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Gnädigste & die Herren mit den grauen Schläfen

Von | 25.10.2010, 5:19 | 12 Kommentare

Gnädigster wurde unlängst eine bizarre Schwäche für Männer jenseits des Ablaufdatums unterstellt. Und was ist falsch daran?

E. Reismann

Die bahnbrechende Erkenntnis dazu: Männer bevorzugen jüngere Frauen. Und Frauen schätzen kluge, reife Männer.

Der grosse Aufschrei allerorts zu dem Thema ist auch nicht neu: Peter Pan trifft auf Vaterkomplex. Bestenfalls folgen wilde Aufzählungen des sozialpsychologischen Hintergrunds einer solchen Melange a deux. Ganz zu schweigen von der lauthals entgegengebrachten Verachtung der Frauengruppe 40+ , alte Mädchen, die entweder übriggeblieben sind oder gegen ein jüngeres Modell ausgetauscht wurden.

Derlei Beleuchtungen des Themas gibt es zur Genüge und sie haben sicher auch punktuell ihre Berechtigung. Jeder weiß, dass diese Begegnungen leider auch oft ein Ablaufdatum haben. Und auch ich finde Männer unspannend, die völlig unreflektiert reife Frauen gegen ein gefälligeres junges Püppchen austauschen. Aber bitte, wollen wir wirklich nur in diesem banalen Zugang verweilen? Es gibt auch Grauzonen.

Nicht jeder reife Mann, dessen Ehe in die Brüche ging, hat eine Midlife Crisis. Und nicht jeder, der sich mit einer jungen Frau neu entdeckt, hat ein Problem.

Und auch nicht jede junge Frau, die sich mit einem reifen Mann einlässt, hatte einen bösen Papi. Und ergo dessen gar einen Vaterkomplex. Was aber macht die Silberrücken für junge Frauen so interessant?

Frauen benutzen ihre Sprache, um Beziehungen aufzubauen. Und da haperts schon einmal mit den Greenhorns. Insofern sammelt der reife Mann bei den jungen Damen schon allein durch ausreichend Erfahrung in kluger Kommunikation einige Bonuspunkte. Ob er begleitend dazu ein Wamperl, graue Schläfen und bereits sonderliche Eigenarten entwickelt hat oder nicht,  ist für unsereins in dem Zusammenhang dann meist völlig unerheblich. Wir haben auch rein garnichts gegen einen Mann, der uns an der Hand nimmt und uns die Welt zeigt. Aber nur, wenn er auch wirklich schon etwas erlebt hat. Und das ist eben meist eher den älteren Semestern vorbehalten.

Viele verstehen darunter die Fortsetzung der (versäumten oder nicht versäumten) weiblichen Kindheitserlebisse auf erotischer Ebene.

Na und?

Egal ob es eine göttliche Vaterfigur gab, eine marode, oder gar keine – ist das wirklich wichtig? Denn irgendwas hats ja immer mit dem männlichen Familienoberhaupt hinter der Fassade der heilen Familienidylle. So gesehen haben wir alle irgendwo einen Vaterkomplex.

Junge Frauen sind grundsätzlich nicht zwangsläufig auf den Kopf gefallen. Und es gibt natürlich auch diesen berechnenden Typus, der die Funktion des reifen Herren vorrangig in der Beschaffung von Nahrung, Fetzen und ausreichend Schuhwerk sieht. Er kompensiert seinen sinkenden Testosteronspiegel, indem er ihr weltliche Annehmlichkeiten bietet – wofür sie ihm im Gegenzug ihre Jugend schenkt.

Sie gibt ihm das Gefühl, er könne jüngere, durchtrainierte Nebenbuhler allemal ausstechen. Und sie gaukeln einander vor, sein körperlicher Verfall sei aufzuhalten. Gewiefte Damen versetzen sich selbst dabei auch gerne in einen Zustand künstlicher Gefälligkeit wie Unschuld, auch wenn sie vielleicht die 30+ erreicht haben. Sonst verliert das Ganze ja schnell an erfrischender Dynamik.

Aber es gibt tatsächlich noch smarte junge Damen, die gerne zu klugen Frauen heranreifen möchten. Und das entsprechende Gegenstück suchen, das sie dahingehend auch fordert.

Das Problem mit jungen Männern ist, dass ihr Ego oft äußerst bedürftig ist. Weder als Ernährer noch als Beschützer fungieren zu können stürzt selbige ja oftmals in echte Krisen. Wenn sie dann auch noch nicht sicher ist, ob sie Kinder will, ist sein Chaos perfekt.

Sie wiederum beschleicht die leise Ahnung, vielleicht gemäß seinem klassischen Rollenklischee gar als humanoide Geschirrspülmaschine und/oder Geburtsroboter zu enden. Oder einem Typen zu verfallen, der nach anfänglicher,  legerer Charmanz doch eher die Einstellung vertritt, die einzig wahre Frauenbewegung möge bitte weiterhin hauptsächlich im Bett stattfinden. Das ist gar nicht so weit her geholt. Wer glaubt, die Spezies sei schon ausgestorben oder wächst nicht nach, der irrt. Elfriede Hammerl sei Dank wird manchmal noch über diese Umstände berichtet.

Natürlich sind wir Frauen somit empfänglich für entspannte Herren, die schon alle technischen Haushaltsgeräte inklusive Putzfrau besitzen und vielleicht sogar Kinder haben. Männer, die schon Lektionen in Demut erlebt haben und bei einem gepflegten Glas Wein ungeniert davon berichten können. Für die Genuss und ein entspanntes Miteinander auf Augenhöhe das oberste Prinzip ist. Für die Qualität und nicht Quantität zählt. Die sich nichts mehr beweisen müssen. Und die beim Sex nicht mehr nur Dampf ablassen sondern auch mal ohne Worte kommunizieren möchten –  und können. Irgendwann hat Frau nämlich genug von unsicheren Kleingeistern und Schönrednern, die sich für unwiderstehlich verführerisch halten und dabei eher den Eindruck erwecken, sie hätten gerade erst mit schweißnassen Händen ihr erstes Flirtseminar absolviert.

Ich persönlich stehe ja auf graumelierte Anhänger der menschenfreundlichen Anarchie. Mit denen erlebt man einfach famos enthemmte Momente und kriegt immer wieder die eine oder andere Lebensweisheit um die Ohren geschlagen. Ein emotionaler wie geistiger Diskurs findet über das Austauschen von Literatur und Musik statt. Und Frau erlebt auch jungenhaft frivole Anfälle, wo zB der akkurat lackierte Damenfuß freigelegt und der Schuh als Talisman entwendet wird. Kontakt hält man anschließend, in dem er sich eine Weile danach erkundigt, ob man den denn gießen oder füttern müsse, bis zum nächsten Wiedersehen. Irgendwann. Wenn wir wieder wollen, dass es uns miteinander gut geht.

Um es diskret auszudrücken:

Meine Tendenz zu älteren Semestern wird sicher durch eine leichte Schicksalsgläubigkeit gelenkt, die eine etwas trotzig-selbstbewusste bis selbstgefällige Note trägt. Ich begreife heute eine Beziehung mit einem reifen wie klugen Mann als eine Art Selbstveredelung. Dahinter steckt aber bloß die späte wohltuende Erkenntnis, sich als etwas Besonderes zu begreifen. Und das Besondere in Form einer Begegnung mit diesem Mann – nach ausgiebigem Zeitverschleiss mit jugendlichen Dilettanten – ganz einfach verdient zu haben.

Meiner Meinung nach ist das erst der wahre Moment des Frauwerdens. Der Moment, in dem man sich selbst als solche mit allen Bedürfnissen wahrnimmt, dazu steht –  und eben auch entsprechend behandelt und wahrgenommen werden möchte. Genug im Sandkasten gespielt.

12 Kommentare »

  • rasenmäher sagt:

    Sehr geehrte Frau Gnädigste !
    (hoffentlich heißen Sie Ärmste nicht wirklich so)

    Das ist ein schöner Aufsatz. Auch nach mehrmaliger Lektüre.
    Und so bitte ich Sie, sich von dem von mir entdeckten Drucksfehler weder aus dem Bann werfen, noch vom unrechten Weg abbringen zu lassen.
    Aber wat mutt, dat mutt. Also:

    „Und nicht jeder, der sich mit einer jungen Frau neu entdeckt, hat ein Problem.“

    Erratum.
    Es heißt: „eindeckt“.
    Der Halbsatz mit dem Problem ist dann wieder fehlerfrei.

    In der Hoffnung, das Sie meinen lange gereiften Leserbrief so ernst nehmen mögen, wie Sie möchten, verbleibe ich als

    Ihr Rasenmäher, d.Ä.

    • Gnädigste sagt:

      Sg. Rasenmäher,

      Gnädigster (übersetzt: Dame des Hauses) sind schon viele Namen gegeben worden,
      aber halten wir uns nicht damit auf.

      (d.Ä steht für der Ärmste oder was?)

      Vielleicht sind Sie ja hauptsächlich mit Decken beschäftigt, aber es bleibt weiterhin mein Satz, in der gewählten Form, siehe oben.

      Ihr Erguss war wiedermal vom Feinsten, wenn auch recht kurz diesmal. Wird schon wieder.;-)

      Beste Grüße,
      G.

      • rasenmäher sagt:

        So, Polynomische. Weil ich grad das Foto seh:
        Jetzt mal Butter bei die Fische.
        Wo ist eigentlich die Brille des letzt-, aber – und ich sag das in aller Offenheit – auch diesjährigen Deckwanstes ?
        Hä, liebe Freunde, aber auch – und ich sage auch dies das in aller gebotenen Offenheit, aber auch Heitinnen, da kenn‘ i nix – Freundinnen ? Hä, frage ich also !
        Is des die ? Die’sd entwendet host unter dem Vorwand, der mariahilfrischen Reparationsaktion ?
        Oder is‘ eh mein‘ Bussibruder seine ?

        Erguss Ende, verlautbart

        Meadowmower, där Ärste.

  • Sakristan Biringer sagt:

    Geschätzte Gnädigste,

    ich muss sagen – mir geht es da ganz ähnlich wie Ihnen. Und die kleine, aber feine Nuance, dass wir ob meines Mannseins diesbezüglich die Gender-Vorzeichen zu tauschen haben, spielt wohl nur eine untergeordnete Rolle.

    Auch die Frau Susanne hat ja sooo recht – bloß spielts das, was sie hier postuliert, nicht in echt. Ich lernte noch keine jüngere oder gleich alt …, äh, junge (sorry, darling!) frau kennen, die, obwohl sie ganz genau weiss, dass ich recht habe, das auch zugeben würde.

    Daher ist die etwas gesetztere Lady (von MILF bis Cougar) vor allem für mitteljungte Boys die einzig wahre Alternative zu – eigentlich keiner anderen Alternative.

    Weil: wen dürfen schon gewisse unauffällige Alterserscheinungen an meist noch immer atemberaubenden Frauen-Körpern stören, wo man doch selbst meist mehr adipös als adonös daherkommt. Die nimmt man für einen entsprechenden Erfahrungsschatz in vielen anderen Dingen doch nur zu gerne in Kauf.

    Und, ja: vor allem die „Quality Moments“ sind es, die uns Jungspunde zu reiferen Damen hinziehen. Jegliche Art der „Zeitbudget-Hysterie“ („… Du triffst Dich also mit Deinen Freunden, obwohl Du den Abend auch mit mir, Desperate Housewifes und dem panischen Frühschlafgengehen gegen 21h45, weil ich brauch meinen Schönheitsschlaf, verleben könntest …“) schwindet offenbar mit dem, hm, Alter und wird durch ein herrlich wohltuendes „Wenn ned, dann ned“ ausgetauscht (was uns Deppen übrigens in der Sekunde auf Spur bringt, aber bitte, sagen Sie es nicht weiter, verehrte Gnädigste).

    By the way: desto reifer die Lady, desto höher die Heels, punktum. Und auch über rote Zehennägel muss man in dieser Liga selten noch diskutieren …

    Untertänigst,
    Biringer.

    • Gnädigste sagt:

      Schöner Aufsatz, lieber Biringer.

      Mich beschleicht nur manchmal das Gefühl, dass im umgekehrten Fall der Jungspund die MILF bevorzugt, weil er nicht weiss was er denn tun sollt, hätt er die Regie mal alleinig über. Nur so ein Gedanke.

      Besides: Die Jugend hat immer mental etwas Obewasser vor dem Alter, weil sie sich (trotz aller mögl. Unzulänglichkeiten) dieses vergänglichen Geschenks gewahr ist. Sich der eigenen jugendlichen Energie auf diesem Weg so bewußt zu werden, stärkt das Selbstbewusstsein schon auch, hm?

      Und: Was tut er denn, der Jungspund, wenn er einer Jungspündin begegnet, die bereits ebenso durch eine gute Schule gegangen ist, deren Zeitkonto selbst so begrenzt ist, dass man Anträge stellen müsste- und die auch schon einige schöne Schuhe inkl. gepflegten Füssen besitzt?

      Schaut er dann trotzdem feig in eine andere Richtung, weil er als vermeintlich adipöse Erscheinung glaubt, er würde nur in der anderen Liga als Held des (leidenschaftlichen) Moments wahrgenommen?

      Schmunzelnd und etwas besorgt,
      Ihre Gnädigste

  • mare sagt:

    liebe simone, ich verstehe dich sehr gut. auch ich habe in jungen jahren der reife statt der stürmischen jugend den vortritt gelassen. dabei die vielfältige erfahrung genossen und mich experimentell erfreut;-)
    mit fortschreitender entfaltung meiner selbst wußte ich, was mich ergänzen soll und wird. klarheit mit glück führten mich zu meiner ergänzung. er ist in meinem alter, seine ethischen und moralischen vorstellungen sind auch die meinen und unsere persönlichen lebensziele decken sich. damit stehen wir gemeinsam auf einen sicheren fundament, das allerdings nicht heißt, dass damit auch schon alles geregelt ist. wir dürfen uns täglich neu erfahren mit respekt, achtung und die liebe hilft uns über so manche eitelkeiten, unsicherheiten und gefahren unserer selbst;-)) die reise zu uns, die führt ins wir.

    • Gnädigste sagt:

      Ja, so ist es. Schön gesagt.
      Besides: Glückwunsch.;-) Es bleibt nämlich noch immer purer Zufall und ist nicht selbstverständlich, desem reflektieren Gegenüber auch wirklich zu begegnen. Oftmals sitzt es in der gegenüberliegenden Strassenbahn und fährt in die andere Richtung. Und ist zumindest immer gerade dort, wo Du gerade nicht bist.

      • mare sagt:

        zufall = es fällt dir zu! es liegt an dir, mutig zuzugreifen;-))

  • saxo lady sagt:

    ;) blöd nur, wenn dann der beziehungsteil anfängt, in dem nicht erwartungshaltungen und vorstellungen eine rolle spielen, sondern das leben selbst.

    auf sich selbst zurückgworfen entdeckt frau letztendlich:
    älter oder jünger ist im grunde völlig wurscht. der inhalt zählt allemal mehr.

    für festgebundene und bleibenwollende sei aber der tip:
    ein junger knackiger ist für einen vergessenen moment jedenfalls empfehlenswerter als eine allwissende müllhalde…so es um körperliche momente geht. allen anderen momenten ist tatsächlich ein gereifter gesprächspartner vorzuziehen.
    aber da schmeiß ich wohl zuviele ebenen durcheinander. gehts jetzt um beziehung? um ehe? um partnerschaft? um den moment?

    schön, von dir zu lesen, gnädigste.
    einen herzlichen gruß

    • Gnädigste sagt:

      Dear Lady,
      natürlich gehts um den Inhalt. Und ich habe rein garnichts gegen
      einen ebenso knackigen wie klugen Herren. Allerdings ist die Spezies etwas rar gesäht.Vorschläge?

      Geht es nicht immer um den Moment – auch in einer Beziehung bzw Ehe? Bestenfalls dauert die Aneinanderreihung von gemeinsam sinn- wie hingebungsvoll gestalteten Momenten eben ein Leben lang.

      Alles Liebe,
      G.

  • Susanne sagt:

    also ich gehöre ja auch zu denen, die die älteren Semester sexy findet. Und ich hab auch keinen bösen Daddy. Schon alleine die Tatsache, dass Mann weiß, wo´s lang geht, und das in jeder Beziehung, ist einfach wow..Dem kann man nix erzählen, der weiß es besser. Und allein die Tatsache, dass er es besser weiß, ist einfach umwerfend. Gut, mitunter kommt man sich vielleicht als jüngeres Ding ein bisschen dumm in seiner Gegenwart vor, aber wenn er wirklich was drauf hat, nimmt er einem das Gefühl. Denn die Lebenserfahrung, die ein wesentlich älterer Mann hat, die hab ich nun mal noch nicht. Und das mit dem Ablaufdatum.. kommt doch so oft in einer „normalen“ Beziehung, wo beide gleich alt sind, auch vor..
    lg

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