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Der grüne Koala

Von | 24.10.2010, 16:20 | 14 Kommentare

Wohin du auch schaust, überall herrscht Rotgrün-Euphorie. Tut mir leid, die kann ich nicht teilen. Ich weiß, manchmal bin ich nicht meiner Meinung. Vor drei Wochen erschien mir eine rotgrüne Vision wie das Gelobte Land. Aber gut, jene Vision ging auch davon aus, dass Häupl abtritt. Das ist für mich eine Bedingung, ohne die es […]

Koala by Thomas for flickr, lizenz: CC Attr. 2.0 Generic

Wohin du auch schaust, überall herrscht Rotgrün-Euphorie. Tut mir leid, die kann ich nicht teilen.

Ich weiß, manchmal bin ich nicht meiner Meinung. Vor drei Wochen erschien mir eine rotgrüne Vision wie das Gelobte Land. Aber gut, jene Vision ging auch davon aus, dass Häupl abtritt. Das ist für mich eine Bedingung, ohne die es nicht geht. Wie soll einer, der sein Amt für sein Naturrecht hält, der glaubt, dass die Stadt ihm gehört, der die nichtroten Kollegen als „die Beseelten mit den leuchtenden Augen“ bezeichnet – wie soll so einer den Koalitionspartner als was Anderes wahrnehmen als eine Art Furunkel – im Grunde harmlos, nur eben unbequem, wenn man sich mit ihm zu Tisch begibt.

Und vor allem: Wie soll so ein habitueller Platzhirsch plötzlich eine andere Politik machen als jene, die er seit Jahrzehnten gewohnt ist? Und wie wird er bei Koalitionsverhandlungen wohl reagieren, wenn er beispielsweise mit humanistischem Gedankengut konfrontiert wird, außer mit „aber Kinder, seids ned naiv“? Das ist schon mal ein Grund, warum ich den Grünen ein Scheitern der Verhandlungen wünsche. Mit Häupl koaliert man nicht, das führt nur zu Haltungsschäden. Soll heißen, mit Häupl koalieren nur die Schwarzen, weil die nicht wissen, was Haltung ist.

Dann ist da noch Wien. Ich bin weit häufiger in Europa unterwegs als in Wien, deswegen macht mich der Vergleich sicher: Diese Stadt ist so grün wie keine andere. Die öffentlichen Verkehrsmittel! An der U-Bahnstation kannst du keine Zeitung mehr lesen, weil du maximal eine Minute wartest. Die Straßen! Als Fußgänger hast du nur mehr Angst, weil die Radfahrer immer aus jener Richtung kommen, wo du gerade nicht hinschaust. Noch mehr grün, und Wien ist ein Schrebergarten.

Aber wer weiß, vielleicht ist das ein Syndrom. Der Herr Lauth, der sich als typischer Grünwähler outete, bezeichnete auf diesem Portal die Grünen als „Wellness-Partei für Milchkaffeetrinker. Man zieht in pittoresk abgewohnte Immigrantengegenden, treibt die Mieten in die Höhe und fragt sich nach ein paar Jahren verwundert, wo denn plötzlich die romantische Mulitkulti-Kulisse hingekommen ist.Wellness für die, die eh gesund sind.“

Andererseits sieht derselbe Lauth keine Alternative zu grün. Weil sie die Einzigen sind, die immun gegen Anti-Islamhetze und Abschiebermentalität sind. Und offenbar ist er nicht der einzige ohne alternative Sicht. Man nehme Herrn Misik. Der hatte vor einem halben Jahr noch „den Mund offen und fragt(e) sich, ob die Wiener Grünen verrückt geworden sind“. Das war, als Frau Vassilakou die bescheuerte Idee hatte, mit dem FPÖler einen Pakt zu machen, weil das Wahlsystem so „undemokratisch“ sei. Noch so ein Grund, warum mir beim Gedanken an grüne Mitregenten unbehaglich wird. Man wird das Gefühl nicht los, dass Frau Chefin alles macht, damit sie endlich einmal mitregieren darf, soll heißen, ein Budget verwalten, mehr ist es real ja nicht.

Aber was solls, es fehlen die Alternativen. Denken viele Leute, die richtig denken. Versteh ich auch. Aber die Euphorie versteh ich nicht. Alle Facebook-Freunde „fühlen sich grad so rotgrün“. Weil es „funky ist, weil es groovt“. Was soll denn da grooven? Wie viele Monate oder eher Wochen soll man den grünen Koalas denn geben, bis der „Sachzwang“ jede Haltung erwürgt? Es hatte ja Gründe, warum die Bundesregierung mit dem Budget bis nach den Wahlen wartete. Die Troubles (Uni!) sind vorprogrammiert, liebe Leute. Da sehe ich die Grünen lieber in der Opposition als in einer Rolle, wo sie jeden Wahnsinnsakt auch noch verteidigen müssen.

Ich sehe die Grünen lieber in der Opposition, weil man beim derzeitigen gesellschaftlichen Klima als Mitregent allerhöchstens Kosmetik betreiben kann. Weil es bei den Grünen gute Leute gibt, wie Herrn Lobo, der sich in Opposition mit aller Kraft gegen so Gräuel wie den Abschubwahnsinn stemmt. Als Teil einer Mitregierungspartei kriegt er den Maulkorb und sonst nichts.

Ich sehe die Grünen lieber in Opposition, weil die Demokratie in einem maroden Zustand ist. Weil ein gescheiter Mensch wie der Burgenland-Grüne Michel Reimon im Wahlkampf genau das Richtige sagt und damit nur abbeißt. Das heißt, dass noch mehr Basisarbeit fällig ist. Aber wirkliche Basisarbeit! Mehr Kommunikationsarbeit mit Bevölkerungsgruppen wie dem – permanent ignorierten – Prekariat und den – leider wahlentscheidenden – Pensionisten. Als Opposition kannst du noch kommunizieren. Als Mitregent verlierst du dich lediglich in Gedanken, wen du nun an den Futtertrog lässt und wen nicht.

Ich sehe die Grünen lieber in Opposition, weil ich sie mag. Weil dort obgenannte (Neu)politiker das Zeug zum Einheizen haben (wie das etwa diese urgewaltige britische Grüne Caroline Lucas den Mächten die da sind so brilliant besorgt). Weil jetzt radikale Zeiten kommen. Weil du dich als Mitregent derzeit nur dreckig machst. Und weil ich die gegenwärtige Misik´sche Schönfärberei („Häupl straft alle Lügen“) für nicht besonders intelligent halte (Häupl ist Häupl!), von nichts anderem getragen als einer Verdrossenheit mit der permanenten Oppositionsrolle.

Aber gerade jetzt ist die Rolle spannend. Als Koalitionspartner von Häupl dagegen verkommen die Grünen zu putzigen Tierchen. Denn mucken sie bei den Verhandlungen allzu sehr auf, wird er sie stanzen und der Marek an die Wäsch gehen. Wird dagegen Rotgrün die neue Modefarbe von Wien, bedeutet das nur, dass er die Grünen gebügelt hat.

14 Kommentare »

  • Helen sagt:

    Toller Blogartikel.Hat beim Lesen richtig Spaß gemacht. Warte auf neue Beiträge.

  • saxo lady sagt:

    abageh, frater,
    wos regt er sich den so auf?
    warum sind die guten gutmenschen immer gar so streng mit sich selber.
    und jenen, die sie zumindest nahe an der gutheit vermuten.

    ja klar, die grünen sind auch nur menschen.
    und ja, über den elsner sein penthouse kann man so schön über die spö-granden herziehen, während der großteil der 1.bez.dachgesschoße fest und unbedarft in großkapitalistischer hand sind, die sicher nicht der spö zuzuordnen sind…hoppala, ich verzettl mich. verzeihns.
    sicher werden sie auch fehler machen. jo mei. aber das schlimmste, dass ich mir bei den grünInnen vorstellen kann, ist gegenderte langeweile. das schlimmste in einer anderen koalition mag ich mir jetzt nicht vorstellen….brrrr

    und mein lieber, tuns mir die junge wiener griechin nicht unterschätzen.
    das ist ein powerweib…da kann einem michl noch die spuke wegbleiben. schauma doch amal…das können wir österreicher doch sogut.
    der kaffee ist ja noch nicht getrunken. nochnicht mal gemahlen, würd ich sagen.
    also, schonen Sie Ihren hochverehrten Blutdruck und ziselieren Sie doch mal schwertscharf, warum unmittelbar nach der Wahl plötzlich Budgets fertig sind, und die Berichte in Sachen Abschiebepraxis plötzlich in allen Zeitungen voll Menschlichkeit strotzen….im gegentum zu vor 10.10.

    vor der wahl regen sich alle über jeden bumstifurz auf.
    nach der wahl wird jede regung der grünen aufs genaueste kommentiert und psychologisiert….obs hilft?

    herzlichst
    saxo

    • Frater Gladius sagt:

      Tu ich eh nicht, liebe Saxo, die junge Griechin unterschätzen meine ich. Ich finde sie, wie soll ich sagen … anregend? Das Dumme mit Powerfrauen ist nun leider, dass sie Power brauchen, so wie das Segelschiff Wind braucht, zum Zwecke der Fortbewegung.
      Nur bin ich überzeugt, dass dies jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist. Das Budget, wie ohnehin in der Predigt angeschnitten. Sind die Grünen an der Mitmacht (wenn man die Position neben Herrn Häupl so nennen kann), werden sie real gezwungen sein, Dinge zu verteidigen (bzw nicht zu kritisieren), die ihnen fundamental eigentlich ein Gräuel sind.
      Weiters eigentlich finde ich es ja fast schon ermutigend, dass die Wiener ob eines Budgets demonstrieren gehen, das die Kernprobleme – anders als etwa im brutal darwinistischen England – lediglich vertagt hat. Aber bleiben wir bei den Grünen: Sollte aus Rotgrün was werden (was ich nicht hoffe), werden ihre Popularitätswerte binnen Monaten ins Bodenlose sinken, während die Unaussprechlichen als – dann – einzige Opposition weiterhin punkten. Das Dumme ist: Wenn die Grünen nicht mehr Opposition sind, dann fehlt genau die Opposition, die so wichtig wäre. Stets der Ihre, FG.

  • Andreas sagt:

    Ich sehe das ähnlich. Und die Frau Vassilakou ist einfach geil auf Posten, anders bleibt zu viel Unerklärliches. Wo bleibt eigentlich Frau Glawischiwaschi?

    • Frater Gladius sagt:

      Sie sind mir ja einer, Andreas. Aber seien Sie so lieb und unterschätzen Sie nicht die Mutterpflichten. First things first. Ehrlich gesagt finde ich das weitaus lohnender als in so einer Grünenlage (Häupl hat eine Alternative, die Grünen nicht) die Frustrationen am Verhandlungstisch zu verdauen. Ihr FG

      • Andreas sagt:

        Die Frau Glawischiwaschi verdient überhaupt den Großen Unverbindlichkeitsorden am Grünen Band. Die hat im letzten Halbjahr nichts geäußert, was irgendwie von Bedeutung wäre.
        Und weil es mich so unsäglich giftet: Den Voggenhuber haben sie auch abgesägt, hauptsächlich weil er ein Mann war. Dafür hatte er echt was zu sagen in Sachen Europapolitik. Jetzt haben wir eine politisch korrekte grüne Trutschen in Brüssel sitzen, dafür ist politisch absolut Funkstille. *Fauch* *Spotz*

        • Frater Gladius sagt:

          Noch einmal, Andreas: Es ist eine Prioritätenfrage. Ich will hier mal annehmen, dass Sie nicht das Privileg genießen, Vater zu sein. Aber wenn Sie mal in die Lage geraten, beantwortet sich die Frage „Koalitionsdebatte oder Nachwuch“ (beide Themen dulden keine halbe Sache) doch wie von selbst, no? Ersteres ist ein verdorbener Apfel, zweiteres reales Leben.
          Natürlich ergibt sich daraus die Frage, warum sie noch auf ihren politischen Sitz beharrt. Das ist mir allerdings auch ein Rätsel. Ihr FG

        • karotterl sagt:

          jö mei. ein gekränkter slberrücken oder was?

          wenn politiker von övp oder spö oder fpö sich verhält wie die glawi, ist er seriös und staatstragend. wenn einer dieser parteien sich laut und populistisch verhält ist es gut und schön, wenn die glawi das macht, ist sie eine hysterische zicke. jo eh schatzi.

          und der voggenhuber hat doch tatsächlich geglaubt, dass er der einzige grüne sein darf, der ein mandat auf lebenszeit hat. wies darum ging, dass er seine fähigkeiten aus 2. oder 3. reihe einbringt (was leute wie pilz oder chorherr, auch alles männer, auch schaffen), hat er sich wie ne beleidigte diva zurückgezogen.

          aber wie gesagt: viel zuviel winde um ungelegte eier.

    • karotterl sagt:

      jojo frauen sind geil auf einen posten

      männer sind zielstrebig und karriereorientiert.

      hör dir mal zu!

      • karotterl sagt:

        grrrrrrrrrrrr warum werden den die kommentare nicht dort angehängt, wo man sie hinhaben will? naja, muss man sich halt zusammenklauben.

        grüße lieber frater

  • Flores sagt:

    naja ich würde sagen diese abwechslung wird einmal keinen übermässig grossen schaden verursachen und war so auch noch nicht da also wozu im vorhinein allzusehr in frage stellen. im prinzip ist das soundso alles quatsch am ende, jeder vernünftige mensch weiss das ja auch.

    • Frater Gladius sagt:

      Erfrischend, Flores! Und Wasser auf die fundamentalen meiner Mühlen. Eigentlich ist es die Politik aufgrund der derzeitigen Demokratie-Malaise gar nicht wert, sie anders wahrzunehmen als ein etwas bizarres Entertainment-Programm. herzlichst, Ihr FG.

  • […] mich inhaltlich Welten von ihm trennen, trifft es „Frater Gladius“ auf den Kopf: „Als Koalitionspartner von Häupl dagegen verkommen die Grünen zu putzigen Tierchen. Denn mucken […]

    • Frater Gladius sagt:

      Diese inhaltlichen Welten würd ich gern mal kennen lernen …

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