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Kantersieg für Hausverstand

Von | 01.09.2010, 7:15 | 8 Kommentare

Ich mag keine Kundenkarten. Aber ich mag auch nicht, wenn jemand anderer dafür büßen muss. „Haben Sie eine Billa-Vorteilsclub-Karte?“ fragt der freundliche Lehrling mit favoritner Migrationshintergrund, der neuerdings an der Kassa sitzt. Ich mache mich auf das Gespräch mit den beiden Nein-Antworten gefasst, die bei mir default-mäßig ausgegeben werden: Erstens, nein, ich habe keine. Zweitens […]

Foto: lembagg flickr

Ich mag keine Kundenkarten. Aber ich mag auch nicht, wenn jemand anderer dafür büßen muss.

„Haben Sie eine Billa-Vorteilsclub-Karte?“ fragt der freundliche Lehrling mit favoritner Migrationshintergrund, der neuerdings an der Kassa sitzt. Ich mache mich auf das Gespräch mit den beiden Nein-Antworten gefasst, die bei mir default-mäßig ausgegeben werden: Erstens, nein, ich habe keine. Zweitens (auf die obligate Nachfrage), nein, ich will auch keine.

Damit ist die Sache meistens erledigt, ich darf mein Joghurt nehmen und gehen. Nur in hartnäckigen Fällen ist noch mit der Frage „Warum nicht?“ zu rechnen. Für diese hab ich immer parat: „Weil ich an Datenschutz glaube.“ Ist ebenfalls default-Einstellung und, ehrlich, that shut’s them (aber so was von) up! Darauf haben bislang noch alle ihre Kundenkarten-Andreh-Versuche eingestellt.

Ist natürlich kompletter Blödsinn. Im Grunde ist es mir wurscht, dass Billa meine Einkäufe speichert und präferenzanalysiert. Sollen sie doch wissen, dass ich einen übermäßigen Red-Bull-Konsum hab, davon fällt mir kein Zacken aus der Krone. Würden sie meine Twitterei verfolgen, wüßten sie ohnedies Bescheid. Dann könnten sie auch aufhören, mich mit Katzenfutter-Spam zu beschicken, bloß weil ich vorzeiten ein gedankenverlorenes Häkchen unter einen Whiskas-Zettel gemacht habe. Sie hätten dann nämlich vom Ableben meiner Katze gelesen und als gewiefte Werber müsste sie sich’s drei Mal überlegen, ob sie sich mit „Für ihren samtpfötigen Liebling“- Briefen derart in die Nesseln setzen wollen…

Soviel also zu meiner ernsthaften Sorge um meine Konsumdaten: Es gibt sie nicht.

Aber ich mag einfach keine Kundenkarten. Been there, done that – und jetzt will ich nimma. Sie pflastern mir das Geldbörsel voll, man findet sie eh nie, wenn man sie braucht und das G’fret in der Handhabung wiegt die minimalen Preisvorteile gemeinhin auf. Aber bevor ich das jedes Mal langwierig erkläre und Verständnislosigkeit ernte, sage ich lieber mein Datenschutz-Satzerl. Auch den Zeugen Jehovas sage ich, dass ich Satanistin bin. Man hat dann einfach seine Ruhe.

Oder auch nicht. Mister Favoritner-Migrationshintergrund will es nämlich genauer wissen: „Aber Sie sind doch fast jeden Tag da! Das zahlt sich für Sie voll aus!“, sagt er traurig bis vorwurfsvoll nach meinem zweiten Nein. Ich krame das Datenschutz-Satzerl hervor und will siegessicher nach dem Joghurt greifen, darauf er: „Wie meinen Sie das?“.

Ich erklär ihm also, dass sein Arbeitgeber, mittels Kundenkarte alle meine Einkäufe speichert. Er: „Und was machen die dann damit?“. Ich: „Na, zum Beispiel personalisierte Werbung.“

„Was?“, fragt er ehrlich erstaunt, „Die schicken dann immer Werbung oder wie?“. Inzwischen hat sich eine kleine Kassaschlange gebildet und der nette Herr, der seine Alkoholfahne dezent in meinen Nacken wehen lässt, nickt zustimmend: „Ich krieg immer was über Katzenfutter.“ (Ha, der also auch!)

Bestätigendes Gemurmel entlang der Schlange, zunehmend verunsichertere Blicke meines Gegenübers. Ich glaub, er fühlt sich gerade ein bisschen wie der Handlanger einer kriminellen Vereinigung, Lockvogel der Werbe-Mafia, Datenwüstling wider Willen. Und dabei wollte er doch bloß mein Haushaltsbudget entlasten. Er tut mir leid.

Was soll ich sagen? Ich hab den Wisch ausgefüllt und eine Karte genommen. Darn!

8 Kommentare »

  • Thomas sagt:

    Also irgendwie verstehe ich dieseganze Hysterie mit dem Datenschutz nicht.

    Ich hab‘ auch zwei Katzerln und eigentlich bin ich froh, darüber informiert zuwerden, wenn der Billa eine Aktion mit billigerem Katzenfutter macht.

    Jetzt sind wir schon soweit, dass der Bürgermeister einer Gemeinde nicht einmal mehr Geburtstagswünsche an seine Mitbürger versenden darf, weil er damit gegen den Datenschutz verstößt!

    Mich würde interessieren, wieviele Leute, die vor dem Billa so große Angst haben andererseits in Facebook intime Geheimnisse bis hn zu sexuellen Präferenzen breittreten.

  • Lena Doppel sagt:

    LOL kann mitfühlen hab auch aus „Mitleid“ mal eine genommen, sie wurde aber nicht alt.
    Eine triefäugige Billakassiererin vom FJBhf hat sie auf dem Gewissen. Ich hatte vergessen sie vor der Bonierung herzuzeigen, war aber nich dran. „Na, jetzt is z’spät!“ kam die mürrische Antwort. Ich war so sauer, Ich hab sie noch an Ort und Stelle zerstückelt und in den Billa Müll geworfen. :) „Echte“ Wiener Herzlichkeit vereitelt sogar die Datensammelwutbestrebungen des Arbeitgebers. ;)

  • lusciniola sagt:

    ja, das mit den kundenkarten. ich sage auch immer bei hartnäckiger nachfrage das datenschutzsatzerl auf – im gegensatz zu Ihnen glaube ich aber auch daran. den billa geht es nichts an, was ich wann wie oft kaufe und nein, ich will überhaupt keine werbung haben, schon gar nicht personalisierte.

    es gibt auch einige verkäuferinnen, die sich davon nicht beeindrucken lassen und hartnäckig vorrechnen um wieviel billiger mich das leben käme, würde ich auf so etwas unwichtiges wie meinen datenschutz verzichten.

    und das hat mich irgendwann einmal zum nachdenken gebracht. kann sich datenschutz heutezutage bei uns nur mehr jemand leisten, der genügend geld hat, auf alle lockenden sonderangebote zu verzichten? was ist mit den menschen, die jeden cent umdrehen müssen, und es reicht am ende des monats doch nicht mehr? die können es sich vielleicht gar nicht leisten, datenschutz in anspruch nehmen zu wollen. insofern ist dieses bürgerrecht vielleicht schon längst zu einem luxusgut verkommen – auch wenn es anscheinend tatsächlich nicht besonders viele leute juckt, darauf zu verzichten.

    • @nic_ko sagt:

      ich glaube im prinzip auch daran. es geht billa (oder wen auch immer) einen dreck an, was die einzelnen leute kaufen. aber da ich doch recht viele daten bereitwillig in die öffentlichkeit trage (twitter, facebook, blog etc.), fände ich es in meinem fall, ein bissl lächerlich, wenn ich gerade hier übermäßig heikel wäre. aber wie gesagt: das ist eine entscheidung, die ich für mich persönlich fälle.
      im grunde muss jedem die möglichkeit gegeben werden, zu sagen: finger weg von meinen konsumdaten!
      und richtig: das wird zunehmend ein luxus…

  • Markus sagt:

    Wenn man wirklich gewissenhaft seine Punkte sammelt zahlt es sich wirklich irgendwann aus. Und nicht alle Unternehmen „missbrauchen“ die Daten für Werbung, etc..

  • david sagt:

    ich nimm zum einkaufen immer fremde vorteilskarten von merkur bis billa!
    manchmal meint es der kassier nett und zieht seine eigene karte drüber, wenn ich’s mal vergessen hab die vorteilskarte mitzunehmen!!
    dabei darf aber keiner zuschauen, so geheim ist dass, wenn der eigene bilaangestellte die karte über den scanner zieht.

    • @nic_ko sagt:

      Ist ja schade, dass bloß ein Programm diese Dinge auswertet.
      In meiner schmutzigen Phantasie ist es eher ein gewissenhafter Statistiker mit so einem weißen Wissenschaftsmantel, zwei Bic-Kugelschreibern in der Brusttasche und dicker Hornbrille, dem vermutlich einer abgeht, wenn er ein quadratisch normiertes Polynom in Linearfaktoren zerlegen darf.
      Der hat ein Klemmbrett in der Hand und rechnet anhand meiner Konsumationen mein Persönlichkeitsprofil aus.

      Und ich mal mir immer aus, was passiert, wenn ich eines schönen Tages was einkaufe, was nicht ins Bild passt… Sagen wir: Ich wäre Vegetarierin und am 17. August registriert meine Kundenkarte plötzlich ein Einkaufswagerl voller Speckschwarten. Dann würde ich gerne wissen, was in seinem Kopf vorgeht und wie er fieberhaft versucht, mein errechnetes Profil anzupassen. Ob er dann schlaflose Nächte wegen mir hat? Ob er sich – nachdem es ihm bereits seit Stunden keine Ruhe mehr lässt – dann doch meine Telefonnummer aus der Datenbank sucht, um das Schwartl-Geheimnis zu lösen? Ob er eine schöne, sonore Telefonstimme hat, die man ihm gar nicht zugetraut hätte?
      Ah, der Beginn einer wundervollen Romanze.. :)
      Aber für sowas sind die ja zu fantasielos bei Billa. Die haben sicher einen Algorithmus statt einem Hornbrillenträger. Bäh.

  • Andi sagt:

    musste erstmal schmunzeln.

    ist wohl auch ein bisschen, der favoritner charme, der dich da weichgekocht hat, net wahr? ;-)

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