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George Michael, My Ass

Von | 16.09.2010, 1:36 | 4 Kommentare

Ist es, weil ich ein Popstar bin? Nein, Schorschi. Es ist, weil du den Wagen in einem Schaufenster geparkt hast. Smart war er, der Schorsch, eingangs des Highbury Corner Magistrates´ Courts, Nordlondon. Maßanzug, getrimmter 5-Tagebart, Sonnenbrille. „Georgios Panayiotou?“, fragte der Richter. „Yes, Your Honor“, sagte er und, mit verbindlichem Lächeln: „Aber es wär mir lieber, […]

George Michael by gisele13

Ist es, weil ich ein Popstar bin? Nein, Schorschi. Es ist, weil du den Wagen in einem Schaufenster geparkt hast.

Smart war er, der Schorsch, eingangs des Highbury Corner Magistrates´ Courts, Nordlondon. Maßanzug, getrimmter 5-Tagebart, Sonnenbrille.

„Georgios Panayiotou?“, fragte der Richter.

„Yes, Your Honor“, sagte er und, mit verbindlichem Lächeln: „Aber es wär mir lieber, Sie nennen mich beim Künstlernamen.“ –

„Acht Wochen“, sagte der Richter, „keine mildernden Umstände.“ –

Schluss mit Lächeln. Die Miene versank in einer der Grimassen, die George Michael so gut drauf hat, jene weltverdrossene Wehleidigkeit mit einer Andeutung nur von Fragezeichen. Die Märtyrermiene, abgepaust von den Schwarzen, die dann immer fragen „is it cause I is black?“

Ist es, weil ich ein Popstar bin? Ist es, weil ich schwul bin?

Nein, du Dumpfbacke, es ist, weil du deinen Range Rover in einem Schaufenster geparkt hast, um vier Uhr früh, breit wie eine Scholle. Es ist, weil du dann den Bullen, der dich festnahm, gefragt hast: „Crash? Welcher Crash?“. Es ist das Mindeste, was du erwarten konntest. Es ist gerecht. War ja auch Zeit, no?

Bitte keine Missverständnisse. Ich hab nichts gegen Schorsch. Nichts gegen privilegierte Popschnösel, die immer mit einem blauen Auge davon kommen, wenn sie ihren Crackdusel im Halteverbot ausschlafen oder im stinkenden ÖffiKlo einen Bullen um einen Blowjob anlabern, sollen sie doch, ist eh unterhaltsam. Und ich will mich nicht einmal über Ungerechtigkeit aufregen, ich meine, ich bin nur einmal zu schnell um die Ecke gebogen und hatte dann den Arsch offen , aber gut, derSchorsch ist anders.

Wie sonst soll er die Mätzchen ausleben, die einem, der mal ein akzeptables Album hatte (das mit den Careless Whispers drauf, wie lang ist das eigentlich her, war das in diesem Jahrtausend?) eben einfallen, wenn eine Woche lang nicht über ihn berichtet wurde? Muss an die Identität gehen. Eine Woche ohne Schorsch! Existiert er dann noch oder was?

Aber: George Michael hat Häfn verdient. Nicht wegen der Talkshows, die er immer nach einem Eklat lähmt, um den Tod seiner Mutter dafür verantwortlich zu machen. Und nicht weil er so langweilig und bieder ist. Alles erträglich, alles zu tolerieren.

Aber er hat die Gesetze verletzt. Jene wider den guten Geschmack. Ist ein paar Jahrzehnte her, aber die Sonne bringt es an den Tag. Damals, als er Wham war und „I´m your  Man“ in ein Mikro plärrte, für das er Handschuhe brauchte, um sich vor Schürfwunden zu schützen.

Warum waren Wham – und insbesondere „I´m your Man“ – unter der Grenze? Nicht wegen der Handschuhe. Auch nicht wegen des Riffs, das sie von der Spencer Davis Group (Keep On Running) klauten. Geht alles. Nur: Mussten sie das Video im Marquee drehen? Im Marquee! Zur Erinnerung: The Yardbirds, Led Zeppelin, The Who, King Crimson,, Jethro Tull, The Jimi Hendrix Experience (Pflicht!) & Pink Floyd … und … Wham? Why?

Also: George Michael ist für mich daher ein Verbrecher, einer jener Spät80er-Profiteure, die mir so zuwider sind, die alles absaugten, als sie mal Höhenluft hatten in Yuppiezeiten – das Lennon-Klavier, das er dann doch nur verwendete, um dort seine Joints auszudrücken, alles was käuflich war und eben auch den Marquee, den man ja mieten konnte. Widerlich. Leider winkt sein Manager bereits mit dem Terminkalender für die Zeit nach der Entlassung, George Michael für ein Interview, anybody? „My hell im Häfn?“ So, als wär ein Popstar im Knast was Cooles.

Cool? Popstars im Knast, das sind Leute wie Gary Glitter (Vergewaltiger von 12jährigen Vietnamesinnen) und Boy George (der einen 29jährigen gefesselten Mann auspeitschte, ohne ihn zu fragen, ob das okay ist) und Chuck Berry (Missbraucher einer 13jährigen, für die er dann auch noch „My Ding-a-ling“ schrieb) und Pete Doherty (der halt ein Vollkoffer ist). Und George Michael im Marquee. Cool?

Der einzige Popstar, der je als Gentleman aus dem Knast trat, war Mick Jagger, der sich 1967 anlässlich einer Razzia schützend vor seine süße Marianne Faithfull stellte, die – wie das Leben so spielt – zufällig gerade extrem unkonventionell an einem Marsriegel knabberte. Weswegen er die Amphetamine, die gar nicht ihm gehörten, auf seine Kappe nahm (hier der Knastsong), what a Knight, das war Haltung. Aber George Michael? I´m your man, my ass.

4 Kommentare »

  • Sakristan Biringer sagt:

    Werter Sax,

    zunächst schnappt mein „Nur kein Neid“-Reflex zu. Aber das wäre eindeutig zu wenig für ein Posting hier. Also muss ich wohl tiefer gehen …

    Warum hassen Sie Herrn Michael so? Weil er im Marquee ein (zugegeben: schlechtes) Video drehte? Dann müsste ich also auch Toni Polster hassen, weil er einmal im U4 unter Beweis stellte, nicht singen zu können. Aber in den Häfn wünsche ich den etwas gar sendungsbewußten Ex-Goleador deswegen noch lange nicht.

    Also warum gehts dann? Um den Crack-Dunst? Um den Häusl-Blowjob? Um den Verkehrsunfall? Gar um den geschändeten Range Rover?

    Kann nicht sein. Zu sehr würden unsere Wertvorstellungen sich ähneln, wogegen ich mich strikt verwehren muss!

    Ich glaube viel mehr, sie wären auch gern mal ein Popstar gewesen. Vielleicht, um mit Marianne Faithful irgendwann, irgendwo schokoriegel zu, hm, knabbern. Vielleicht um irgendwann, irgendwo mal von einer Bühne runterzuplärren, sinnentleert wie nur, und trotzdem (vor allem bei den Weibern da unten) Extase erzeugend. Oder vielleicht auch nur, um verhaftet zu werden, dabei aber vom amtshandelnden Bullen um ein Autogramm gebeten zu werden. Das er nachher seinen Buddies am Stammtisch steigt, voller stummer Bewunderung ihrer Tollheit ..

    Lieber Sax, nicht alles was so herrlich unbürgerlich ist, ist gleichzeitig auch wahnsinnig cool und darob erstrebenswert. Und nun lassens doch mal den armen Schorsch in Ruh. Ich wünsch ihm jedenfalls Freedom 90 …

    Hochachtungsvoll,
    Biringer.

    • Manfred Sax sagt:

      Aber gehn´s, herr Biringer. wär der schorsch ein fußballer, hätt er meine hochachtung. dann wär alles kara-okay. Sie ham ja gut redn, Sie wohnen ned auf der insel. wissen´s, im grund geht´s um einstürzende altbauten. um teenager-heroes. um vorbeugende angst. die halt im marquee ihren focus hat. der marquee-club hat im grund eine weiße weste. hort der edelsteine. okay, abgesehen von johnny lydon ehemals rotten. warum das? weil der rotten auch werbefernsehen macht. für eine margarine („utterly butterly“). wissens, und da fällt ein altbau zusammen wie ein twintower.
      aber das ginge noch.
      das dumme mit dem schorsch ist, dass immer nach einer eigentlich guten nummer (rangerover in der auslag? einwandfrei. bulle im klo? nicht langweilig) die „kampagne“ folgt. die talkshows. a bissi so, wie wenn der fendrich mit´n heinzl-dominik redt und dann i am from austria singt. einstürzende stadtteile. ich mein, nicht wegen dem schorsch, der is halt wharm. ein koffer.
      aber der marquee-club, dass die so etwas zulassen haben?
      schließlich ist es ja so, dass es auch anders geht. beispiel andrew ridgeley, die zweite hälfte von wham. der wohnt sich im schönen wadebridge zu cornwall (empfehlung!) einen runter, unterstützt kulturprojekte, geht surfen (guter mann!). UND HÄLT DEN MUND.
      und im ernst: ich hass den schorsch nicht. nicht, wie ich etwa den mccartney-pauli hass. der hat mir ja schließlich mit seinen tv-seitenblicken die ganzen beatles verdorben. aber das ist eine andere gschicht. Ihr sax (jun. bittschön)
      ps: und was soll das heißen „gern ein popstar gewesen“? Gewesen?? noch bin ich nicht six foot under!

  • Sebastian sagt:

    das einbuchten ist okay und wird ihm vielleicht sogar gut tun. aber george michael hier wieder mal als verbrecher wider irgendeinen guten – womöglich subversiven? haha – geschmack anzuführen, das ist selber so unfassbar bieder, langweilig, kleingeistig und lächerlich, dass der verfasser zur strafe 24 stunden mit georgies epochalem wohlfühl-alptraum „older“ beschallt werden sollte. „careless whispers“ geht leider nicht, denn dieses album gibt es nicht.

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