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Wir brauchen endlich Argumente in der Diskussion um Immigranten

Von | 07.09.2010, 21:17 | Kein Kommentar

Auch Thilo Sarazzins Thesen verdienen eine rationale Diskussion. Hier der Versuch eines Leitfadens für dringend notwendige Argumente.

Mr. Spock ist nicht von hier und singt fremde Lieder. Das könnte unsere Kultur empfindlich stören, oder?

Die Philosophie lehrt mich, mir meines eignen Unwissens bewusst zu sein, aber trotz dieses Makels nicht aufzuhören zu denken. Deshalb habe ich Sarazzins Buch nicht gelesen. Ich finde es schlicht nicht notwendig, um ein paar grundlegende Gedanken zum Thema darzulegen. Damit möchte ich mir selbst und auch anderen helfen, das Thema selbstständig, rational und kritisch anzugehen.

Zuerst wollen wir also herausfinden, welche Grundwerte Ihnen wichtig sind: Sind es Freiheit, Gleichheit, Lebensqualität, kulturelle Vielfalt und/oder Homogenität?

Außerdem wollen wir herausfinden, welche der so genannten „Fakten“, die durch die Medien geistern, Sie für richtig halten. Sind Schüler mit Migrationshintergrund nachweislich schlechter in der Schule als eingeborene Schüler? Senken sie dadurch das Niveau des Unterrichts? Sind Menschen mit Migrationshintergrund eher kriminell? Ist Migration notwendig für die Wirtschaft? Und haben Migranten im Schnitt mehr Kinder als Einheimische?

So, und jetzt wollen wir diese Grundwerte und „Fakten“ auf einige politische Bereiche anwenden – natürlich ohne dabei thematisch oder argumentativ vollständig vorzugehen.

1. Bildung:

Wenn Sie der Ansicht sind, dass Migrantenkinder tendenziell schlechtere Schüler sind – wie sollte die Politik reagieren? Sollen wir Migrantenkinder deshalb mehr fördern?

Angenommen, dass der Staat aus „Reichen“ und „Banken“ nicht unendlich viel Geld herauspressen kann und das Bildungsbudget beschränkt ist – wäre es denn gerechtfertigt, Migrantenkindern mehr Mittel zukommen zu lassen als einheimischen Kindern, die durch spezielle Förderung vielleicht ihre Potenziale noch besser ausschöpfen können? Sind Sie für Chancengleichheit in dem Sinne, dass der Staat jeden gleich viel fördert – oder für Gleichmacherei im Sinne, dass der Staat jedem Induviduum gleich viel gibt, so dass niemand mehr und niemand weniger hat.

Oder sollen wir Migranten nicht fördern, sondern lieber fordern, indem wir sie zwingen, eigenständig eine Leistung zu erbringen, ohne die sie von der regulären Bildung ausgeschlossen werden? Wäre das überhaupt möglich? Und vor allem: Wäre das gerecht?

2. Sozialstaat

Denken Sie, dass Migranten mehr vom Sozialstaat empfangen als sie dazu beitragen? Denken Sie, dass das im Sinne der Solidarität gerecht ist oder halten Sie das für unfair? Ist es unfair, weil es Migranten sind – oder ist es unfair, weil Sie andere Menschen, vielleicht so genannte „Sozialschmarotzer“,  ungeachtet ihrer Herkunft unterstützen müssen? Inwiefern unterscheidet sich also ein hilfsbedürftiger Migrant von einem hilfsbedürftigen Inländer?

Oder sollen wir Migranten einfach vom Sozialstaat ausschließen, weil sie leicht als Gruppe auszuschließen sind, während andere „Sozialschmarotzer“ österreichischer Provenienz schwer als homogene Gruppe zu identifizieren sind? Oder verdienen Menschen mit „österreichischem Blut“ (oder „Wiener Blut“?) in den Adern mehr Zuwendung aufgrund von … was?

3. Kultur

Haben Sie etwas gegen Frauen mit Kopftüchern, Macho-Männer und Moscheen mit Minaretten?

Sind Sie gegen Kopftücher, weil sie auch ein Symbol für die Unterdrückung der Frau sein können? Wollen Sie deshalb alle Kopftücher verbieten, weil manche Frauen zum Tragen gezwungen werden? Wollen Sie auch Alkohol und McDonald’s für alle verbieten, weil manche vom Alkohol abhängig werden und vom McDonald’s-Essen fett?

Haben Sie etwas gegen Moscheen wegen der Lärmbelästigung? Wenn das der Fall ist, dann unternehmen Sie etwas dagegen. Und halten Sie immer das richtige Argument dafür bereit.

Haben Sie es satt, „tagtäglich von Macho-Arschlöchern angemacht zu werden“ und können Sie mit dem Verhalten mancher Zuwanderer nicht umgehen? Denken Sie, dass das störende Verhalten aus deren Herkunftsland importiert wurde, dass also mehr Macho-Arschlöcher mit Migrationshintergrund herum laufen als österreichische Macho-Arschlöcher? Wie wollen Sie so ein Problem konstruktiv lösen? Ich werde Ihnen liebend gerne zuhören und verspreche auch, dass ich der letzte bin, der in so einer Diskussion „Rassist“ schreit.

Sind Sie gegen Kopftücher, Männer mit langen Bärten, Moscheen und alles andere, weil das nicht in die österreichische Gesellschaft passt? Dann ist der Fall erledigt. Heimatliebe und die daraus resultierende Abneigung gegenüber allem Fremden sind ein Hammerargument, gegen das Rationalität leider nicht ankommt.

4. Intelligenz

Glauben Sie, dass durch die Einwanderung das Land dümmer wird und auch Österreich sich in ein paar Jahrzehnten deshalb selbst abschafft? Sind Sie Genetiker oder Verhaltensforscher? Nein? Dann schweigen Sie in dieser Debatte lieber. Sie sind nämlich bloß von irrationaler Angst getrieben – und wer Angst hat, kann keine rationale Entscheidung treffen. Schon gar keine politische.

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