Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Auszeit, Wort zum Sonntag » Kurt Ostbahn lebt
Share

Kurt Ostbahn lebt

Von | 10.10.2010, 16:07 | Kein Kommentar

Heute ist Wahltag in Wien. Und heute vor zehn Jahren starb Günter Brödl. Da ergibt sich mein Thema des Tages von selbst.

Günther Brödl an der mythischen Geburtsstätte von Kurt Ostbahn. Foto: Erich Reismann

Heute ist Wahltag in Wien. Und heute vor zehn Jahren starb Günter Brödl. Da ergibt sich mein Thema des Tages von selbst.

Brödl also. Unglaublich, dass es bereits zehn Jahre her ist. Vor zehn Jahren rief mich Dr. Trash an und sagte „der Trainer ist tot“. Er sei nach Hause gekommen, habe „warum is ma auf amoi so schlecht?“ gesagt, und das wars auch schon.

Seltsam, diese Sache mit den letzten Worten. Wenn ein Großer stirbt, erwartest du irgendwie Kongeniales, in einer idealen Welt, nur, was ist schon ideal auf diesem zerrissenen Planeten. Aber ich nehme mal an, es gefiele Günter nicht wenig, wenn er wüsste, dass diese Worte auch die letzten („I suddenly feel so sick“) von Jimi Hendrix waren, an jenem 18. September 1970. Dafür kann ich bürgen, second-hand so-to-speak. Ich hatte mal (kurz vor ihrem Selbstmord, kein Zusammenhang) dessen seinerzeitige Geliebte Monika Dannemann besucht, die mir Jimis letzte Momente im Detail schilderte. Er kam spät zurück ins Hotel, sprach die Worte und fiel aufs Bett. Der Rest war ersticktes Röcheln (und ein paar Ohrfeigen, die sie dem Gitarrengott verpasste, auf telefonischen Ratschlag des Musikers Eric Burdon, muss man sich vorstellen, so einen Abgang, aber das nur nebenbei).

Zurück zu Günter Brödl. Wo ich wohne, ist es Brauch, an „runden“ Todestagen von Respektspersonen eine „Wake“ zu machen, eine „Erweckung“, in der man Persönliches reminisziert. Das ist in meinem Fall nicht viel und außerdem fast ein viertel Jahrhundert her. Für mich hat es bis heute eine Signifikanz, die nichts mit Kurt Ostbahn, dafür alles mit dem Aufstieg und Fall eines ehemals großartigen Monatsmagazins zu tun hat. Brödl war Teil des Aufstiegs, ich arbeitete am Fall mit, ohne mir dessen bewusst zu sein, versteht sich (Sie wissen ja, wie das ist – nach vorne wird gelebt, erst im Rückblick verstanden).

Das Magazin hieß und heißt „Wiener“ und angesichts seines aktuellen Rezessions-Looks werden Sie mir wahrscheinlich nicht glauben, wenn ich sage, dass es einmal ein Klasseheft von internationalem Ansehen war. Tatsache. Mitte der 80er Jahre reflektierte der „Wiener“ den Geist der Zeit, wer wissen wollte, was ein Yuppie ist, erfuhr es zuerst im „Wiener“. Und dann kamen die realen Ösi-Yuppies und inszenierten den langsamen Untergang des Blatts.

Es war der Winter 1986 und der „Wiener“ – zugegeben – in einer Krise. Ein kreativer Muskel namens Markus Peichl war nach Deutschland gegangen, um dort „Tempo“ zu machen, der verbliebene Chefredakteur Michael Hopp kümmerte sich außerdem um den Aufbau der neuen „Wienerin“. Sowas geht an die Substanz, die Verkaufszahlen des „Wiener“ gingen zurück. Ein vorübergehendes Tief, würde ich heute sagen, angesichts der Redaktion, die da hinter Hopp stand: Peter Praschl (heute Deutschland), Silvia Rabenreiter (heute L.A.) und Peter Hiess (heute Peter Hiess), um nur einige Klasseleute zu nennen. Und eben Günter Brödl, der da mit Hiess die wunderbaren „Trash & Jive“-Rezensionen verfasste – aber auch bereits mit dem ersten Kurt Ostbahn-Album die Weichen für seine eigentliche Berufung gestellt hatte.

Die „Hopp-Leute“ waren durchwegs moderne urbane Menschen. Mit uns – den Rekruten des oberösterreichischen Journalisten Andreas Dressler (heute Kronenzeitung) zog quasi über Nacht die Provinz ein bzw „der Feind“, wie es unter Hopp-Leuten hieß. Bzw der Anfang vom Ende – unter Dressler (und später Gerd Leitgeb) sollte der „Wiener“ unsäglich in die Breite gehen.

Das erste Halbjahr 1987 war von animoser Lagermentalität geprägt, Ko-operation war heikel. Ich fand es schade, die Hopp-Leute waren ja Legenden. Erstes Tauwetter stellte sich erst im Frühling ein, als mich Brödl für eine „eilige“ Coverstory über Aids („Und sie tun es doch“) redaktionell betreute. Ich schrieb die Geschichte damals über Nacht in seiner Wohnung am Wiener Gürtel, eine Erinnerung, die heute noch frisch ist, das Fenster blieb die Nacht über offen, der Tagesanbruch wurde vom Verkehrslärm eingehupt. Günter kam alle paar Stunden nachsehen und brachte Kaffee und hatte eine immens angenehme und freundliche Präsenz, was meine Deadline-Hektik nicht halb besänftigte.

So legte sich die Berührungsscheu, es kam sogar mal zum gemeinsamen kreativen Brüten über eine 20-Jahre-Sondernummer zum „Sommer der Liebe“ (1967), aber es war zu wenig zu spät, Brödl verließ wenig später den „Wiener“ und machte Kurt Ostbahn groß. Ein Jahr darauf übermannte auch mich die Abwanderlust.

Das wars auch schon, liebe Leute, nicht viel, ich weiß. Aber über Herrn Ostbahn wissen ohnehin andere mehr (etwa HIER und HIER). Ich selbst platzte nur noch in den 90er Jahren zufällig einmal in die Foto-Session zu einem Ostbahn-Album (ein Beisl in der Zollergasse; der Wirt dort brachte sich wenig später um, kein Zusammenhang).

Und so kam es, dass ich vergangene Woche den Fotokünstler dazu – Erich Reismann – kontaktierte, der mir folgende drei – bislang unveröffentlichte – Fotos schickte. Die Location ist das Gasthaus Quell in der Reindorfgasse unweit der Sechshauserstraße im 15. Bezirk und laut Reismann ist das Quell was Besonderes, nämlich die Geburtsstätte der Idee Kurt Ostbahn.

Möge er lange leben.

(Zur Entfaltung bitte auf die Bilder klicken)

Kommentare sind geschlossen.

ZiB21 sind: unsere Blogger