei Monate lang auszubilden und dann in den Krieg zu schicken. Und schrieb natürlich davon, dass Assange mit den Leaks das Leben diverser Informanten gefährde. Wie bitte? Und was ist mit den 66 000 Zivilisten, deren Leben durch die US/GB-Präsenz nicht nur gefährdet sondern ausgelöscht wurde? Waren das nicht die Leute, die man eigentlich vom großen Tyrannen befreien wollte? Jetzt weiß jeder, wer der wahre Feind ist.

Dann ist da noch ein Drittens: Man bausche etwaige Disharmonien im „feindlichen“ Lager auf. Wodurch Assanges – in Wired veröffentlichte – Auseinandersetzung mit seinen (Ex)-Mitstreitern Herbert Sorrason und Daniel Domscheit-Berg in den Mainstream geriet. Interne Wickel, die es in jeder Community gibt – und eben nur dort mit handfesten Schlagabtäuschen – standen plötzlich als Rebellion da. Mal ehrlich: was derlei interne Mails in der Öffentlichkeit zu suchen haben, muss mir mal wer erklären. Totaler Voyeurismus.

Der Zwist, der sehr nach Studentenkram roch, könnte Assanges Mission tatsächlich am ehesten die Beine wegziehen. Mich erinnert er an die 300 Spartaner, jawoll, deren Widerstand gegen die Horden von Xerxes erst erlahmte, als ein Sympathisant, der nicht an der Front mitkämpfen durfte, den Persern einen entscheidenden Schleichweg wies. Sowas kann an die Nieren gehen. Assange sei nicht „dicht“, wurde Domscheit-Berg zitiert, er benehme sich „wie ein Kaiser und Sklaventreiber“. Der noch dazu Anzeichen von Verfolgungswahn zeige.

Verzeihung, aber: Wer würde das nicht in seiner Situation? Das ist doch Mega-Stress! Man nehme die Gegner (Atomwaffenmächte!), gegen so wen hilft nur einheitliche Front. Betriebsdemokratische Wickel sind vergleichsweise Kinderstube.

Die Gegner sind die Übermacht, deren Klempnern alles zuzutrauen, meint etwa Pentagon Papers-Leaker Ellsberg: „Sein Wohlergehen und sein Leben sind jetzt in Gefahr.“  Greenberg spricht von Fahndungen nach Assange. Er lebt nur noch in Flughafen-Hotels. Aber es gibt auch gute News: Englische Anwälte formulieren bereits drei Klagen gegen die UK-Regierung wegen Verletzung der Menschenrechte.

Ich wünsche ihm das Beste. Ich stehe auf David-gegen-Goliath-Stories und hasse es, wenn Goliath gewinnt. Ein paar Computer gegen ein MegaAtomwaffenArsenal – und die Computer gewinnen: Das ist der Stoff, der mich mit der Öde des Seins versöhnt.

Julian Assange, 39, geboren in Australien, Student der Physik und Mathematik, begnadeter Hacker und Programmierer, Gründer von WikiLeaks, im Wickel mit den Mächten die da sind, mehrfacher Preisträger (Amnesty, Economist), ein „Visionär, der die Welt verändert“. Für mich ist er der Mann des Jahres. Wer sonst?

4 Kommentare »

ZiB21 sind: unsere Blogger