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Die Nullerjahre

Von | 27.08.2007, 9:03 | Kein Kommentar

Ausgerechnet Lindsay Lohan. Diese 21-Jährige, die zwar eine talentierte Schauspielerin sein soll, dank etwas unglücklicher PR und ihres Hanges zum Exzess aber gerade als dumme Kuh durch die Institutionen der Celebrity-Kultur getrieben wird. Ausgerechnet Lindsay Lohan sagte folgendes: „I feel like the asshole, the idiot, because I feel like I’m distracting from the other things […]

nullAusgerechnet Lindsay Lohan. Diese 21-Jährige, die zwar eine talentierte Schauspielerin sein soll, dank etwas unglücklicher PR und ihres Hanges zum Exzess aber gerade als dumme Kuh durch die Institutionen der Celebrity-Kultur getrieben wird. Ausgerechnet Lindsay Lohan sagte folgendes: „I feel like the asshole, the idiot, because I feel like I’m distracting from the other things that are important, like global warming and that kind of stuff.“
Selten, dass Urheber und Zitat so sehr im Widerspruch zum Geist der Zeit stehen: Es gebe diverse Probleme da draußen, meint die Lohan – und sie seien uns allesamt egal, weil wir uns lieber in der Parallelwelt der Märchen von aufsteigenden Stars und gefallenen Sternchen vergnügen, einer Welt, in der sie eine Rolle spiele, die sie wohl nicht so schnell wieder loswerden kann. Wenn also eine der handelnden Personen dieses Reigens der Banalitäten ihr Unbehagen über ihr Dasein kundtut, muss wohl etwas in der Luft liegen.
Nur was? Nun, vielleicht sogar eine Erkenntnis zum Wesen des Jahrzehnts, in dem wir leben, zu diesen Nullerjahren des frischen Jahrtausends, die selbst in ihrem Ausklang kein rechtes Gesicht bekommen. Außer vielleicht – und das ist ja das Bedrückende daran – das von Paris Hilton.
Schon kurzes Nachdenken über die vergangenen Jahre zeigt vor allem eines: Viel Prägendes ist in den vergangenen Jahren nicht passiert. Die CD ist gestorben. Der iPod hat unseren Musikkonsum revolutioniert. Tom Cruise hat sich endgültig als Idiot entpuppt. Harry Potter ist Literatur. Der DJ taugt als Popstar doch nichts. Männer wollen alles, nur nicht metrosexuell sein. Harald Schmidt demontiert sich selbst. Casting-Shows lassen sich beliebig oft wiederholen und trotzdem schaut noch irgendjemand zu. Privatfernsehen besteht zu hundert Prozent aus Mist. Und so weiter, und so irrelevant.
Dabei haben die Nullerjahre ja ganz anders angefangen. Zuerst waren sie eine zünftige Silvesterparty, danach waren sie eine Aktionärsversammlung für absurde Geschäftsideen im Internet – und dann waren sie plötzlich sehr politisch, weil ein paar irre Islamisten zwei Jumbo-Jets ins World Trade Center in New York fliegen ließen. Aus heutiger Sicht kann man sagen: Dieser auf allen Fernsehkanälen live durchgeschaltete Besuch der Weltpolitik in den Wohnzimmern war wohl der eigentliche Beginn der Nuller-Jahre, und alles davor noch der Ausklang der langen Neunziger-Jahre mit ihren billigen Interkontinentalflügen und ihrem langweiligen Wohlstand. Politik war darin nur marginal vorgekommen: Zum Beispiel als Bill Clinton sich von seiner Praktikantin einen blasen ließ und dann aller Welt erzählte, das sei kein Sex. Oder in Form der Sozialdemokratie europäischer Prägung, die den Bach runterging, weil ihre strahlenden Führer fanden, das sei von ihren Spin Doktoren so gewollt. Oder, hmm, wurscht. Eigentlich war Politik in den Neunzigern vor allem wurscht. Sie funktionierte. Sie störte nicht. Und wenn was schief ging, gab‘s eben ein Kerzerlmeer.
Das schien der 11. September dann zu ändern, so wie er die ganze Welt änderte: Irgendwie wurden durch den internationalen Terror die Räume enger, in denen wir lebten. Und mit der Enge der Räume wurde es plötzlich wieder provinziell: USA gegen Europa. Europa gegen Großbritannien. Deutschland gegen Polen. Jeder glaubte, die Welt richtiger befreien zu können als der andere. Und keiner wusste, von wem eigentlich genau es jemanden zu befreien galt – so schwammig wie ideologische Scharmützel in einer Welt eben daher kommen, die sich jahrelang nicht um Ideologien geschert hat, weil das Geld ohne sie viel schneller aufs Konto kommt.
Wie die Jahre dann vergingen, waren auch die großen und kleinen Nachwehen von 9/11 immer weniger zu spüren, weil sie in einem Alltag versiegten, der vom unbändigen Drang nach – meist banaler – Unterhaltung dominiert war.
Es regiert heute mehr denn je das Star-Prinzip. Angelina Jolie ist UN-Botschafterin, Paris Hilton eine globale Ikone, Cameron Diaz rettet das globale Klima, Christl Stürmer steht sicher auch für irgendwas. Ein Gesicht, ein Slogan, passt – und was hat sie auf diesem Plakat eigentlich an?
Dass nun Lindsay Lohan die einzige ist, der es ein bisschen unbehaglich dabei, wenn sie die überdimensionale Medienpräsenz ihres Alltags betrachtet, ist zu bezweifeln. Doch es steht für alle Beteiligten – die Stars, die Medienindustrie dahinter – ein Teil ihrer Existenz auf dem Spiel. Denn Star zu sein, egal ob fünf Minuten im Casting-Fernsehen, oder neunzig Minuten im sommerlichen Blockbuster, ist die einzig gültige Währung der Nullerjahre. Das gilt für die größte Null genau so wie fürs größte Genie. Das ist ungerecht, das ist dumm, das ist banal. Und das ist, so wie es aussieht, die bisher größte Leistung, die dieses Jahrzehnt erbracht hat.
Traurig? Wir haben es erstens so gewollt. Wir haben zweitens noch immer Zeit, das Gegenteil zu beweisen. Und drittens muss ich jetzt noch bei tmz.com reinschauen, was Britney Spears so treibt. Wie schon erwähnt, steht ja auch was auf dem Spiel.

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