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Politik: Alle regulieren das Angebot, keiner die Nachfrage – warum?

Von | 22.09.2010, 11:09 | Kein Kommentar

Die Politik fokussiert bei ihren Entscheidungen meistens auf das Angebot und selten auf die Nachfrage. Das hat schwerwiegende Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft. Angebot und Nachfrage. Das sind Begriffe, die jeder Mensch zu verstehen glaubt, auch wenn er noch so wenig Ahnung von der Wirtschaft hat. Worum geht es? Angebot ist, wenn jemand etwas hat, […]

Hier reguliert die Nachfrage das Angebot. Doch Politik ist kein Gemüsemarkt. Foto: Allie Caulfield, Lizenz: CC 2.0 BY

Die Politik fokussiert bei ihren Entscheidungen meistens auf das Angebot und selten auf die Nachfrage. Das hat schwerwiegende Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft.

Angebot und Nachfrage. Das sind Begriffe, die jeder Mensch zu verstehen glaubt, auch wenn er noch so wenig Ahnung von der Wirtschaft hat. Worum geht es? Angebot ist, wenn jemand etwas hat, was er oder sie loswerden möchte im Tausch gegen etwas, das ihm oder ihr wertvoller ist. Nachfrage ist, wenn jemand etwas möchte, das er nicht hat und dafür etwas hergeben würde, was ihm weniger wertvoll ist. Beides – sowohl Angebot als auch Nachfrage – sind Verlangen und Sehnsüchte nach etwas Besserem, wofür Anbieter bzw. Nachfrager etwas weniger Wertvolles geben würden.

Im Grunde genommen sind Angebot und Nachfrage wie die zwei Seiten einer Münze, also einer Einheit. Doch politisch macht es einen großen Unterschied, ob wir das Angebot oder die Nachfrage regulieren.

Ein Beispiel dazu aus der Volkswirtschaft: Der Staat möchte die Wirtschaft ankurbeln. Also bietet er Arbeit an, im Glauben, dass mehr Arbeit weniger Arbeitslose bedeutet, und weniger Arbeitslose für einen Wirtschaftsaufschwung sorgen. Arbeit ist nicht gratis, und um Arbeit anzubieten, muss der Staat dafür Geld ausgeben – Steuergelder. Als Förderungen für die Privatwirtschaft, etwa als Belohnung für Lehrlingsausbildung, oder direkt durch den Ausbau der staatlichen Industrie, wie etwa der ÖBB. Der Staat bietet also durch Steuergeld finanzierte Arbeit an und hofft, dass daraus Konjunktur entsteht.

So weit zur Regulierung des Angebots. Jetzt zur Nachfrage: Der Staat möchte (wieder einmal) die Wirtschaft ankurbeln. Er möchte, dass die Bürger mehr Geld ausgeben, mehr Produkte kaufen und dadurch die Wirtschaft beleben. Deshalb senkt er die Einkommens- und Mehrwertsteuer. Der Staat verzichtet also auf Steuereinnahmen und hofft, dass damit die Nachfrage der Bürger nach Waren steigt, was dann wiederum zu Konjunktur führen sollte.

Wie schon gesagt: Wir sprechen hier von zwei Seiten einer Münze.

Ein weiteres Beispiel, diesmal aus der Jugendpolitik: Suchtmittel seien schlecht für die Jugend, behaupten manche. Sollte das stimmen, wäre es wohl im staatlichen Interesse, dass Jugendliche weniger Suchtmittel konsumieren. Man könnte das im Prinzip auf zweierlei Arten anstellen, je nachdem, ob man die Nachfrage oder das Angebot reguliert.

Man reguliert das Angebot, indem man den Kauf von Suchtmitteln erschwert, etwa durch Steuern die Preise erhöht, den Verkauf von Suchtmitteln an Minderjährige verbietet oder den Anbau und die Produktion von Suchtmitteln gleich verbietet. Die Nachfrage ist hier schon viel schwieriger zu regulieren, weil man dazu die Wünsche der Jugendlichen beeinflussen muss. Ein Hebel dafür ist die Erziehung. Und die beste Erziehung ist, was Eltern ihren Kindern vorleben. Tiere lernen, indem sie erwachsene Tiere beobachten. Menschen sind da nicht anders.

Wie sieht das in der Realität aus? Politiker wissen zwar, wie man predigt, aber selten, wie man das Gepredigte vorlebt. Und die Regulierung des Angebots? Wir kennen ja die Drogenpolitik im Raucherparadies Österreich und wissen daher, wie gut sie funktioniert.

Egal, mit welchen Problemen die Tagespolitik konfrontiert ist – sie entscheidet sich meistens dafür, das Angebot zu regulieren. Wenn erkannt wird, dass die Trans-Fettsäuren in Fast Food fett machen, werden sie verboten. Wenn wieder einmal eine Diskussion über angeblich zu brutale Videospiele aufkeimt, werden Verbote erwogen. Und selbst wenn ein kulturelles Symbol wie das Kopftuch als Bedrohung für die Gesellschaft empfunden wird, wird eher ein Verbot diskutiert, als in den betreffenden Frauen das Bedürfnis zu mindern, überhaupt ein Kopftuch zu tragen. Was im konkreten Fall zum Dilemma führen würde, dass das Angebot an Gelegenheiten zum Tragen des Koptuchs drastisch sänke, die Nachfrage allerdings gleich bliebe.

Bleibt die Frage, warum der Staat immer das Angebot reguliert? Weil das das einzige ist, was er kurzfristig tun kann. Die Regulierung der Nachfrage setzt langfristiges Denken voraus, Investitionen in Bildung und Erziehung, kurz: in gesellschaftlichen Fortschritt. So etwas hat im vierjährigen Wahl-Zyklus keinen Platz.

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