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HTML 5: Das nächste Feindbild für die Kämpfer um die Privatsphäre?

Von | 12.10.2010, 11:31 | Ein Kommentar

Dass das Internet unsere Privatsphäre beschneidet, gilt als ausgemacht. Laut New York Times könnte jetzt sogar der neue Webstandard HTML5 ins Visier der Privacy-Kämpfer geraten.

Foto: Remy Sharp. Lizenz: CC 2.0 BY-SA

Dass das Internet unsere Privatsphäre beschneidet, gilt als ausgemacht. Laut New York Times könnte jetzt sogar der neue Webstandard HTML5 ins Visier der Privacy-Kämpfer geraten.

Facebook – so böse, dass es fürs Kino taugt. Google – eine Datenkrake, die unsere Straßen fotografiert. Privatsphäre – in Zeiten wie diesen völlig zu vergessen. Reflexion – wozu, wenn es doch so praktische Vorurteile gibt?

Wer heute Internet sagt, kann durchaus damit rechnen, dass ihm sein Gegenüber von diversen Gefahren erzählt, deren Wahrheitsgehalt keinen interessiert, weil Sendungen wie „Tatort Internet“ auf RTL2, die ich gestern aus dem Augenwinkel erspähte, ohnehin nur aufs Plakative aus sind – und gerade solche Sendungen den Mahnern oft als Quelle dienen. Nicht, dass wir keine andere Sorgen hätten, aber das Internet (die meisten meinen das WorldWideWeb, wenn sie davon sprechen) bewegt alle, weil sich alle darin bewegen. Und selbstverständlich ist es wichtig und redlich, über das Recht auf Privatsphäre nachzudenken und wie es durch Web-Technologien beschnitten wird.

Gestern las ich auch in der New York Times, dass diese Diskussion in naher Zukunft noch weitere Nahrung bekommen könnte. Allerdings nicht, weil Google oder Facebook neue Dienste ersinnen, sondern weil sich das Web prinzipiell verändert. Mit HTML5 hält ein neuer Standard Einzug, der Usern wie Entwicklern alles viel einfacher machen wird. HTML5 könnte, so hofft etwas Steve Jobs, Flash unnötig machen. HTML5 könnte die Interaktivität von Websites in ungeahnte Dimensionen katapultieren. HTML5 verwischt die Grenzen zwischen den Endgeräten. Und HTML5 braucht für so viel Komfort viele Daten der User.

Und um das zu illustrieren, erzählt die New York Times die Geschichte von Samy Kamkar, Programmierer des „Samy Worm“, mit dem er 2005 MySpace austrickste. Kamkar erzählt, er hätte ein Supercookie – genannt Evercookie –  für HTML5 geschaffen, das unzählige Daten des Users sammle und an zehn verschiedenen Orten eines Rechners versteckt werde. Sein Supercookie ist so etwas wie eine Leistungsschau. Es zeigt, welches Potenzial in HTML5 steckt, wenn es darum geht, die täglichen Handlungen der User aufzuzeichnen und der Auswertung zugänglich zu machen.

Müssen wir uns daher vor HTML5 fürchten, wie der Times-Text zumindest in den ersten Absätzen nahe legt? Wohl nicht. Erstens braucht das Web schon längst einen neuen Standard, weil die Vielzahl an Plugins und Helferchen, die man heute zum Surfen braucht, auch die Schlupflöcher multipliziert hat. Und zweitens ist Privatsphäre immer das, was man daraus macht. Niemand findet etwas daran, Sicherheitsschlösser montieren zu lassen und vor dem Schlafengehen die Vorhänge zu zuziehen, wenn er unbeobachtet sein möchte. Doch diese Vorsicht je nach persönlichem Befinden auch online walten zu lassen, fällt keinem ein. Da wird dann lieber auf Google, Facebook oder gleich das ganze Internet geschimpft. Ich gehe zwar davon aus, dass bei letzterem mittelfristig HTML5 gemeint sein wird, aber das wird es aushalten. So wie es Google aushält, dass es für die Unvorsicht der Web-User zur Verantwortung gezogen wird.

Ein Kommentar »

  • GregViE sagt:

    Ohne die achso militanten „Privacy-Kämpfer“ gäbe es doch ausschließlich Lobeshymnen auf die pseudo-sozialen Bequemlichkeiten, die uns Google, Facebook & Co. bescheren.

    Ich finde, man macht es sich etwas einfach, berechtigte Kritik und Sorgen abzutun als ideologie-getriebenen, blinden Kampf gegen eingebildete Feinde. Und lediglich mit dem „sozialen“ Konzept hinter der „Cloud“ zu argumentieren, dessen Umsetzung möglichst lückenloses User-Tracking und Data-Mining scheinbar notwendig macht.

    Viel wichtiger wäre eine sachliche Diskussion über Themen wie Identitätsmanagement (nein, nicht jenes mittels zentraler OpenID oder Twitter-Login), über die Problematik, sämtliche Online-Services von nur einem Anbieter zu beziehen, aber auch darüber, wie man zB. mit „Helferchen“ wie NoScript unerwünschtes Datensammeln einschränkt bei gleichzeitigem Genuss onlinesozialer Annehmlichkeiten.

    Was bei all den Neuerungen, Innovationen und grandios-bequemen Services viel zu selten gefragt (und ehrlich beantwortet) wird: Macht es meinen Alltag wirklich bequemer, und ist der Preis dafür angemessen?

    Denn: If you are not paying for it, you’re not the customer; you’re the product being sold.

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