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Gladius 58. Wien-Wahl: Die Königsmacher

Von | 03.10.2010, 14:42 | 3 Kommentare

Der Wiener Wahlkampf fand vor allem hinter den Kulissen statt. Wie soll man sich da als Wähler vorkommen? Überflüssig – oder nur verarscht? Kennen Sie „Stronghold“? Oder „Crusader“? Das sind online-Games, in denen du im „Königsmachermodus“ operieren kannst. Damit kannst du dir Verbündete nehmen und gemeinsam Burgen erobern. Klingt simpel, die Probleme werden denn auch […]

Eine Frau sieht rot. Christine Marek, Wien-Vize in spe. Foto: ÖVPonline/Montage, Lizenz: CC Aggr. ND 2.0 Generic

Der Wiener Wahlkampf fand vor allem hinter den Kulissen statt. Wie soll man sich da als Wähler vorkommen? Überflüssig – oder nur verarscht?

Kennen Sie „Stronghold“? Oder „Crusader“? Das sind online-Games, in denen du im „Königsmachermodus“ operieren kannst. Damit kannst du dir Verbündete nehmen und gemeinsam Burgen erobern. Klingt simpel, die Probleme werden denn auch erst in den Details transparent. Auch im Königsmachermodus kannst du deinen Verbündeten nicht flüstern, wann sie angreifen sollen, noch kannst du mit deren Waffen herum ballern. Und dann das erst recht Ärgerliche: Jetzt hast du doch glatt vergessen, dass die Verbündeten eigentlich Gegner sind – die du leider nicht angreifen darfst.

Das führt zu ein paar logischen Gedanken. Erstens fragst du: Wozu brauch ich Verbündete? Und willst daher – zweitens – gleich während des Spiels die Bündnisse wieder beenden. Nur ist das gegen die Spielregeln. Also wirst du die „Verbündeten“ erst wieder los, wenn es „Game over“ heißt.

Zum Wahlkampf in Wien. Da läuft das „Game“ noch eine Woche, und eigentlich gehts mir da so wie meinem Gastgeber, dem „das Ganze so widerlich (ist), dass ich da in aller öffentlichen Bewusstheit nur zwei Alternativen hab – nicht wählen oder ungültig wählen.“

Das Gefühl zu diesem Zitat wird wohl auch Ihnen vertraut sein, no? Dieser Wahlkampf stank von Anfang an, nicht wahr, niemand präsentierte ein interessantes oder gar visionäres Manifest, stattdessen wurde gleich mal hinter den Kulissen verhandelt, wurden die Eier gezählt, noch ehe sie gelegt sind, es entstand ein regelrechter Swingerbetrieb. So konnte man checken, wie das so sein könnte mit den eventuellen Verbündeten, in der Zeit danach. Und das Ärgerliche in Wien ist, dass es da im Kern, wenn überhaupt um was, dann nur um die Rolle des Königsmachers geht: Wer darf dem Häupl sein/ihr Popscherl offerieren?

Als Wahlberechtigter fühlst du dich da ein wenig verschaukelt. Wozu wählen gehen? Die sind ohnehin bereits für alle Eventualitäten gerüstet. Tatsächlich sind die Wahlen dem Vernehmen nach schon gelaufen: Es wird eine Große Koalition sein – Platzhirsch Häupl mit Vize Christine „Sozialschmarotzerkeule“ Marek. Schöne Aussichten. Allein diese Frisur!

Das ist das Dumme mit dem Homo Politicus. Was soll Haltung? Man entschließt sich heute nicht mehr zu einer politischen Karriere, um dann ein Arbeitsleben lang ohnmächtig herum zu hängen. Impotenz ist auch in der Politik nicht attraktiv, daher schlüpft man – Pragmatik statt Haltung – zum Zwecke der Ermächtigung mit Gegnern unter die Laken. „Und schon liegst du schneller mit dem Feind im Bett als du ‚Scheißnazi’ ‚huch!’ sagen kannst.“

Letzteres meinte ich vergangenen Mai, da bin ich schon einmal auf diese Schiene geraten. Warum? Weil die potenziellen Königsmacher damals gemeinsam leiderneindiskret zum Notar gelaufen sind – um kollektiv der Königsmacherei abzuschwören. Um die Machtverhältnisse zu ändern. Selbstverständlich wurde dabei souverän „vergessen“, dass zu so einer Abmachung auch Rückgrat gehört. Wie soll die ÖVP seit Schüssel denn eine Ahnung haben, was das sein könnte?

Was hat jene seltsame Mai-Packelei gebracht? Den laschesten Wahlkampf aller Zeiten. Weil es unter anderem auch so ist (siehe oben erwähntes online-Game), dass man während eines laufenden Prozesses ein Bündnis nicht auflösen kann, das wäre peinlich für alle Beteiligten und sähe noch blöder aus als es ohnehin ist.

So zog man denn aus, um die 16jährige Vorherrschaft des amtierenden Bürgermeisters nicht zu brechen. Business wie üblich. Die Parteien machten auf Halbgas, was ihnen Natur ist. Die Wien-Chefin der ÖVP glänzte als geübte Unterdenteppichkehrerin (Kinderarmut) und freut sich auf ein Kulturressort, das ihr das Wort „Pipifax“ entlockt, die FPÖ kultivierte weiterhin ihr sagenhaftes Talent für Niedertracht.

Die Grünen, die da im Mai so fatal signalisierten, dass auch sie bei Bedarf gern swingen, wirken nun wie verschmähte Lovers, weil sie der Häupl nicht einmal anzwinkerte.

Alles paletti also für den Platzhirsch. Der begnügte sich auch mit dem, was man in so einem Fall immer macht – einem „Wohlfühlwahlkampf“. Weil er Pragmatiker ist, „die anderen die Beseelten mit den leuchtenden Augen“ (Häupl). Weil er, wie ein heimischer Dichter dem Standard diktierte, „neben Strache selbst mit trüben Machenschaften wie eine Lichtgestalt (aussieht)“. Weil er zwar Menschen abschiebt, aber die Kinder in der Schule lässt, wie er heute im TV meinte (na gut, das mit dem Abschieben hat er nicht erwähnt). Weil er der Häupl ist und seit ewig nix anderes gewöhnt.

Heute ist es auch nur noch dieser Dichter, dem die Vision einer totalen Niederlage Häupls widerfährt – wodurch der Bürgermeister abtreten müsse und sein Nachfolger in einen heftigen Flirt mit den Grünen verfiele. Der Rest denkt „Häupl & Marek“, und wer nicht so denkt, der ist ein verdrossener Wahlberechtigter. Dem sei Helmut Qualtinger ans Herz gelegt, dessen Videos zur Zukunft Österreichs heute auf ZIB21 laufen, und der da sinnierte:

„O Österreich, heut ist mir alles gleich. Ich meine das bitter.“ Game over. Angenehmes Wahlfinale, liebe Leute.

3 Kommentare »

  • mare sagt:

    ja lieber frater, die qual der wahl liegt vielen bürgern im magen und deren ratlosigkeit ist weit und breit in allen schichten anzutreffen. vor allem wissen wir, dass vieles vorab schon vereinbart ist und der mündige bürger zum bauernopfer wird.

  • karotterl sagt:

    liebster frater,
    war das jetzt ein versteckter wahlaufruf für die vassi?
    all jenen, die meinen, na bitte heuer, kann man nur die roten gegen die pösenpösen rechten recken wählen: ätschbätsch. hat schon öfter nicht gefunzt, wird es auch diesmal nicht.

    nichtwählen? ungültig wählen? geh bitte, ich war zwar schon ewig nimma im kasino, aber auch da versuch ich, mit den eintritt-jetons wenigstens 2 glaserl prosecco zu gewinnen und schmeiß sie nicht gleich weg ;)

    ansonsten bin ich dafür, die leber zu enspannen und öfter zu lachen.
    ich hab ja jetzt die sagen aus wien zhaus.
    herzlichst

    • Frater Gladius sagt:

      Wertes Karotterl,
      weder versteckt noch offen. Ich bin kein Wiener. Ein Wahlaufruf würde außerdem bedingen, dass ich dem demokratischen Prozess Marke 2010 etwas abgewinnen könnte, das mir wenigstens entfernt interessant erschiene. Das ist nicht der Fall. Ihr FG

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