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Passé in zwei Minuten

Von | 16.09.2010, 22:08 | 2 Kommentare

Zwei Minuten, dann hat der Durchschnittsmann den „O“. Ist das kurz oder lang? Kommt er zu früh oder sie zu spät? Und sind das die richtigen Fragen?

Foto: Not Quite a Fotographr, Lizenz: CC A-NC No Derivs 2.0 Generic

Zwei Minuten. Für den Mann kann das beim Sex viel Zeit sein. Vom flüchtigen Vorspiel über einen durchschnittlichen Koitus (60 Stöße auf Fast Forward) bis hin zum Orgasmus plus ein, zwei Züge von der ersten Zigarette danach verpackt der Durchschnittsmann oft seine ganze Durchschnittsnummer in diese zwei Minuten. Ohne übertriebene Hast. Ohne das deswegen als „Quicky“ abzuhaken, denn wenn er will, schafft er den Akt noch wesentlich schneller.

Gelernt ist eben gelernt.

Zwei Minuten. Für eine Frau kann das so gut wie Nichts sein. Ein flüchtiger Blick auf die Weinkarte, ein kurzer Check am Handy, ein prüfender Augenaufschlag Richtung Date am Sessel gegenüber, vielleicht auch noch die Bestellung des Drinks – mehr ist in zwei Minuten nicht drinnen. Und beim Sex, was sind da zwei Minuten? Kaum genug, um sich fürs Vorspiel zu erwärmen.

Okay, es gibt die Ausnahme. Es gibt die Frau, die sich ihr Kommen nach seiner Uhr richtet, es gibt die Eine, deren Orgasmus von seiner Ejakulation getriggert wird. Die gibt es. Nur ist sie immer an jenen Typen vergeben, der nicht du bist. In der Regel ziert den Geschlechtsverkehr des durchschnittlichen Mannes mit seinem kongenialen Girl daher eine Grauzone, die gern zu dieser Frage führt:

Kommt der Mann zu früh oder kommt die Frau zu spät?

Leider genießt das Thema in der gesellschaftlichen Debatte historische Schrägfahrt. In den Sixties gab es im deutschen Sprachraum genau einen bekennenden Sexperten. Der hieß Ernest Borneman(n) und war offenbar von schlechtem Gewissen geplagt, so sehr, dass er in seinem ‘Lexikon der Liebe’ den „Mann für den fehlenden, schwächeren oder langsameren Orgasmus der Frau verantwortlich“ machte.

In den 70er Jahren wurde das Thema aggressiver formuliert. In ihrem berühmten Report sprach die Amerikanerin Shere Hite davon, wie „rasend“ es eine Frau machen kann, wenn er einen hat und sie nicht.

Ja, die Frau hatte ein Problem. Und dann kam was Seltsames. Um IHR Problem zu lösen, wurde bei IHM herumgedoktert. Man begann etwas zu reparieren, das nicht kaputt war. Etwas, um das es außerdem nicht geht. Es geht nicht um den Koitus. Es geht nicht um Details. Es geht um den ganzen Prozess.

Der Mann schminkte sich gleich mal ab, sein Naturtalent zum Schnellschuss als Fähigkeit zu verstehen. An sich nichts Schlimmes. Nur ist die Psyche geradezu ärgerlich abhängig von subjektiver Wertung. Fähigkeit ist ein Upper, Mangel ein Downer. Und der Zwei-Minuten-Mann lernte nun, beim Blick in den Spiegel einen vorzeitigen Ergießer zu sehen. Sowas bringt dich nicht halb runter. Welchen Stress es dem Durchschnitt machen muss, ständig überdurchschnittlich zu agieren, braucht nicht erwähnt zu werden (wie sagt man einem 2er, dass er ein 3er ist?), die Konsequenzen stehen heute als klar polarisierte Daten im Computer der Wissenschaft:

Der Mann will (jetzt vor allem) eine Erektion (siehe Downer). Lösung? Zum Beispiel Viagra. Nicht die Welt, aber profitabel. Und immerhin eine Latte.

Die Frau will (noch immer) einen Orgasmus. Status: Baustelle – an der Lösung wird gearbeitet. Randnotiz: seit einem halben Jahrhundert.

Seit ein paar Jahren bastelt die Wissenschaft nun an einer Strategie, den Weg zu ihrem „O“ zu verkürzen. Das bislang „schnellste“ Experiment gelang dabei Forschern der Stanford University School of Medicine, Kalifornien, die ihre (20-30jährigen) Versuchsfrauen während des Vorspielens einiger Porno-Clips auf Puls, Atmung, Hautveränderung und Blutfluss in den Genitalien überprüften. Das Ergebnis: die ersten wissenschaftlich verifizierten Zwei-Minuten-Frauen. Schön für sie? Hm.

Bin das nur ich oder klingt das ein wenig nach Verbellen des falschen Baumes? Ich meine; Was ist die Pointe eines Versuches, der darauf aus ist, einem Prozess, der so unbeschreiblich kurzweilig ist, die Zeit zu stehlen?  Arbeiten die nicht daran, dass etwas Cooles kürzer dauert?  Irgendwie krampfhaft, no? Klingt wie der Versuch, einen Satz zu formulieren, ohne die Worte verstehen zu müssen.

Schräg, dass heute, im Zeitalter der Kommunikation, kaum jemand bewusst davon ausgeht, den Sexualakt als Kommunikation zu begreifen, als Prozess der gegenseitigen Bedeutungsvermittlung, wenn auch auf nichtrationaler Basis. Als Sprache, die eben nur der Denker im Unterleib begreift. Den es halt zu orten gilt.

Na gut, das klingt natürlich schwer nach Schulbank drücken und studieren und das Gegenüber zum LernObjekt erheben. Aber ist das nicht ohnehin das eigentlich Nette am Sex? Ist es. Und ebenso eigentlich ist der Orgasmus dann ziemlich störend, zumal schon nach zwei Minuten. Erst mal entspannen und schnüffeln und entdecken. Vergiss den O! Aber sag das mal der Frau.

2 Kommentare »

  • saxo lady sagt:

    oh mann, da hab ichs jetzt wieder.
    seltsam, dass die erfahrungen der anderen den meinigen so quer daher kommen. dieses ganze schreiben und lautmachenmüssens über diese o-vorgänge fühlen sich männer schon gezwungen, stundenlange turnübungen und vorspiel-streicheleinheiten zu verteilen, wo ein einfaches reinrausspiel auch ganz wunderbar wäre. und frauen dazu, immer willig zu mutliplen orgasmen klitoral, vaginal und griechisch natürlich auch zu sein, wo ein einfaches hmmmmm doch auch so erfrischend sein kann. hilft uns das wirklich weiter? die erforschung dieses bemerkenswerten schauspiels zwischenmenschlicher versunkener, unsichtbarer, legendenumworbener kontinente namens orgasmus ist doch individuell im wahrsten sinne des wortes.
    2 min? 2 stunden? ist doch völlig wurscht. mal so mal so und dann wieder ganz anders. das ist doch der trick. geht aber nur bei beherrschung einer grundregel:
    in beziehung treten. und da liegt der hund begraben.
    da kann man nämlich noch soviel rumfummeln und rumturnen, wenns nach lehrbuch oder life-style-ratgeber passiert, passiert garnix. oder ödnis halt.

    herzlichst

    • Manfred Sax sagt:

      ja, dear saxo lady, das haben wir von der sexperterei. ich kann mich noch erinnern, als in den 80ern die erste „der gute liebhaber“-story brach. plötzlich hieß es „brustwarzen nicht gegen den uhrzeigersinn streicheln“. wohl dem, der da humor hatte. Ihr sax

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