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Macht Mode blöd?

Von | 21.09.2010, 16:28 | 3 Kommentare

„Omas erobern Laufsteg“, steht drüben auf stern.de. Soll heißen: Alt ist heuer das neue Dick – und Dümmer das neue Dumm. Nur: Für wen gilt das eigentlich? Eine wichtige Vorbemerkung: Ein Vorgesetzter sagte mir einmal in einem Gespräch, dass meine „Style-Kompetenz“, wie er es nannte, nicht gerade ausgeprägt sei. Da er nicht bemerkte, wie unhöflich […]

Fakt: Auf Fashion Weeks zählen noch immer dünne Beine von jungen Frauen. Foto: Art Comments, Lizenz: CC 2.0 BY

„Omas erobern Laufsteg“, steht drüben auf stern.de. Soll heißen: Alt ist heuer das neue Dick – und Dümmer das neue Dumm. Nur: Für wen gilt das eigentlich?

Eine wichtige Vorbemerkung: Ein Vorgesetzter sagte mir einmal in einem Gespräch, dass meine „Style-Kompetenz“, wie er es nannte, nicht gerade ausgeprägt sei. Da er nicht bemerkte, wie unhöflich diese Bemerkung war, bemerkte er wahrscheinlich auch nicht, dass er mir ein Kompliment gemacht hatte. Sollten sich dereinst Menschen an meinem Grab versammeln, möchte ich nämlich wirklich nicht, dass sie einander voll Trauer zunicken und dabei murmeln: „Wissen Sie, was ich an meisten an ihm vermissen werde? Seine Style-Kompetenz.“ Ja, ich hab’s nicht so mit der Mode. Und ich halte sie gesellschaftspolitisch für weitaus weniger wichtig als ihre Akteure das gerne hätten. Mode ist okay, Mode ist da, aber Mode ist auch sehr wurscht.

Und damit Ende der Vorbemerkung, denn hier soll es nicht um mich gehen, sondern bloß darum, dass eine Branche seit Jahren zur Zeit der Fashion Weeks eine Relevanz für sich beansprucht, die ich ihr nicht zugestehe. Vor einem Jahr zum Beispiel redete die Branche darüber, dass die Models doch ein bisschen zu dünn seien und setzte ein paar dickere ein, was dann als Revolution gedeutet wurde. Und heute redet die Branche darüber, dass die Models doch ein bisschen zu jung seien und setzt ein paar ältere ein, was dann wiederum als Revolution gedeutet wird.

Wobei „die Branche“ hier wohl der falsche Begriff ist. „Die Branche“ meint vor allem jene, die nicht schneidern und entwerfen, sondern darüber reden. „Die Branche“ ist verbündet mit jenen Multiplikatoren im Mediengeschäft, die zu wenig Zeit für andere Hobbys haben und sich daher bloß für Mode (und meistens auch Popmusik) interessieren. Und so wird dann plötzlich behauptet, „die Branche“ hätte sich dafür entschieden, dass Alt das neue Dick ist.

Selbstverständlich ist das nicht nur gelogen, sondern auch verlogen. Und das Bekenntnis zum Freak (also zur Normalgewichtigen, zur Älteren oder zu Beth Ditto) ist wohl das Verlogenste, was Modeschöpfer gerne aufwenden, um Aufmerksamkeit für die endlose Wiederholung ihrer Ideen zu generieren.

Doch zur Ehrenrettung aller Beteiligten muss auch gesagt werden: Es ist wohl keine bewusste Lüge, sondern eine systemimmanente, die daraus entsteht, dass alle um einen immer nur von Fashion, Fashion, Fashion reden und wie kinky, kinky, kinky das alles sei. Seit mit dem Zusammenbruch der Musikindustrie die Popmusik ihre global gültigen Codes verloren hat (und kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit Lady Gaga) und in kleine, kommerziell wenig relevante Szenen und Mini-Genres zerfallen ist, muss die Modeindustrie im Schulterschluss mit Hollywood ganz allein Popkultur von Weltrang schaffen.

Das ist natürlich verdammt kompliziert und lässt einen vergessen, wie wenig so ein Anspruch mit der Realität zu tun hat. Um beim Vergleich mit der Popmusik zu bleiben: Auch in der Mode hat keine einzige ihrer revolutionären Gesten wirkliche Bedeutung. So wie noch kein Lied der Welt zum Umsturz geführt hat, ist auch der Minirock in Wahrheit keine Revolution gewesen, sondern bloß das Spiegelbild einer sich auch ohne Zutun der Mode verändernden Gesellschaft. Nur übersehen jene, die von Mode und/oder Popmusik besessen sind, diesen feinen Unterschied zwischen Ursache und Wirkung gerne.

Nur ein Beispiel dazu: Als vor einem Jahr die Brigitte beschloss, nur mehr „ohne Models“ zu arbeiten, wurde das als Revolution und Umbruch in der Mode gedeutet. Dabei war es bloß Marketing und keine Ursache für ein groß angelegtes Umdenken. Folglich hatte es auch keine Wirkung. Der einzige, der sich damals normal verhielt, war Karl Lagerfeld, der die Diskussion über zu dünne Models als absurd abtat (Zitat: „Da sitzen dicke Muttis mit der Chipstüte vorm Fernseher und sagen, dünne Models sind hässlich“), weil keiner dicke Models sehen wolle. Das war kein Marketing, sondern eine schlichte Wahrheit aus dem Herbst 2009 – die auch im Herbst 2010 noch stimmt, wenn man bloß die Wörter „dick“ und „dünn“ gegen „alt“ und „jung“ tauscht.

Abgesehen davon halte ich oft diskutierte Wirkung von Werbesujets mit schönen, schlanken und jungen Menschen für überschätzt. Die Welt überaltert trotzdem. Und von Jahr zu Jahr fetter wird sie auch.

In diesem Sinne könnten also auch hier Ursache und Wirkung vertauscht sein. Und damit wäre die Modebranche wieder einmal nur so dumm wie ihre Kritiker.

Eine wichtige Nachbemerkung: Hiermit schwöre ich, dass es sich um meinen letzten Beitrag zum Thema Mode handelt. Denn wie gesagt: Für weitere Ausführungen mangelt es mir ohnehin an Style-Kompetenz.

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