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Wir brauchen keine neue Aufregung, sondern eine neue Definition von Privatsphäre

Von | 20.10.2010, 12:20 | Ein Kommentar

Im Zeitalter des Individualismus ist unser Umgang mit der Privatsphäre eine reine Lifestyle-Entscheidung geworden. Es nützt also gar nichts, ständig über Facebook zu schimpfen.

Mann sitzt mit Laptop am WC

Foto: flickr.com/kaptainkobold, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Schon wieder Facebook. Schon wieder Privatsphäre. Und schon wieder viel Aufregung um nichts? Zumindest die so genannte Enthüllung des Wall Street Journal über Facebook, die dieser Tag recht unreflektiert die Runde machte, fällt wohl eher in letztere Kategorie. Hier nur der Vollständigkeit halber eine Zusammenfassung der Ereignisse und Hintergründe auf Daily Beast.

Auffällig bleibt die Aufregung trotzdem, mit der jede Facebook-Technologie reflexartig als Anschlag auf die Privatsphäre der User gedeutet wird. Und die Argumente in den Diskussionen klingen gerne wie die eines Flitzers beim Landermatch, der sich bei allen übertragenden Fernsehstationen beklagt, sie hätten ihm die Privatsphäre geraubt.

Für all jene, die diesem Reflex gerne erliegen, daher noch einmal mein kleiner Einschub: Wer einem Sozialen Netzwerk mit Facebook beitritt, tut dies auch mit der Intention, Privates öffentlich zu machen. Es ist also hirnrissig, danach zu begehren, dass diese Form der Öffentlichkeit plötzlich wieder privat zu sein hat. Und es ist hirnrissig, davon auszugehen, dass ein Unternehmen einen aufwändigen Dienst umsonst zur Verfügung stellt und gleichzeitig nicht versucht, die Daten seiner User zu monetarisieren. Einschub Ende.

Die Privatsphäre ist eine Erfindung des neuzeitlichen Bürgertums. In den Jahrhunderten davor, im Feudalismus war sie bloß Luxus einer herrschenden Elite – und weil allen anderen ohnehin der allmächtige Christengott bei ihren Sünden zusah, mussten die sich auch nicht großartig um ihre Privatsphäre scheren, sondern nur regelmäßig beichten gehen.

Natürlich war die Erfindung der Privatsphäre daher ein gesellschaftlicher Fortschritt. Sie schaffte dem Menschen jenen Rückzugsort, an dem er sich erst als Individuum begreifen konnte. Die Erfindung der Privatsphäre legte den Grundstein für den Siegeszug des Individualisten, des bestimmenden Rollenmodells der vergangenen Jahrzehnte.

Ja, Selbstverwirklichung und absolute Freiheit des Denkens sind zweifellos Errungenschaften, die unser Leben besser machen. Doch seit wir nicht mehr von Diktatoren überwacht werden, seit der Individualist kein bei Leib und Leben gefährdeter Spinner mehr ist, seit der Individualist gesellschaftlicher Mainstream ist, spielt die Privatsphäre nur mehr eine untergeordnete Rolle.

Wie das Individuum damit umgeht, ist eine reine Lifestyle-Entscheidung geworden. Und da Selbstverwirklichung heute nur selten ohne Selbstdarstellung, Bühne und Feedback auskommt, wird Privatsphäre eben neu definiert. Sie wird zu einer Art Halb-Öffentlichkeit, die wir per Einstellungs-Optionen definieren. Sie wird zu Facebook. Und im Zweifel gewinnt hier wie dort die Öffentlichkeit: Denn was habe ich davon, wenn ich anders bin, und keiner nimmt es zur Kenntnis? Genau, nichts.

So viel zum Thema Privatsphäre für heute. Wir werden ja sicher auch noch ein andermal darüber sprechen.

Ein Kommentar »

  • Christoph Buechel sagt:

    Es geht – wie hier richtig festgestellt wird – weniger um die tatsächliche Definition der „neuen Privatsphäre“ und die Veränderungen derselben, sondern vielmehr um ein neues gesellschaftliches Lernen und Begreifen, ein bewusstes Eingestehen, was mit öffentlich gemachten privaten Daten geschieht.

    Da hilft auch der Film „The Social Network“ nicht weiter, der zwar Mark Zuckerberg als sympathischen, wenn auch ein wenig sozial neben sich selbst stehenden jungen Geek auf seinem Weg zur ersten Milliarde begleitet, aber nichts über die Gründe hinter diesem Business verrät.

    Facebook per se ist nicht gefährlich. Sicherlich nicht. Und derzeit wohl ohnehin schon etwas „too big to fail“. Aber Lernprozesse können manchmal schmerzhaft sein. Bis wir alle miteinander verstanden haben, dass es im World Wide Web prinzipiell nur eine wichtige Währung gibt – und das nun mal private Daten für userorientierte Werbung und sonstige gewinnbringende Geschäfte sind – soll das aber vielleicht auch einfach so sein.

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