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Lügen der Social Media Gurus, Teil 1: Überschätzung des “Like”-Buttons

Von | 26.09.2010, 13:22 | 7 Kommentare

Unser Medienkonsumverhalten ändert sich. Das führt auch dazu, dass alle so genannten Social Media Experten zuhören. Und die verwechseln den „Like“-Button mit Partizipation.

Die MedientageWien sind vorüber. Es wurde mehr über Online als über Zeitungen, Radio und Fernsehen gesprochen. Das mag ein Zeichen dafür sein, dass ein Wandel in den Köpfen angekommen ist. Wie groß die Unsicherheit noch ist, zeigt sich daran, dass Journalisten, die in ihrem Leben noch kein Online-Content-Management-System bedient haben, heute über den Siegeszug des Blogging schreiben. So als gäbe es nicht schon zehn Jahre Blogger im Internet.

Wir haben es also mit einer Hausfrauen-Hausse zu tun. Und scheinbar darf in solchen Zeiten jeder noch so unbedarfte Laie schlaue Worte von sich geben – und den Niedergang der Medien, des Journalismus herbeizitieren. „Bestseller“ und das Magazin „trend“ haben eine „Medien Spezial“ Ausgabe herausgegeben, in dem Blogger von der schönen neuen Online-Welt berichten – und munter klassische Medien beschimpfen.

Die dümmsten Zitate zum Thema Kulturwandel

Da sagt etwa die sympathische Meral Akin-Hecke (Digitalks) so weise Worte wie: „Manche verbingen mehr Zeit mit dem Web 2.0, manche weniger. Jede Person beschließt selbst, auf welchen Kanälen sie Informationen austauschen will.“

Revolutionen sehen anders aus, wertvolle Beratungsansätze auch. Oder Luca Hammer, seines Zeichens Autor, deutet: „Mir ist die Linearität der Medien suspekt, da ich vom Internet gewohnt bin, Dinge dann zu konsumieren, wann ich es möchte, und nicht, wenn es ein Programmplan vorschreibt.“ So tiefsinnig das auch klingen mag, seit der Erfindung des Buchdrucks gab es diese Form der „Linearität“ nie – und damit gibt es diesbezüglich auch keine Revolution.

Noch absurder wird es allerdings, wenn davon die Rede ist, dass sich die Machtverhältnisse zwischen Unternehmen und Konsumenten verschieben würden. Firmen und Einzelpersonen würden auf einmal „auf einer Ebene miteinander kommunizieren“, schreibt trend. Nun, einzig mögliche Interpretation: es kommunizieren Menschen mit Menschen.

Aber welche Hierarchien werden dabei verschoben? Weil ein PR-Mitarbeiter von Danone nun die Facebook-Fanpage betreut und sich 5000 Menschen potenziell davon berieseln lassen sollen Hierarchien umgekippt worden sein? Ist das Joghurt nun sauberer, gentechnikfreier, ist die Kommunikation ehrlicher und weniger von Marketing getrieben, weil Danone eine Facebook-Page hat? Natürlich nicht.  Und wenn Swarovski 500.000 Facebook Fans hat, dann wird das Unternehmen auch weiterhin nicht mit einer halben Million Menschen auf Augenhöhe reden und darüber diskutieren, ob die Steine in Zukunft in Indien poliert werden sollen.

Selbsttäuschung der Couch Potatoes

Luca Hammer sagt so ehrlich, dass er „manchmal einen Gedanken, oder ein Erlebnis“ hat, das „ich nicht für mich behalten möchte.“ Dann postet er das auf Twitter. Und er erwartet sich Feedback. Bekommt er ein paar Antworten, fühlt er sich als Autor und Blogger bestätigt. Ich bestreite nicht, dass sich unser Medienverhalten ändert, im Gegenteil, es ändert sich rasant. Das Dramatische daran ist jedoch unser kollektives Missverstehen dieses Wandels. Wir sind inpuncto Kommunikation nicht, wie viele Social Media Gurus meinen, aktiver geworden, sondern passiver.

Denn wir erwarten uns mittlerweile, dass Nachrichten an uns herangetragen werden. Wir verwechseln das Drücken des „Gefällt mir“ Buttons mit Partizipation, unser gelangweiltes mehrmaliges Aufrufen von Social Media Apps verwechseln wir mit einer Neugier an der Welt, unsere gelebte Passivität interpretieren wie als aktive Verweigerung. Social Media bringt Anliegen von Minderheiten sowie die Probleme und Missstände der Gesellschaft nicht nach oben, sondern verdeckt sie. Wenn Probleme keine „Retweet“-Eigenschaften haben, dann fallen sie auch niemanden auf. Das ist aber das charakteristische an journalistischer Neugier, genau dort weiterzuwühlen, solange bis das Thema massentauglich wird. Es wäre fatal den aktiven Bloggern abzusprechen, dass sie mit vollem Einsatz und Eifer relevante Inhalte zu generieren. Ich zweifle an den Followern, an uns allen, die wir Follower sind. Das „Folgen“ darf nicht als  „Mitmachen“ interpretiert werden. Und genau hier wird die Expertise von Bloggern wie Digitalks und Luca problematisch, die von sich selbst auf ihr Publikum schließen.

Was ist also diese Web 2.0-Welt?

Das Interesse an der persönlichen Umgebung wächst im Social Web, das Interesse an den weiter weg liegenden Themen sinkt. Facebook behindert damit die Solidarisierung, anstatt sie zu fördern. Die Übertreibungs-Blase Web 2.0 ist kurz vor dem Platzen. So wie es keine New Economy im Jahr 2000 und den Jahren danach gab, so gibt es kein Web 2.0, das die Kommunikation revolutioniert.  Es gibt massive Veränderungen im Medienkonsum, doch es wäre fatal, würden Medienmacher Social Media-Beratern vertrauen, die das als Siegeszug der Laien-Kommunikatoren interpretieren. Die Herausforderung an Medienmacher und Blogger lautet: Bekämpfe die Passivität und Langeweile und verschärfe daher die Relevanz deiner Medien. Aber vertraue dabei nicht auf den „Like“-Button.

7 Kommentare »

  • Omi sagt:

    Das alles ist Hirnwixerei – ist durchaus nett – aber auf Barrikaden steigen werde weder ich noch meinesgleichen, die sich gerne Infos aus dem Netz holen. Revolutionen brauchen Eigenbetroffenheit. Wir bleiben nur Zuschauer eines winzigen Teils der Geschehnisse und formulieren schlaue Sätze. Warum nicht? Wenns Spaß macht?

  • Martin Lange sagt:

    Ein paar Anmerkungen zu den folgenden Behauptungen aus dem Text:

    “Mir ist die Linearität der Medien suspekt, da ich vom Internet gewohnt bin, Dinge dann zu konsumieren, wann ich es möchte, und nicht, wenn es ein Programmplan vorschreibt.”
    >>Ich kann diese Aussage nur unterstreichen.

    So tiefsinnig das auch klingen mag, seit der Erfindung des Buchdrucks gab es diese Form der “Linearität” nie – und damit gibt es diesbezüglich auch keine Revolution.“
    >>Das ist m.e. aus nicht so. Sehr wohl sind die Massen seit Erfindung speziell des Fernsehens passive Konsumenten. Die Inhalte werden von den Medienanstalten vorgegeben und beeinflusst.Die Menschen werden so Tag für Tag im Sinne der Programmchefs beeinflusst. So ist und war das schon immer mit der Medienmanipulation. Und genau das hat sich sehr wohl geändert ein Stück weit mit dem Internet.

    Noch absurder wird es allerdings, wenn davon die Rede ist, dass sich die Machtverhältnisse zwischen Unternehmen und Konsumenten verschieben würden.
    >>Es gibt zahlreiche Beispiele in denen sonst übliche Abmahnverfahren zurückgenommen wurden und/oder sich Firmen offiziell entschuldigten für Faux Pas gegenüber dem Konsumenten. Durch die transparente Vernetzung und die möglichen Skaleneffekte hat sich ganz klar eine Stärkung der Verbraucher eingestellt.

    Aber welche Hierarchien werden dabei verschoben?
    >> Einzele Personen können sich durch Skaleneffekte Gehör bei vielen anderen verschaffen. Die Firmen erleiden einen PR Schaden wenn Sie darauf nicht achtgeben. Willkür ist nicht mehr so einfach durchführbar.

    Wir sind inpuncto Kommunikation nicht, wie viele Social Media Gurus meinen, aktiver geworden, sondern passiver.
    >> Empfinde ich nicht so. Wesentlich mehr Menschen haben die Möglichkeit Ihre Meinung zu Themen kundzutun und nutzen diese auch. Große Gruppen stellen fest, das Sie zu bestimmten Themen die gleiche Meinung haben. Sicherlich: ad hoc sind jetzt keine großen Veränderungen festzustellen. Aber das Social Web steckt immer noch in den Kinderschuhen. Ein paar Jahre Netzevolution und wir werden sehen was daraus wächst.

    Wenn Probleme keine “Retweet”-Eigenschaften haben, dann fallen sie auch niemanden auf.
    >> Sehe ich nicht so. Jedes Problem hat „Retweet“-Eigenschaften. Wenn ich vernetzt bin kann ich es der breiten Masse zukommen lassen, wenn nicht dann nicht. Es kommt auf jeden einzelnen an ob er diese Skaleneffekte nutzen will oder nicht. Die Möglichkeiten sind da. Für jeden. Das ist neu.

    Das “Folgen” darf nicht als ”Mitmachen” interpretiert werden.
    >> Das stimmt. Muss es aber auch nicht. Ich muss nicht im Bundestag sitzen um Politik zu betreiben. Ich stimme ab bei der Wahl und setze so meine Stimme ein um Richtungen zu beeinflussen. Dies wird in der Zukunft eben zu wesentlich mehr Themen und öfter der Fall sein. Bei Avaaz.org können Sie sehen das es sehr wohl einen echten aktiven Unterschied machen kann sich zu einem Thema zu informieren und sich per Klick zu beteiligen. Die Masse macht einen sehr sehr großen Unterschied. Und ein ilike hundertausendfach kann sehr wohl ein entscheidendes sehr starkes Mittel sein.

    Das Interesse an der persönlichen Umgebung wächst im Social Web, das Interesse an den weiter weg liegenden Themen sinkt.
    >> Das Gegenteil ist meine Erfahrung. Durch die Vernetzung bekomme ich Themen und News mit für die ich mich sonst nicht interessiert hätte oder die ich gar nicht mitbekommen hätte. Das Bild wird differenzierter. Ein wesentlicher Vorteil gegenüber den klassischen Medien. Es natürlich bleibt die Aufgabe der vernünftigen Auswahl der Kanäle…

    So wie es keine New Economy im Jahr 2000 und den Jahren danach gab, so gibt es kein Web 2.0, das die Kommunikation revolutioniert.
    >> Also ich sehe hunderte New Econmy Firmen die funktionierende Geschäftsmodelle haben und erfolgreich am Markt agieren. Und wenn ich auf die Straßen hier in Köln schaue hat sich die Kommunikation sehr wohl auf dramatische Art und Weise verändert. Mit noch mehr Smartphones am Markt wird sich das weiter verstärken das ist einfach eine logische Folge. Und je mehr Leute die Möglichkeit haben zu interagieren, abzustimmen und Ihre Meinungen kund zu tun desto stärker wird der Effekt. Schauen Sie sich avaaz.org als gutes Beispiel an und überzeugen Sie sich…

  • : Denn wir erwarten uns mittlerweile, dass Nachrichten an uns herangetragen werden.

    Mittlerweile? Ich glaube, dass ein durchschnittlicher nicht-Zeitungsleser, der Abends wie immer den Fernseher anmacht und dabei auch gelegentlich durch irgendwelche Nachrichten zappt sehr daran gewöhnt ist, dass Ihn die Nachrichten erreichen. Schon lange.

    Ich denke, das „Aktivwerden“ beginnt weit vor dem ersten Klick auf ein „gefällt mir“:
    Beim Überangebot an Tweets, Blogs, YouTube-Videos usw. muss ich als Konsument ja zu allererst selbst aktiv werden: Ich muss nämlich auf Basis meiner eigenen Interessenslage filtern, welche Blogs ich abonnieren, welchem Twitterern ich folgen will.

    Ob ich dann ständig kommentiere oder nur mal gelegentlich einen kleinen blauen Daumen anklicke ist fast nebensächlich – die eigentliche Aktion ist ja vorher passiert: Ich habe meine Interessen reflektiert, ich habe ein Angebot daraufhin gesichtet und bin aktiv geworden. Weitaus aktiver, als es mir die Nicht-Auswahlmöglichkeit bei Fernsehen oder der einen Lokalzeitung, die es üblicherweise so gibt bisher möglich machte.

  • Unter dem Artikel steht: „16 Personen gefällt das.“ Denn lässt man diesen Like-Button weg, dann steht man offenbar trotzdem als Blogger ziemlich schlecht da. Warum?

  • Ulrich sagt:

    Ich kenne viele Leute, die erst seit der Social Media Revolution (die im Artikel negiert wird) überhaupt erst online aktiv sind, also nicht nur passiv konsumieren, sondern tatsächlich aktiv Inhalte erzeugen (beginnend mit dem Klick auf den „Like“-Button, als kleinste möglicher Erschaffungsprozess im Internet).
    Und das als „kollektives Missverstehen“ zu bezeichnen wirkt auf mich wie der müde Versuch durch eine extreme Position zu polarisieren und eine Diskussion zu entfachen, für die keine Grundlage besteht.
    Aber netter Versuch :-)

  • jo kalenberg sagt:

    Sehr interessanter Ansatz. Gut finde ich die Beispielzitate. Sie machen das augenblickliche Niveau der gesamten Diskussion mehr als deutlich. Das Web 2.0 ist eine große Blase? Ich hoffe es nicht. Ich hoffe das es nicht zum großen Knall kommt wie im Jahre 2000. Den egal ob Revolution oder nicht, ich mag, die neue Art der Kommunikation.

  • shiraz sagt:

    wohltuender, weil relativierender beitrag.

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