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Chile oder: auf zum Vermarkten des „Wunders“

Von | 17.10.2010, 18:20 | 4 Kommentare

Nichts geht über Feelgood-News. Ein anonymer Präsident ist nun Weltstar, 33 Kumpels haben ihren Big Brother-Moment. Carpe diem! Ich geb zu, ich war auch mal grantig. Insbesondere Mittwoch und Donnerstag. Wer da wissen wollte, was in der Welt los war, wurde eines Besseren belehrt. Da passierte nämlich nichts im Rest der Welt, weil alles in […]

Das erste Lebenszeichen der „33“. Foto: designs photostream, Lizenz: CC Attr.-NC 2.0 Generic

Nichts geht über Feelgood-News. Ein anonymer Präsident ist nun Weltstar, 33 Kumpels haben ihren Big Brother-Moment. Carpe diem!

Ich geb zu, ich war auch mal grantig. Insbesondere Mittwoch und Donnerstag. Wer da wissen wollte, was in der Welt los war, wurde eines Besseren belehrt. Da passierte nämlich nichts im Rest der Welt, weil alles in Chile passierte. Die Grube zu San Jose, das Camp der erfüllten Hoffnung, die Beförderung der „33“ von der Hölle in eine Art Himmel.

Das Wunder.

Verblüffend, nicht? Wer kannte vor wenigen Monaten den Präsident Miguel Juan Sebastián Pinera Echenique von Chile? Heute ist der Mann mit dem ansteckenden Lächeln ein Weltstar, wahrscheinlich der populärste Politiker des Planeten, von Mandela mal abgesehen. Und er schilderte unverblümt, wer denn nun für „das Wunder von San Jose“ verantwortlich war: der liebe Gott, wer sonst?

Pinera hätte den Einsatz, die Unermüdlichkeit, die Organisation der Rettungsarbeiter ins Rampenlicht heben können, aber nein, es waren Glaube und Hoffnung, es waren die „Gebete des chilenischen Volkes“, die es zu Stande brachten, dass Gott sie erhörte. Und so, sagte er, verwandelte sich eine Tragödie in einen Segen für die Nation. Gott sei Dank.

Natürlich, hinter den Kulissen half er ein wenig mit, damit die Botschaft in maximaler Breite zum Volk kam. Da war auch ein klein wenig Hasard dabei. Zum Beispiel ließ er den Beginn der Rettungsaktion um vier Stunden vorversetzen. Warum? Damit „das Wunder“ sich zur Hauptsendezeit abspielt.

Und natürlich gab es auch die eine oder andere kleine Panne, etwa als „Kumpel X“ nach seiner Rettung auf die Kameras zuging und seinem Zorn Luft machte, davon sprach, dass jeder wusste, wie riskant der Zustand der Grube war, die Kumpels dennoch runter gezwungen wurden, dem schnöden Mammon zuliebe. Nun, dieser Kumpel X war schnell weg von der Bildfläche, die Kameras wandten sich ab, wer braucht schon Salz in der Süße des Moments. Und es waren ja nicht irgendwelche Kameras, sie gehörten Pinera, der ist nicht nur Präsident sondern auch ein Milliardär, dem der TV-Sender Chilevision gehört. Der in den 80er Jahren die Kreditkarte nach Chile brachte, dem Volk also das gleiche Recht auf Schulden.

Ein Mann überdies, der zum „Wunder“ kam wie die Jungfrau zum Kind, Pinera ist ja erst wenige Monate im Amt. Aber gescheit genug, um zu wissen, dass solche Wunder da sind, um gemolken zu werden. Die „Auferstehung von Chile“ nennt er das, in religiös verbrämter Buchstabentreue. Der Papst („In se name of se Fassa“) könnte sich von ihm eine Scheibe abschneiden, allem voran das Lächeln.

Es geht nichts über Feelgood-Nachrichten, das wissen auch die krisengeschüttelten Politiker Europas, die kommende Woche Pineras Besuch erwarten. Gestern war er auf hastig eingeschobener Visite bei Englands Queen, der er … ein Stück Felsen überreichte. Nicht irgendein Stück Felsen, sondern einen Felsen aus der Grube von San Jose. Einen Wunderfelsen also. Ja, man kann es mit religiöser Mystik auch übertreiben. Die „Will-der-mich-jetzt-verhökern“-Miene der Queen war denn auch ein Bild für Götter. In wenigen Tagen dürfen sich auch Leute wie Nicolas Sarkozy und Angela Merkel über so ein paar Steine freuen, auf dass Pineras Goldstaub auch ihr ramponiertes Image ein wenig poliere.

Inzwischen, in Chile, betonen „die 33“ ihre Einheit. Die war der Schlüssel, meinte Bergmann Yonni Barrios. Der nun als erster einen kleinen Vorgeschmack auf die kommenden Tage genoss, weil im „Camp Hoffnung“ seine Gattin und seine Geliebte an einander gerieten. Das machte Mega-Schlagzeilen. Die Kumpels sind nun Celebrities, reale Big Brother-Stars, so eine verschüttete Grube ist ja nichts anderes als ein Container, eine Schatzgrube für makabre Stories, geboren aus 69 Tagen Tristesse.

Aber es wird Einheit herrschen, betont Barrios, man wird unter 40 000 Dollar keine Interviews geben, man wird nicht über die mysteriösen ersten siebzehn Tage reden, als man von der geplanten Rettung noch keinen Schimmer hatte, und auch über den Streit, wer denn nun als letzter aus der Grube „dürfe“ (Sieger: Herr Luis Urzúa), werde der Mantel des Schweigens geworfen. Jetzt wird erst mal das Wunder gemolken.

Ja, die Einheit. Die ist ein zweischneidiges Schwert, nicht wahr? Gerade unter Bergmännern heißt es immer „gemeinsam sind wir stark“. Weil sie einsam nichts sind außer gezwungen, für einen Hungerlohn Staublungen und andere Disaster zu riskieren, damit ihre Familien was zu essen haben. Klar, gemeinsam sind sie stärker, nur kommt es auch dann auf den Zeitpunkt an, die Stärke zu demonstrieren.

Mir fällt dabei der Streik der englischen Bergarbeiter von 1983 ein, als sich tausende Männer weigerten, in die Grube zu steigen, weil sie sich die Zustände nicht mehr gefallen lassen wollten. Denen wurde samt und sonders von der „eisernen“ Margaret Thatcher das Rückgrat gebrochen. Weil Bergarbeiter das Salz der Erde sind, dazu da, sich Zustände gefallen zu lassen. So wie „die 33“ von der Gold – und Kupfermine zu San Jose. Die ließen sich die Zustände gefallen, und dass die Mine für sie nun zur Goldgrube wurde, ist in der Tat ein Wunder. Möge es ihnen Segen bringen.

4 Kommentare »

  • karotterl sagt:

    ach frater lieber frater. versteh schon Ihren grant. aber ehrlich: das ist jetzt schon fast mainstreamig…so es so ein wort geben sollte.
    klar, dem schreiberling und prediger immanent ist die sehnsucht nach dem haar in der suppe. und die allzu menschliche eigenschaft, aus allem das beste zu machen…bös? jo eh.

    aber ich gebe zu, hier erlieg ich mit ganzer macht dem staunen über das wunder, dass immerwieder unser menschsein so eindrucksvoll erklärt.
    über jene heldenhaften bergretter, die unter einsatz ihres lebens leichtsinnige touristen retten…wo grenzen und nationalitäten plötzlich aufhören, wichtig zu sein..und seis nur für ein paar wochen…um ein paar bergleute aus 700 m tiefe zu holen. geil eigentlich. könnt ma doch auch sagen. warum muss der gelernte intellektuelle dieses freuen an den schönen seiten des menschen immer dem boulevard überlassen?

    wie gsagt, nix auszusetzen an ihrer predigt…aber der 2. teil fehlt mir.

    im grunde können Sie ja garnix dafür, dass ich meinen grant jetzt an ihnen auslasse. weil ich sehs ja so: hätten die pt. schreiberlinge die wochen vor der wahl dem bumsti seine winde nicht gar so exzessiv mit achtung belohnt sondern den sehr wohl vorhandenen wunderbaren gschichten, dies doch auch gibt, wärs nicht gar so leicht gewesen. sag ich jetzt mal.
    aber im grunde gehts der gutmenscherl-berichterstattung genauso, wies der etablierten politik gibt (gibts sowas überhaupt???) , wenn sie sich von ängsten und diffusen bedrohungen vor sich hertreiben lässt, anstatt zahlen und fakten gegenüber zustellen.

    mich würd ja wahnsinnig interessieren: was kostet uns die soko hypo…?
    was kostet uns die abschiebung mit wega-beamten?
    und was kostet es uns, leute hier auszubilden und dann wegzuschicken?
    und was kostet es uns, die leute hier arbeiten zu lassen????

    aber tschudligung, das gehört ja nicht hier her.
    im grunde eine schöne predigt, liebster frater.
    herzlichst

    • Frater Gladius sagt:

      Liebstes Karotterl,
      verzeihen Sie meine späte Erwiderung. Musste grade einen guten Mensch zu Grabe tragen, der sich in Erwartung seiner Entlassung das Leben nahm. Sie wissen schon, die europaweiten Sparmaßnahmen, von denen Österreich so seltsam verschont zu bleiben scheint, aber gut, hier ist es ja wichtiger, Babys zu deportieren. Was wiederum grad weniger wichtig erscheint, weil alles in der Rotgrün-Euphorie liegt. Ich komm da halt nur sehr schwer mit. Sind es nicht grad die Roten, die diesen Deportationen ungerührt zusehen?
      Das ist es auch, was mich Ihre Ansagen von „Menschsein“ so schwer verstehen lässt. Ich kann das „Menschliche“ nicht als tröstlich empfinden. Menschlich ist was Bedrohliches. Was an der Grube zu San Jose passierte, hatte sicher was Nettes. Aber menschlich war es nicht. Menschlich ist per se widerlich. Dennoch vielen Dank für Ihre Zeilen. Ihr FG

  • mare sagt:

    lieber frater gladius, wunder(nd) nachschauen, was in der Bibel zur Zahl 33 steht….

    Diese Zahl legte die Anzahl der Tage fest, die eine Frau nach der Geburt zu Hause bleiben sollte.
    Sie durfte in dieser Zeit nicht den Tempel aufsuchen und auch nichts Geweihtes berühren.
    Die Anzahl der Kinder, die Jakob in Paddan-Aram von seinen beiden Frauen geboren wurden.
    33 Jahre Regierungszeit König Davids in Jerusalem.
    Zahl der Vollendung, als Zahl des (vermeintlichen) Alters Christi.

    • Frater Gladius sagt:

      Liebe mare,
      danke für die Info (wobei die Grenzen zwischen „Information“ und „Überlieferung“ nicht leicht zu ziehen sind). Ja, den Abenteuern des Kopfes sind keine Grenzen gesetzt, sobald man mal die Meriten des Glaubens über jene des Wissens stellt. Ich muss zugeben, dass ich mich eher im Lager der Wissenwollenden heimisch fühle. Das Andere hat z.B. in Bauernkalendern seine natürliche Heimat (i hob in kalenda gschaut, heit geht da wind). Dass etwa Frauen nach Geburt von Nachwuchs 33 Tage lang (plus die Tage ihrer Menstruation) das Haus hüten sollen, fußt in der (durch und durch patriarchischen) Erkenntnis, dass sie in dieser Zeit „unrein“ sind. Und dies ist nur eines von zahlreichen Beispielen, die belegen, dass der (männliche) Mensch erhebliche Schwierigkeiten damit hat, was gemeinhin „Natur“ ist. Und das Dumme insbesondere für den männlichen Mensch ist, dass „Natur“ nichts anderes ist als „Gott“, also das, was er anzubeten glaubt. Herzlichst, Ihr FG

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