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Life with Ryanair. Sag niemals nie wieder

Von | 21.07.2010, 23:20 | 2 Kommentare

Mit Ryanair fliegen ist wie eine schwere Geburt. Du denkst: nie wieder. Dann wirst du doch wieder schwanger. Der Sager stammt natürlich von einer Frau. Von einer Ryanair-geschädigten Frau. Aber Ryan-geeichte Männer können ihr folgen. Da ist etwa der Brechreiz in der Anfangphase. Fuck, denkst du, ich hab jetzt tatsächlich Ryanair gebucht, wie konnte das […]

Das Flugzeug „bye bye Latehansa“, Charme Marke Ryanair. Foto: KGGucwa, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Mit Ryanair fliegen ist wie eine schwere Geburt. Du denkst: nie wieder. Dann wirst du doch wieder schwanger.

Der Sager stammt natürlich von einer Frau. Von einer Ryanair-geschädigten Frau. Aber Ryan-geeichte Männer können ihr folgen. Da ist etwa der Brechreiz in der Anfangphase. Fuck, denkst du, ich hab jetzt tatsächlich Ryanair gebucht, wie konnte das passieren? Tja, wieder mal nicht aufgepasst.

Dann die Ewigkeiten mit 20+ Kilo Übergewicht am Leib. Das Warten. Die Wehen Krämpfe im Flieger, weil die Sitze für Zwerge maßgeschneidert sind. Und so weiter. Wer braucht das?

Natürlich denkst du daher gleich mal an Abtreibung stornieren. Nur fällt dir ebensogleich das berühmte Zitat von Ryanair-Boss Micheal O´Leary ein: „Ach, Ihre Großmutter ist plötzlich erkrankt? Sagen Sie mal, welchen Teil des Begriffs `no refund´ haben Sie nicht kapiert? Bei uns gibt es keine Rückvergütung, also fucken Sie off!“

Bliebe die Alternative, das Geld für den Flug in den Sand zu schreiben. Nur machst du das nicht. Es hat Gründe, warum du dich für einen Billigflug entschieden hast. Die sind simpel. Aber was heißt hier eigentlich Billigflug?

Okay, die 40 Euro für einen Europa-Flug gehen in Ordnung. Aber dann. Die Flugtaxe, die Verwaltungsgebühr. Das Gepäck, das nun meistens mehr kostet als dein Ticket. Und jetzt auch noch das Web-Check-in, der Boarding-pass, den du dir selber aus dem Computer holst. Du ersparst der Fluglinie damit Check-in-Tisch (jährliche 30 000 Euro) und Check-in-Arbeit …  und darfst für dieses Privileg noch einmal einen Fünfer ablegen. Arschl Allerhand.

Nur ist auch das lange nicht alles. Da sind noch die Fallen. Kommst du ohne Boarding-pass am Ryanair-Schalter an, kostet das zusätzliche 40 Euro. Hast du mehr als 20 Kilo im Koffer, kann das bis zu dreistellige Summen kosten. Übersteigt dein Handgepäck die erlaubte Dimension (55x40x20 cm), wird es eingecheckt (35 Euro). Cool!

Nicht dass den Fluglinien-Gewaltigen deswegen die Schamröte ins Gesicht fährt. Die haben für alles eine Antwort. Die 40 Euro für den vergessenen Boarding-pass? Erzieherische Maßnahme! „Wenn wir dafür nur 2 Euro verlangen“, sagen sie, „wird der Fluggast das nächste Mal wieder vergessen. Wenn er 40 Euro zahlt, passiert ihm das sicher nie wieder.“

Oder das Gepäck – warum ist das oft teurer als das Ticket für die Reise? Dumme Frage, sagen sie: „Weil ein Koffer weder Sandwich noch Drink noch Duty-free-Ware kauft.“

Kannst du nicht erfinden.

Es gab im Flugtourismus Zeiten, da war der Kunde König und die Freiheit über den Wolken grenzenlos. Bei Ryanair herrscht nicht einmal Fußfreiheit. Auch die Beherrschung der Lotusposition hilft wenig. Ein paar Stunden in den viel zu engen Sitzen – die sich seit neuestem nicht mehr nach hinten bewegen lassen -, und die Mutation vom König zum Stück Vieh ist perfekt. Obwohl dieses Vieh laut Linien-Boss O´Leary zwei „mildernde Umstände“ auszeichnen, die es zum idealen Ryanair-Kunden stempeln: „Eine Kreditkarte und ein Puls.“ Mehr brauchst du nicht. Mehr sollst du gar nicht haben. Alles andere schminkt euch ab.

Transparent wird das in Zeiten von Krise. Stichwort Vulkanasche. Als es vergangenen Frühling darum ging, den tausenden gestrandeten Fluggästen die Tickets zu ersetzen und für Unterkünfte zu sorgen, stach Ryanair als sprachgewaltiger Verweigerer heraus. Ein Akt Gottes, Herrschaften! Auch das hilft sparen. Versuch mal, telefonisch an ein relevantes Ryanair-Büro zu gelangen. Auch dem bedürftigsten Kunden wird der Aufwand irgendwann mal zu blöd.

Allerdings muss keine Krise her, um zur Adresse für den O´Leary´schen Mittelfinger zu werden. Als sich eine Ryanair-Kundin 2002 den von der Fluglinie groß propagierten Preis für den einmillionsten Fluggast abholen wollte (lebenslang Gratisflüge), hatte er plötzlich Lücken. Er konnte sich an das Versprechen nicht erinnern. Eine Vergesslichkeit, die schließlich ein Dubliner Gericht behob, indem es der Kundin 67 000 Euro Schadenersatz zusprach.

Die unverzichtbare Toleranz für Würdelosigkeiten ist es auch, die bei der Fluglinie etwaige Pläne für gehobene Klassen kaum aufkommen lassen. Obwohl, als Gag für die Presse ließ der Boss einmal den Gedanken an eine Business Class der besonderen Art fallen: „mit freien Betten und Blowjobs“, meinte er. Aber wie gesagt, das war nur für die Presse (siehe auch weiter unten). Sowas bringt Schlagzeilen, die sind in seinen Augen immer Gratiswerbung, ganz im Sinne des verblichenen Curd Jürgens, der mal meinte, „egal was, Hauptsache dass sie über mich schreiben.“

Ähnliches geschah vergangenes Jahr mit der glorreichen Idee, die Fluggäste für die Benützung der Toiletten zahlen zu lassen („Pay per Poo“), aber es gibt auch gastfeindliche Pläne, die mit ernster Miene kolportiert werden: der Abriss zweier Toiletten zu Gunsten von sechs Sitzen; ein Re-Design der Flugzeuge, um Stehplätze zu ermöglichen; Zusatzgebühren für übergewichtige Gäste und derlei Knüller mehr. Herausragend der Plan, die Passagiere das (selbst eingecheckte) Gepäck bis zum Flugzeug tragen zu lassen. Na?

Es gibt viele Gründe, nicht Ryanair zu fliegen, es gibt unzählige Ryanair-Kunden, die „nie wieder“ sagen, es gibt Webgruppen, die zum Boykott von Ryanair aufrufen. Man kann es dir also nachsehen, wenn du annimmst, dass es mit so einer Fluglinie nur bergab gehen kann. Hier daher ein paar richtungweisende Zahlen: 2009 flogen 66 Millionen Passagiere mit Ryanair. Heuer werden es 73 Millionen sein. Profit im Rezessionsjahr 09: 319 Millionen Euro.

Ryanair ist der große europäische Trendsetter in Sachen Reise-Lifestyle der Gegenwart. Und der Kunde der Gegenwart? Muss ein Masochist sein.  Er nimmt schwere Geburten in Kauf. Sagt nie wieder. Und wird wieder schwanger.

Womit wir zu jener Pressekonferenz in Deutschland umschalten, in der Michael O´Leary die Vision einer Business Class mit freien Betten und BJ gebar. Enjoy!

2 Kommentare »

  • Helge sagt:

    Kostenlose Artikelillustrationen sind was Schönes, aber nur wenn man’s schafft, die Lizenzbedingungen einzuhalten. Das Bild steht unter einer CreativeCommons-Lizenz, und „wikimedia.commons“ hat noch nie viel fotografiert.

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