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Wie Blogger und Journalisten sich unterscheiden

Von | 26.07.2010, 8:26 | Ein Kommentar

Die Unterschiede zwischen BloggerInnen und JournalistInnen sind im Umbruch der Informationswelt ein häufig aufgegriffenes Thema. Dabei sind sie gar nicht so grundlegend. Oder? Vor einigen Monaten hielt ich bereits an der Fachhochschule Wien einen kleinen Vortrag zu diesem Thema (mit eurer Hilfe). Es gibt Unterschiede, die ich damals noch nicht ausformuliert hatte. Ich bin sowohl […]

Bild: flickr.com/hughelectronic, Lizenz: CC BY 2.0

Die Unterschiede zwischen BloggerInnen und JournalistInnen sind im Umbruch der Informationswelt ein häufig aufgegriffenes Thema. Dabei sind sie gar nicht so grundlegend. Oder? Vor einigen Monaten hielt ich bereits an der Fachhochschule Wien einen kleinen Vortrag zu diesem Thema (mit eurer Hilfe). Es gibt Unterschiede, die ich damals noch nicht ausformuliert hatte.

Ich bin sowohl Journalist als auch Blogger. Es erschien mir bisher immer etwas seltsam, den Unterschied zwischen zwei Gruppen auszumachen, denen ich beiden angehöre. Immer wieder stellten auch andere Menschen mir die Frage, was die Tätigkeiten unterscheidet. Eine besonders befriedigende Antwort fiel mir bislang nicht ein: An der Arbeit selbst gibt es nichts. Ich recherchiere immer mit allen verfügbaren Mitteln, versuche das gesammelte Datenmaterial fair zu analysieren und bin ein großer Anhänger davon, das Ergebnis dann später mit den LeserInnen zu diskutieren und die Erkenntnisse daraus weiter einzuarbeiten.

Letzteres haben andere schon als eine blogspezifische Eigenschaft festgemacht, sie fließt aber (nicht bei allen KollegInnen, aber auch nicht nur bei mir) immer mehr in den heutigen Journalismus ein. Das ist ein logischer Generationswechsel, der sich durch die neuen Technologien ergibt. Schreiben, recherchieren und berichten wird zunehmend als kommunikativer Prozess verstanden, niemand kann noch predigen. Da ich auch beruflich online arbeite, kann kenne ich den Feedbackkanal nicht nur als journalistischer Blogger, sondern auch als Journalist.

JournalistInnen suchen und finden Geschichten, BloggerInnen finden sie einfach nur

Während sich bei der Ausführung Journalismus und journalistisches Bloggen also nicht mehr deutlich unterscheiden, tun sie das allerdings bei der Herangehensweise an eine Geschichte. Als angestellter Journalist gehe ich in eine Redaktionssitzung, denke mir aus, worüber ich schreiben möchte (oder muss) und beginne dann mit der Recherche. Gelingt die Geschichte nicht oder stellt sich das Konzept für eine Neuerung als unbrauchbar heraus, stehe ich ohne vorzeigbare Leistung oder mit einem schlechten Produkt da.

Tritt dieser Fall ein, kann es im besseren Fall nur unangenehm sein, der/dem Vorgesetzten mitzuteilen, dass die Geschichte nichts geworden ist. Im schlimmeren Fall wird in manchen Redaktionen (und besonders im Freiberufler-Bereich) der Aufwand dann auch nicht entlohnt – je nachdem wie experimentierfreudig die Geschäftsführung ist. Solche Flopps lassen sich bestimmt durch Erfahrung weitgehend vermeiden – aber man wird instinktiv auch verleitet, das Risiko überhaupt zu vermeiden und sichere Geschichten zu produzieren.

Als Blogger lebe ich in meiner Welt, stoße auf etwas das mich interessiert oder betrifft, und entscheide dann, ob ich darüber berichten möchte. Finde ich nichts oder ist das Erlebte uninteressant, wäre es auch egal … aber ich finde immer viel einfacher etwas Interessantes.

Das erklärt sich aus der Logik der klassischen (besonders Nachrichten-)Redaktionen heraus. Da bist du für ein Ressort zuständig und musst es füttern. Das erlaubt nicht, einmal die politische Lage in Nahost zu besprechen, ein andermal die Hickhackereien der österreichischen Innenpolitik zu analysieren und irgendwann anders über das Potential von flattr zu debattieren. Allein mit den im Verlauf dieses Beitrags verlinkten Geschichten von mir taucht man in ein halbes Dutzend unterschiedliche Ressorts eines Nachrichtenmediums ein – und doch stehen sie alle im selben Blog (und wenn mich Interesse an Technik und Spielen oder Fußball treibt, kann ich ja meine anderen Blogs füttern).

Ich finde, diese (Nicht-)Struktur entspricht eher der Realität, dass ein Mensch sich für viele Dinge interessiert und sich mit mehreren gut auskennt. Die Freiheit vom Ressort wäre im klassischen Journalismusbetrieb stärker integrierbar, aber sie ist vor allem ein Ausdruck dessen, wie sich das Bloggen vom klassischen, institutionalisierten Journalismus unterscheidet. Der Unterschied ist nicht jener zwischen einem Beruf und einem Hobby, sondern der zwischen einem impulsiven und einem verpflichtenden Ansatz – zwischen dem selbstständigen, persönlichen von BloggerInnen und dem hierarchisierten von JournalistInnen in Redaktionen.

Dieser Text erscheint neben vielen anderen auch in Toms Blog zurPolitik.com

Ein Kommentar »

  • truetigger sagt:

    Die Aussage „Journalisten suchen und finden ihre Geschichten, Blogger finden sie nur“ erschien mir im ersten Moment als zu kurz gegriffen – aber Du hast sie ganz gut untermauert. Solang man kein Themenblog betreibt, hat man die Freiheit das zu schreiben, was einen im Moment bewegt.

    Doch es gibt sie, die Themenblogs und Themenblogger. Mag sein, dass einer wie ich, der nie in einer Redaktionssitzung sass, die Stärke der Vorgaben von Chefredakteuren unterschätzt, doch Themenblogger betreiben eben auch eine Art Ressort, also vermischen sich auch hier die Grenzen.

    Interessanter, neuer Ansatz ist es aber allemal, und bei Privatbloggern wie mir, die auch mal tagelang gar nichts schreiben, trifft er auch voll und ganz zu.

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