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Bleib mir vom Leib mit Politik!

Von | 12.09.2010, 10:52 | 2 Kommentare

Politischer Sonntag mit dem Weinportal CaptainCork: Der Fall Sarrazin beweist: Viele Menschen fühlen sich von der Politik verraten. Selber Schuld, denn Wählen alleine ist zu wenig. Und Mittun das Geringste. Auch wenn das Engagement nichts bringt. Eine Freundin ist in die Linkspartei eingetreten. Berlin, Bezirk Mitte. Um sich zu „engagieren“. Ich hätte das nicht gemacht, ich […]

Manchmal hat Politik kein Leiberl. Foto: flickr.com/photos/jvumn/, Lizenz CC BY-ND 2.0

Politischer Sonntag mit dem Weinportal CaptainCork: Der Fall Sarrazin beweist: Viele Menschen fühlen sich von der Politik verraten. Selber Schuld, denn Wählen alleine ist zu wenig. Und Mittun das Geringste. Auch wenn das Engagement nichts bringt.

Eine Freundin ist in die Linkspartei eingetreten. Berlin, Bezirk Mitte. Um sich zu „engagieren“. Ich hätte das nicht gemacht, ich hätte mich nicht mit ewiggestrigen Kryptokommunisten eingelassen. Und mit spinnerten Neomarxisten. So sehr ich froh bin, dass Deutschland die Linkspartei hat. Und keinen eloquenten, vorlauten, zynischen, völkischen und offen rassistischen Parteiführer, der eine populistische Rechtspartei zu Erfolgen führt.

Man mag gerne glauben, dass Deutschland gegen eine solche Partei und seine Führer immun ist. Ist es aber nicht. Deutschland hatte nur das geschichtliche Glück der nationalen Wiedervereinigung in Zeiten der politischen Postmoderne. Und das machte nationale Themen für alle wieder zugänglich. Für die Nazis von Hoyerswerda. Und für Joschka Fischer.

Die Freundin ist auch nicht richtig glücklich in der Linkspartei. Leicht macht man es ihr nicht. Sie ist ja aus dem Westen. Der alte SED-Kader beobachtet misstrauisch den Zuzug der Schwaben. Was wird aus ihrer alten Stadtmitte? Eine neue Stadt?

Die Freundin symbolisiert für die alten Ossis die neue Welt, in der sie nicht wirklich ankommen wollen. Doch sie solidarisiert sich mit dringlichen Angelegenheiten und kämpft im Bezirk gegen aufdringliche Gentrifikations-Projekte der lnks-grünen Designer-Wessis, die aus Berlin-Mitte eine Art Stuttgarter Filiale machen wollen. Mit mehr Design.

Trotz ihrer „Abstammung“ wird die Freundin in der Linkspartei akzeptiert. Sie arbeitet mit. Sie stemmt sich in langen Diskussionen gegen die beharrenden Kräfte. Und sie sucht Mehrheiten, ohne dabei ihre Kernposition aufzugeben. Und auch nicht ihre Selbstachtung. Denn wenn sich erst mal ein Weg zeigt, dann kann die Versuchung, Politik zu machen, sehr verlockend sein. Und auch die Versuchung, sich Entscheidungen in irgend einer Art und Weise abkaufen zu lassen. Wir reden nicht von Korruption. Wir reden vom Alltag.

Was bekommt die Freundin für ihr Engagement? Für das stundenlange Herumsitzen in Parteilokalen? Laues Mineralwasser, schaler Tee, endlose Diskussionen, dutzende Abstimmungen? Was bringt das alles? Nach Monaten vielleicht die erste Entscheidung, die man selber mit herbei geführt hat. Ein Haus, das gebaut wird. Ein anderes Haus, das nicht gebaut wird. Eine neue Straßenbahnlinie. Eine neue Wohnstrasse. Und später ein Artikel in der Tageszeitung. Im Lokalteil. Wo dann ihr Name steht. „Katrin G., Bezirksabgeordnete der Linkspartei, in einem Interview über Spekulationsobjekte in Berlin-Mitte, über die Notwendigkeit, dass Bürgermeister Wowereit zukünftig auf einige Partys verzichtet und über den Geist von Oskar Lafontaine.“

Da ist Katrin G. immer noch Angestellte an der Humbold-Universität. Und nichts weiter.

Aber eventuell wird die Partei auf sie aufmerksam. Holt sie eine Stufe höher. Und wenn sie gut verbinden kann, Forderungen stellen und auf andere Forderungen verzichten kann, wenn sie den Apparat zu beherrschen beginnt, dann wird bald die Partei ihr Salär zahlen. Und wenn sie dann – ganz anders, als Herr Ernst – bei sich und mit sich bleibt (wie einst Joschka Fischer), dann wird das Wahlvolk das honorieren.

Und ganz am Schluss gelingt es ihr vielleicht auch noch, die Linkspartei zu einer ganz normalen Partei zu machen. Nur sozialer und visionärer. Und vielleicht erkennen auch die alten Kader, dass sie hier jetzt nichts mehr verloren haben. „Ha“, lacht da der Leser, „wo hat es das denn je gegeben“? Bei den Grünen zum Beispiel, als Jutta Ditfurth gehen musste. Gerade eben in Italien zum Beispiel, wo Gianfranco Fini seiner alten, faschistischen Fraktion neue Kleider verpasste. Und gute Chancen hat, nächster italienischer Ministerpräsident zu werden.

Aber so weit zu kommen ist selten.

„Ach Politik“, sagt jetzt der Leser, „ist das nicht fürchterlich anstrengend?“

„Ach die alte Parteidemokratie“, sagt jetzt der gelangweilte Politbeobachter, „die wird doch bald ersetzt. Durch die neue Demokratie der Digital Natives, durch Piratenpartei und ähnliche Bewegungen. Da bleibt doch kein Stein auf dem anderen. Wozu soll ich mich da engagieren? Ich hab doch keinen Knall.“

Ich bezweifle, dass sich das herkömmliche Parteiensystem demnächst abschafft. Und von einer anderen Art Demokratie abgelöst wird. Die gegenwärtige Krise der Demokratie hat viele Ursachen, die man hier gar nicht alle aufzählen kann. Obama, zum Beispiel, die politische Enttäuschung schlechthin, ist schwach, weil er von Millionen Lobbyisten und Fraktionen gelähmt wird. Selbst von seinen eigenen Leuten. Die Medien und die neue digitale Öffentlichkeit spielen ihr eigenes Verwirrspiel. Auf einmal muss sich Obama mit tausenden Nebenschauplätzen beschäftigen. Vor dreißig Jahren wurde noch durchregiert. Margaret Thatcher, die England verändert hat, wie vor ihr nur Churchill; Margaret Thatcher würde heute von Bloggern und gesteuerten Kampagnen der Lächerlichkeit preisgegeben. Ja, Politik war früher einfacher. Und hatte mehr Sex-Appeal.

Ich bezweifle, dass die alte Parteiendemokratie schon morgen den Löffel abgibt und einem neuen System Platz macht; ich bezweifle das, weil ich bei einer Sarrazin-Lesung hunderte Menschen gesehen habe – keine Rechtsextremisten, keine verwirrten Aussenseiter der Gesellschaft – die Sarrazin mit ihren Blicken anflehten, er möge doch eine Partei gründen. Denn er sei ja einer, der endlich die Wahrheit spricht. Und auch wenn Sarrazin das nicht tut, sondern nur die Wahrheit streift, so steht er trotzdem für das Bedürfnis der Menschen nach einer neuen, ehrlichen und auch wahrhaftigen Politik. Wer jetzt nicht erkennt, dass das Schaulaufen vorbei ist, der hat nichts kapiert. Ein spröder Typ wie Sarrazin hat Fans ohne Ende. Dabei kann er nicht einmal flammende Reden führen, wie einst Schröder oder Wehner. Das sagt doch alles über den Zustand von Politik und Politkern in Deutschland.

Das hat auch die die eigenartige Frau Steinbach kapiert, die den Polen die Schuld für Hitlers Angriffskrieg zuschieben wollte. Sie hat kapiert, dass rechts von der CDU Platz frei wird. Für die wirklich Konservativen. All diese Leute suchen Halt in einer Partei. Und nicht in einer neuen Politik der „Digital Natives“, wie sie von den linken, liberalen und grünen Think-Tanks herbeigeredet wird. Diese wird nicht kommen.

„Na und“, sagt der aufgeklärte Leser, „Politik ist schmutzig, öde, dumm und korrumpierend. Letztlich wird jeder in der Politik irgendwann einmal korrupt.“

Das kann sein, das ist auch so. Um Mehrheiten zu erreichen muss man sich verbiegen. Aber nach dem Abschminken muss das Gesicht nicht unbedingt alt aussehen.

Zurück zur Sarrazin-Lesung. Ich frage Leute, ob sie nicht in die Politik gehen würden. Alle winken ab, ein „zu dreckiges Geschäft“. Aber warum kommen sie, um Sarrazin zu hören? „Es tut gut, wenn einer mal die Wahrheit sagt“. Und selber mal ran? In eine Partei? Und dort mal die Wahrheit sagen? „Nee, das lassen die doch nie zu.“

Über die Politik schimpfen, der Politik keine Fähigkeit zur Wahrheit zuzutrauen, die Politik gesamt als korrupt einzustufen und persönliches Engagement als sinnlos zu erachten: Das ist das Resultat der Entpolitisierung der letzten dreißig Jahre. Fähiger Politnachwuchs ging in die Privatwirtschaft. Die Linken in Kultur, Werbung und Medien. Die Rechten in die Beratungsagenturen und Wirtschaftskanzleien. Das ist mit ein Grund für den Zustand der Gesellschaft. Warum Werbung, Kultur und Medien so bunt laut und kreativ wie nie zuvor sind. Und warum man am herrschenden System des Finanzkapitalismus keine Säge ansetzen kann. Die Abwanderung der Eliten in ihre Paralellwelten ist der Grund, dass heute das Mittelmaß bestimmt, wo es politisch langgeht. Die langweiligen Pragmatiker, die in mancher Epoche freilich ein Segen sind. Nur jetzt sind sie Fluch.

Wie schon gesagt: Es ist ein Glück, dass Deutschland ein Jörg Haider erspart geblieben ist. Er hätte heute gute Chancen. Sarrazin hat eine Tür aufgemacht. „Was würdest du meinem Sohn raten“, fragte mich ein Winzer neulich. „Ich rate ihm, in die Politik zu gehen. So viel Chance war nie.“

Das spürt auch die Freundin, die auch heute Abend bei der Linkspartei in einem Plenum sitzt. Sie wird sich wieder vier Stunden mit dem Bezirksalltag beschäftigen. Schön langsam kennt sie die Menschen da draußen. Und nicht nur die eigenen Parteigänger. Und sie weiß, dass ihre Partei irgendwann einer Mehrzahl da draußen ein vernünftiges Angebot machen muss. Und dass dann manch altes Schlagwort die Bedeutung verliert. Politik ist ein Geben für Nehmen. Verändern, um zu bewahren. Politik kann man entern, wie ein langsames Schiff. In all den Jahren haben das viele Menschen begriffen. Machtgierige Typen (und letztlich positiv agierende Volkstribunen) wie Franz Josef Strauß. Oder volksnahe, labile und visionäre Melancholiker wie Willy Brandt. Heute stürmen Leute die Politik, die nur noch Karriere machen wollen. Leute, die Politik als Sprungbrett für einen Job in der Privatwirtschaft nutzen. Das ist das eigentliche Missverständnis dieser Jahre.

Diese Leute muss man ablösen. Mit Verve, mit Vision, mit Einsatz, mit Bescheidenheit. Mit der Gabe, Mehrheiten mit Minderheiten zu versöhnen. Und eine ausgleichende und gerechte Gesellschaft zu bauen. Wie gering wirkt bei all diesen Möglichkeiten ein Job in der Privatwirtschaft? Wie öde und langweilig die Karriere bei Medien und Unternehmensberatern? Wie geil ist Politik? Hat das überhaupt einer begriffen? Ich fürchte nicht. Und wenn es wer begreift, dann die falschen. Jene, die eine Lüge, gut gewürzt, als Wahrheit auftischen.

Dieser Text ist auch auf dem Weinportal CaptainCork erschienen.

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