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Gladius 57. Prekarier würden Discowahlkämpfer wählen

Von | 26.09.2010, 14:07 | 10 Kommentare

Es gibt Politiker, die wahlkämpfen sogar in der Disco. Muss man deswegen darüber berichten?

 

Disco Praterdome, Foto: Praterdome, Lizenz: CC Attr. NC-SA 3.0 Unported

 Prekär. Nicht unbedingt ein Wort, das du in deiner Nähe brauchst. Prekär ist was Schwieriges und Missliches. Ein Zustand, der dich nicht kalt lässt. „Eine haarige Situation“,  meint mein Gastgeber, „die nicht in sich abgeschlossen ist.“ Sie verlangt nach was. Was Prekäres wird erst unprekär, wenn sich was ändert.

Dann ist da noch das Prekariat. Da definiert der Zustand eine Gruppe. Die noch unter dem Proletariat angesiedelt wird. Ein Proletarier hat wenigstens Kultur und Identität und Interessensvertreter. Ein Prekarier hat den Zustand. Er hat weder Schutz noch Sicherheitsnetz, er hat den unausgesprochenen Auftrag, sich selbst zu helfen, wenn ihn seine Lage stört. Das sollte der Fall sein. In der Nähe von „Prekariat“ finden sich so Begriffe wie „einkommensschwach“, „verarmt“, „erfolglos“ und „Randexistenz“ – letztere zieht sich durch alle Schichten, sie kann ein Arbeitsloser ebenso sein wie ein insolventer Unternehmer oder ein Schriftsteller, dessen Romane nicht gedruckt werden.

Prekariat ist ein junges Wort und kaum einem ein Begriff. Die Leute dazu werden im öffentlichen Diskurs am liebsten ignoriert, kein Wunder, wer braucht deren Probleme. Außer im Wahlkampf, da werden sie vorübergehend interessant, auch Prekarier dürfen wählen.

Vor ein paar Tagen führte mich ein Tweet zum Wort: „Haut mich, aber  das ist ein kluger Kommentar zu HCs Discowahlkampf.“ Der Link dazu leitete zu einem Kommentar im Standard weiter. Da meinte ein Poster namens quick & dirty: „Die Linke  und ihre Standesdünkel … es  ist schon erstaunlich, mit welcher ‚intellektuellen’ Überheblichkeit über das Prekariat (Unterschicht?) hergezogen wird. Und so etwas behauptet von sich, die Antworten auf die Probleme dieser Bevölkerungsgruppe zu haben. Als Linker bleibt mir da nur der Mund offen …“

Der Kommentar war auf ein paar andere Wortspender gemünzt, die den typischen Besucher nämlicher Disco (Praterdome) als „besoffenes Low-level-publikum“ beschrieben, deren IQ „akkumuliert kaum in 3-stellige Höhe“ gerät. Ein „Gesindel“, wie es anderswo wertschätzend heißt. Leute in einer prekären Lage eben – die aber dennoch alle paar Jahre vorübergehend weniger unwichtig sind, das Wahlrecht, wie gesagt. Und so kommt es, dass auch der Prekarier in der Disco gelegentlich an Wahlkämpfer gerät. Soll heißen: an einen Wahlkämpfer. Im gegenwärtigen Wahlkampf um Wien scheint es nur einen Kandidaten zu geben, der den Kontakt zum „Prekariat“ sucht, deren Hände schüttelt, verständnisvoll nickt, sogar einen „Rap“ hinlegt und sich so als nächster Bürgermeister anbiedert, ohne sich um sie kümmern zu müssen, ginge ohnehin nicht, ist eh zu laut in der Disco.

Das sei es, was obigen Tweeter unrund mache, sagte er: „Es gibt viele Links-Intellektuelle, die auf links-proletarisch machen und Marx und Bakunin zitieren und auf das echte Proletariat runter blicken. Die dürfen sich nicht wundern, wenn die jungen Hackler alle zum Discowahlkämpfer laufen …“

Na gut, er sagte nicht „Discowahlkämpfer“. Er nannte den Mann beim Namen, nur ist mir das zuwider. Der Mann hat schon so viele Sager im Archiv, die ihn disqualifizieren, und er hat natürlich das Recht auf Äußerung seiner Meinung, so, wie andere – Massenmedien übrigens auch –  das Recht haben, diese Meinung NICHT ans Volk zu bringen.

Das ist es, was mich unrund macht. Weniger, dass sich keine der Großparteien um „das Prekariat“ schert, sie lieber unter den Teppich kehrt, ist bequemer, deren Lage ist so prekär, da hängt zu viel dran, um das Thema auch nur anzufassen. Auch ist „prekär“ nicht unbedingt populär. Und schließlich scheint man auch anzunehmen, dass das Prekariat politikverdrossen genug ist, um nicht wählen zu gehen. Wahrscheinlich stimmt das sogar.

Nur verstehe ich nicht, dass selbst als kritisch angesehene Zeitungen es sich nicht nehmen lassen, obigen Wahlkämpfer bei seinem Weg durch die Discos zu begleiten, ihm massive Öffentlichkeit zu bescheren, ihn einen „höflich lächelnden“ und „verständnisvoll nickenden“ Mann sein zu lassen – also einen Beitrag für das Wachsen seiner Popularität zu liefern.

Discowahlkampf ist ja nichts Neues, das hat schon Haider gemacht. Ein ehemaliger Linksintellektueller, der dennoch bei „Basta“ (ehemaliger Boulevard) landete, erklärte mir seinerzeit, dass er nur deswegen bei Haider im Helicopter sitze, um ihn zu „entlarven“, ihm quasi subversiv die Popularität zu untergraben. Aber wahr war halt auch, dass Haider Quote brachte und die Auflagen hob und es ist nun mal nicht leicht, keine Quotenhure zu sein.

Seither ist auch schon lange klar, dass es „populistischen“ Politikern egal ist, was die Zeitungen schreiben, solange sie nur schreiben. Ein Gefallen, den sie dem Discowahlkämpfer von heute offenbar gerne machen. Die gönnen ihm sogar das letzte Wort: „Es gab einen einzigen heute, der mir den Handschlag verweigert hat“, meint er zu derStandard.at. „Das ist doch eine gute Quote.“

Ist sie sicher. War sie sicher auch für den Standard. Allein die Kommentarleiste führte ins Endlose. Konnte sich wieder mal jeder so richtig abgeifern. Und der Discowahlkämpfer lacht sich ins Fäustchen. Prekär, sowas.

10 Kommentare »

  • Ettmayer sagt:

    Verehrter Frater,

    ich melde mich jetzt ausnahmsweise wieder zu Wort, weil mich Ihre jüngste Predigt tief berührt hat. Ihren Worten haftet eine erschreckende Trostlosigkeit und Resignation an, und da spreche ich jetzt nicht nur von der politischen Dimension. Vermutlich liegt es an dem Wort Discowahlkampf. Wer in die Discothekenfalle tappt, hat praktisch ausgeschissen, das muss ich hier so deutlich sagen. Ich komme nur noch selten in die Verlegenheit, ein Etablissement dieser Art aufsuchen zu müssen, stelle aber fest, dass ich mir gut vorstellen kann, wie es da im Wahlkampf-Modus zugeht. Für visionäre Politiker mit IQs im Außentemperaturbereich ist das die ideale Plattform. Hände schütteln, Dauergrinsen auflegen, wild gestikulieren und gegen den Lärm anschreien mit Worten wie „Hallo, ihr Arrrrschgeigen, ich bin’s, euerrr Führrrerrrr. Wo ist meine Leibstandarrrrte?“ Bruhaha und Schenkelklopf. Versteht eh kein Schwein, was Sache ist. Der Sportplatzwahlkampf läuft übrigens ähnlich ab, nur der Lärmpegel ist niedriger. Und der Wahlwerber muss halt wissen, ob die Heimmannschaft das Tor geschossen hat oder die räudigen, unterbelichteten Judennigger vom Gästeteam.
    Es ist aber auch so, dass ich jetzt endlich weiß, welchem politischen Lager ich mich zurechnen muss. Weil meine Lage ist prekär, soviel steht fest. Monetär prekär, sportlich prekär, sexuell prekär, und der Herr vom Parterre hat’s bekanntlich sowieso schwer. Also bin ich wohl ein Fall für das Prekariat. Wo liegt das noch schnell? Irgendwo unter der Unterschicht? Hört sich nach Traumlage an, ich bringe meinen Stammtisch mit!
    Trotzdem, Frater, möchte ich Ihnen in dieser schweren Stunde Trost zusprechen. Verzweifeln Sie nicht, nehmen Sie nicht leichtfertig das Wort Quote in den Mund, und auch nicht die Hure, ich bitte Sie! Das geziemt sich nicht für einen Glaubensbruder. Und spenden Sie! Reichen Sie alles, was in Ihren Opferstöcken klingelt, der intellektuellen Linken weiter, auf dass sie endlich Kreisky klone. Mit seinem Team. Oder Marx. Oder Trotzki. Und Rosa Luxemburg gleich dazu. Was immer einem sozialdemokratischen Gentest standhält und linkspopulistisch verwertbar scheint, weil die Hoffnung stirbt zuletzt. Und ja, wir schaffen das! Genossen und Genossinnen, gemeinsam haben wir eine große Chance! Das Proletariat ist tot, lang lebe das Prekariat!

    In diesem Sinne, mit sportlichen Grüßen
    Ettmayer

    • Lina sagt:

      Sehr geehrter Herr Ettmayer,
      danke für den gelungene Kommentar, sie haben einiges auf den Punkt gebracht, was zu diesem Thema in meinem Kopf herumschwirrt, für das ich aber keine Worte gefunden habe. Sind Sie der Fussballspieler oder heißen Sie nur so?
      Jedenfalls freundliche Grüße
      Lina

      • Ettmayer sagt:

        Na ja, sagen wir es so, Lina: Ich bin dem Fußballer Ettmayer nachempfunden, behalte mir aber ein geistiges Eigenleben vor. Das ist manchmal ein Fluch, manchmal ein Segen. Interessant finde ich, dass ich das Schwirren in Ihrem Kopf auf den Punkt bringen konnte. Darauf werde ich mir abends sicher noch einen Marillenbrand genehmigen.

        Leben Sie wohl, grüßen Sie sportlich
        Ettmayer

    • Frater Gladius sagt:

      Danke, Ettmayer, für diese Salve Licht. Da fällt es einem fast schwer, beim Leitthema der Resignation zu verharren.
      Mit Ihrem Nebensatz über die Hure haben Sie natürlich recht, es ist unfair, sie mit Zeitungsmachern zu vergleichen, es steckt weit mehr in ihr als nur deren öder Opportunismus – den ich eigentlich meinte. Die Mediatoren verzichten auf Haltung. Zu Gunsten der Auflage. Der Quote. Das ist historisch interessant. Mit korrekter Haltung kannst du heute keine Quote machen. Haltung und Quote stehen zu einander in Widerspruch. Mein Problem ist: Kein Journalist braucht heute Haltung, um die Auflage des Mediums seines Arbeitsgebers zu steigern, im Gegenteil, Haltung ist dafür nur hinderlich. Und man merkt es der gesamten Branche an. Ihr FG

  • gundelGaukelei sagt:

    ich glaub es war Engels, der gesagt hat, das Volk ist zu dumm fuer das allgemeine Wahlrecht …

    • karotterl sagt:

      ja. die geschichte ist voll von hochnäsigen besserwisserischen linken, die null rezept gegen den rechten extremismus gefunden haben.

      • Frater Gladius sagt:

        Ich finde das Wort „dumm“ nicht so schlimm. Es bekräftigt nur einen Auftrag: Education. Du kannst noch so intelligent sein – ohne Education bleibst du dumm.

  • karotterl sagt:

    bumsti heißt er. oder auch – ganz modern – bumsti-man.
    zieht um die welt und verteil steinschleudern an brave kevins und jaqulines. aso na, die nicht. die kriegen blondiermittel.

    wer ihn wichtig macht? das prekariat? nö. die sicher nicht.
    mich würde ja mal interessieren, wie hoch die wahlbeteiligung dieser zielgruppe ist.

    die medien, die über jeden furz berichten?
    die politischen mitbewerber, die jeden furz entweder kommentieren
    oder
    was vielleicht noch viel tragischer ist,
    diverse besondere stinkbomben nicht kommentieren?

    shit happens. und panta rei…oder wie das heißt.
    schönen sonntag werter frater

  • Thomas Inführ sagt:

    Zitat aus dem Standard Forum: „Aus diesem und ähnlichen Postings erkennt man die Hilflosigkeit der Linken. An sich viele gute Ideen, aber unfähig das eigene Wahlvolk anzusprechen. Es müssen die Wähler Schuld sein, nicht die eigene Bewegung.“

    Mehr gibts dazu nicht zu sagen, und dann wundern sich immer alle warum die FPÖ bei den Wahlen so stark ist und die Grünen im einstelligen Bereich bleiben.

    • Frater Gladius sagt:

      Das „eigene Wahlvolk“? Was soll denn das heißen?

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