Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Auszeit » Sir Mick, 70
Share

Sir Mick, 70

Von | 23.07.2010, 7:00 | 2 Kommentare

Ist Sir Mick Jagger der größte Rockstar aller Zeiten? Wahrscheinlich. Eine Huldigung zu seinem 70. Geburtstag.

 

Zu Weihnachten, heißt es, muss er mehr Kinder besuchen als der Weihnachtsmann. Das ist natürlich unwahr. Wahr ist, dass er seine sieben Kinder und drei Kindeskinder immer per Privatjet einfliegt, zum Beispiel auf sein Schloss an der Loire. Dort heißt es dann „thank you, Grandpa“, der Opa sagt „don´t mention it, honey“ – und dann wird mal richtig getanzt.

Wenn Opas tanzen, ist das so eine Sache. An sich tun die das nur in besoffenem Zustand und meistens lachen dann alle. Aber dieser Opa ist anders. Wenn er tanzt, jubeln die Massen. Nicht dass er dazu die Massen braucht. Ebenso wahrscheinlich ist, dass er mit seinen Töchtern Karis (Mutter: „Hair“-Darstellerin Marsha Hunt) und Jade (Mutter: Bianca Jagger) in ein Londoner Restaurant essen geht, ihn der Maitre des Hauses erkennt und anerkennend das Lied „Brown Sugar“ auflegt. Mehr braucht der Opa nie. Er beginnt im Restaurant zu tanzen und die Töchter werden rot und zischen „Daddy, peinlich!“ und er erwidert „wieso? Das ist doch ein fucking great  Song zum Tanzen!“

Alles schon passiert. Und klar, er hat recht. Brown Sugar ist ein toller Song, das weiß jeder. Nur weiß der tanzende Opa mehr. – er hat ihn ja geschrieben, damals, als Marsha Hunt auf ihn zuging und „ich will ein Kind von dir“ in sein Ohr flüsterte. Da widerfuhren ihm zwei Zeilen („You taste so good / just like a young girl should“), das war das halbe Lied und neun Monate später die ganze Karis.

Am Freitag, 26.7.2013, wird Sir Michael Phillip „Mick“ Jagger 70 Jahre alt. Andere sagen dazu „jenseits vom Ablaufdatum“, ihm geht das Thema Alter am Hintern vorbei: „Ich rege mich nicht auf, wenn es morgens hell und abends dunkel wird. Warum soll ich mich aufregen, wenn ich Morgen für Morgen erwache?“

In der Listen der Reichen (Sunday Times) ist er mit einem Vermögen von 190 Mio Pfund in der Elite der reichsten Briten. Seit 1962 ist er mit den Rolling Stones aktiv, 1976 (PunkTime!) wurde ihm erstmals geraten, in Rockpension zu gehen. Aber was tut einer, der alles getan und Geld für zehn Leben hat? Genau, so einer macht nur noch, was ihm Spaß macht. Also machte Mister Mick weiter wie gehabt. Und 30 Jahre später – die Punks waren mausetot – ging Jagger mit den Stones auf die Bigger Bang-Tour, das bis dato größte Rock-Spektakel aller Zeiten. Moden ändern sich – Klasse ist permanent.

Seit neuestem werden auch Stimmen lauter, die ihn zum größten Rockstar aller Zeiten erheben wollen. Ein Keith Richards würde da zwar einwenden, dass Jagger nicht einmal der größte Star innerhalb der Stones sei, aber ich habe damit keine Probleme. Ich meine, wer sonst? Elvis, der sich zu Tode fraß? John Lennon, der Muttersohn? Michael Jackson, die Moonwalker-Mimose? Prince, der Zeuge Jehovas? Die hatten alle ihre großen Momente, wie Sir Mick auch, aber der alte Stone hat sie seit über 50 Jahren.

In jüngerer Vergangenheit hat er sogar ein paar Dimensionen zugelegt. Topfit und cool war er immer, heute ist er auch ein makelloser Mann, ein echter Sir, der im südafrikanischen Fußballstadion neben Bill Clinton ebenso gute Figur macht wie beim privaten Dinner zu Ehren von Tochter Jade großzügige Miene. Dort saß unlängst eine übergewichtige Newcomerin namens Adele neben ihm, das ist die mit dem „Chasing Pavements“-Hit. Diese Adele hatte einen schlechten Abend erwischt und die Gäste begannen über ihre Tischmanieren zu lästern. Aber Sir Mick sagte „this girl is hot“, begann ihren Hit zu trällern und lud sie auf ein Duett ins Studio ein – laut Adele der Abend ihres Lebens (und heute ist sie auch ihrerseits Superstar).

Abgesehen von den Punkjahren stand Sir Mick nie in Verdacht, von gestern zu sein, und heute wächst auch in der Teenager-Generation frischer Respekt. Die Neuauflage des 1972er Albums Exile On Main Street erreichte Platz 1 der englischen Album-Charts, kein Wunder, vor ein paar Sommern spielten die Stones beim Festival auf der Isle of Wight, das ist bei mir gleich um die Ecke, und für mich ist das auch die Story vom Sohn (damals 16), der wegen seiner Lieblingsband The Muse die Fähre hinüber nahm und als Jagger-Fan zurück kehrte. Dieser Sohn erzählte mir heute, wie das war an jenem glorreichen Sonntagabend, als „Keef“ erschien und ein Riff anschlug und dann Jagger auftauchte und „Start me up!“ brüllte und wie ein Teenager tanzte und danach einfach locker zu reden begann. „Der hatte sowas von einem Feelgood-Faktor, aber warum willst du denn das jetzt wissen?“ – „Weil ich grad über seinen Geburtstag schreibe“, sagte ich. „Ach, wie alt wird er denn?“ – „70.“ – „70? Fucking hell“, sagte der Sohn.

2 Kommentare »

  • […] Eine kleine Statistik ist mittler Weile wohl angebracht: Sir Mick hat sieben Kinder aus vier Beziehungen. Nützliche Zusatzinfo zum möglicher Weise größten Rockstar aller Zeiten (plus einen großartigen Clip von seinem Glastonbury-Gig) finden Sie HIER. […]

  • Julia Pühringer sagt:

    Ich bin im Zweifelsfall immer für Keef, wenn es um den größten Rockstar geht, aber das ist wohl eine Glaubensfrage. Ein Buch, das ich ernsthaft empfehlen kann, weil es völlig sinnlos, völlig begeistert und voller Inbrunst für die Rolling Stones ist, ist „Der Tag an dem Mick Jagger starb“ vom Herausgeber der Cahiers du Cinema (of all people). Die Argumentation: Das letzte Mal konnte man den richtig leiwanden Jagger in Altamont sehen. Dann war Schluss mit lustig. Das mag nicht unbedingt stimmen, das Buch ist aber trotzdem sehr legendär.
    http://www.edel.com/de/buch/releases/details/artist-discography//various/der-tag-an-dem-mick-jagger-starb/

ZiB21 sind: unsere Blogger