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Arcade Fire: Die Vorstadt ist überall – also schnell weg hier!

Von | 29.07.2010, 11:55 | Kein Kommentar

Wer Suburbia in sich trägt, wird es sein Leben lang nicht los. Aus dieser Misere hat Arcade Fire einen Klassiker der Moderne destilliert. Da haben wir also wieder eines dieser Alben des Jahres, das alle gut finden. Es heißt „The Suburbs“ und ist das dritte Werk von Arcade Fire aus Kanada. Es folgt zwei viel […]

Alle Bilder: Album-Artwork

Wer Suburbia in sich trägt, wird es sein Leben lang nicht los. Aus dieser Misere hat Arcade Fire einen Klassiker der Moderne destilliert.

Da haben wir also wieder eines dieser Alben des Jahres, das alle gut finden. Es heißt „The Suburbs“ und ist das dritte Werk von Arcade Fire aus Kanada. Es folgt zwei viel gelobten Alben, die im Indie-Zirkus bereits zum Pop-Kanon der ausklingenden Nullerjahre gehören. Und es ist tatsächlich um Welten besser als diese beiden.

Das hat mehrere Gründe, die meisten davon sind hier bei 78s, hier bei Stereogum und hier im Guardian eh schon erklärt. Und darum beschränke ich mich hier nur auf jenen, der dieses Album zum allumfassenden Erklär-Modell für ein Phänomen der westlichen Hemisphäre macht, weil es die unerträgliche Durchschnittlichkeit des Lebens in der Vorstadt auf den Punkt bringt.

Arcade Fire spielen uns auf „The Suburbs“ zwar dessen amerikanische Variante vor, doch wie schon im Film „American Beauty“ ist dieses Gefühl überall gültig. Vor allem, wenn man einmal jünger war und mehr im Leben suchte als einen schönen Garten und einen schönen Beruf. Und vor allem, wenn einem ein paar Tage am Land genau dieses Gefühl wieder in Erinnerung rufen.

Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, bietet einem heute noch weniger als vor 20 Jahren – und schon meine Teenager-Zeit hier war rückblickend eine emotionale und intellektuelle Katastrophe, der ich nur entkam, weil ich mich einer Clique anschließen konnte, in der alle ein paar Jahre älter und vor allem mobil waren.

Womit wir wieder wieder beim Leitmotiv von „The Suburbs“ wären, dem Fahren, irgendwohin und am besten irgendwann weg. Wie singt Win Butler in „The Suburban War“: „In the suburbs / I learned to drive / And you told me we’d never survive / So grab your mother’s keys / We leave tonight.“

Das große Kunststück, das Arcade Fire vollbringen, ist, dass man diese Erinnerungen an unterdrückte Emotionen und verkanntes Potenzial sogar abrufen kann, wenn man die Songtexte auf „The Suburbs“ zuerst nur oberflächlich hört. Dafür sorgt die Moll-Stimmung, die sich durch alle Songs auf dem Album zieht, egal ob es sich um straighte Rocksongs oder filigrane Folk-Melodien handelt.

Ja, dieses Album ist in seiner Vielseitigkeit tatsächlich großartig. Es steht weit über allem, was im Pop-Geschäft dieser Tage produziert wird. Es hat das Zeug zu einem Klassiker. Und es wird auch dann funktionieren, wenn ich es nicht innerhalb der Erinnerungsmaschine Steyrtal höre, die ich morgen eh wieder hinter mir lasse. Allerdings mit der Gewissheit, dass es mir wie Arcade Fire auch nur dann gelingt, mit den prägenden Jahren Voralpenland-Tristesse fertig zu werden, wenn ich mich ständig damit konfrontiere. Wie gesagt: Wer Suburbia in sich trägt, wird es sein Leben lang nicht los.

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