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Narziss und Facebook

Von | 07.09.2010, 12:51 | 4 Kommentare

Ja, Facebook hilft, mit Freunden in Verbindung zu bleiben. Laut einer neuen Studie füttert es aber auch die narzisstischen Neigungen seiner User. Narziss (Narkissos), das war bei den alten Griechen mal der in sein eigenes Spiegelbild verknallte Sohn des Flussgottes, der sich bei Ovid dann den Dolch in die Brust rammte, weil bei aller Selbstliebe […]

Caravaggios Narziss. Copyright: Zenodot Verlagsges. mbH; Lizenz:GNU Free Documentation Licence

Ja, Facebook hilft, mit Freunden in Verbindung zu bleiben. Laut einer neuen Studie füttert es aber auch die narzisstischen Neigungen seiner User.

Narziss (Narkissos), das war bei den alten Griechen mal der in sein eigenes Spiegelbild verknallte Sohn des Flussgottes, der sich bei Ovid dann den Dolch in die Brust rammte, weil bei aller Selbstliebe die Erfüllung letztlich zu wünschen übrig ließ, und was ist schon Liebe ohne Erfüllung? Eine Qual.

Seit Freud ist der Narzissmus auch in der zeitgenössischen Psychoanalyse ein Haushaltsbegriff, als Charakterzug, der geringes Selbstwertgefühl mit übertriebener Einschätzung der eigenen Wichtigkeit und dem Wunsch nach Bestätigung derselben im sozialen Umfeld kompensiert.

Dass Narzisse auch mal in der Welt der Selbstpräsentation 2.0 – also bei den Sozialen Netzwerken – Thema werden, liegt eigentlich auf der Hand. Facebooker stellen sich laufend in ein selbstgemachtes Licht, und der Frage, welche Rolle dabei der Narzissmus spielt, hat nun die kanadische Cyberpsychologin Soraya Mehdizadeh (Uni York) eine Studie gewidmet.

Für die wissenschaftliche Arbeit des Titels „Self-Presentation 2.0: Narcissism and Self-Esteem on Facebook“ (= Narzissmus & Selbstbewusstsein auf Facebook) gewann sie 50 weibliche und 50 männliche Studenten (Auswahl nach Zufallsprinzip) für einen Test, bei dem nach Check der Eckdaten (Demographisches, Facebook-Aktivität, Selbstbewusstsein, Narzissmus) insbesondere die Sektoren „Über mich“ und „Meine Fotos“ analysiert wurden.

Die Resultate waren nicht wirklich erstaunlich: Studenten mit verhältnismäßig stark ausgeprägten Minderwertigkeitsgefühlen und verhältnismäßig starkem Hang zu Narzissmus verbringen nicht nur wesentlich mehr Zeit auf Facebook, es zeichnet sie auch ein starker Hang zur Selbsterhöhung aus. Geschlechtliche Unterschiede wurden insofern manifest, als Männer mit starkem Hang zu Narzissmus sehr detaillierte Selbst-Promotionen posten, während „narzisstische“ Frauen sich betont oberflächlich ins positive Licht stellen.

Möge dennoch auch eifrigen Facebookern die Erfüllung in der (Selbst)Liebe nicht versagt bleiben. The Real Thing ist durch nichts zu ersetzen. Und HIER geht es zur Studie.

4 Kommentare »

  • Arne sagt:

    Ohne Zweifel wird es bei einigen Menschen zu einer Selbstverliebtheit kommen. Es gibt auch noch zahlreiche andere Effekte, die erst langsam in der Gesellschaft diskutiert werden. Auf der einen Seite fördern Social Communities Narzissmus und auf der anderen Seite Depressionen (wenn man den Studien glauben will).

  • saxo lady sagt:

    im grunde doch „nur“ basenatratsch“.
    hat sich viel geändert? vom treffen, egal ob nach der senatssitzung im alten rom oder nach der kirche. man trifft sich, plaudert mit den einen über der mitzitant ihr geschwür und mit den anderen über das konzert letztens und mit den dritten über politik und philosophie.
    in der struktur des menschseins ändert sich nichts. oder wenigstens nicht viel. der einzige kleine unterschied: man ist nicht auf einen ort fixiert. und findet seilschaften, die an der basena so nicht aufgetaucht wären. aber die hat man halt hinterm kolloniakübel gefunden…oder so.

  • truetigger sagt:

    Stark ausgeprägte Minderwertigkeitsgefühle + starker Hang zum Narzissmus – was für eine Kombination! Erinnert mich spontan an Private Joker in Full Metal Jacket: „I think I was trying to suggest something about the duality of man, sir.“

    Insgesamt ist Facebook eine interessante Erscheinung, die ich leider nicht unvoreingenommen untersuchen kann, da ich viel zu tief drin steck.

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