Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Renee Unplugged, Sexklinik » Renee Unplugged 01. Meine Mutzenbacher oder der Regisseur in mir. Memoiren eines Pornostars.
Share

Renee Unplugged 01. Meine Mutzenbacher oder der Regisseur in mir. Memoiren eines Pornostars.

Von | 11.03.2009, 22:22 | 6 Kommentare

Nach fünf Jahren als Darstellerin in der Pornobranche war es an der Zeit, die Regisseuse in mir zu entdecken.

Renee Pornero prsäentiert ihre Sicht der horizontalen Dinge.„Renee, wenn jemand den Mutzenbacher-Stoff machen kann, dann Du“, nervte mich mein Mentor und Brötchengeber. „Das kannst Dir net leisten“, war meine Retourkutsche, die verschleiern sollte, dass ich mich als Regisseuse noch nicht über das Re-make eines Blockbusters traute. Auch heute nicht, aber heute ist sowieso kein Budget für nix mehr da.
Gereizt hätte es mich. Einen Kostümporno zum Lachen machen, mit echten Schauspielern und Wiener Kulisse, so wie’s damals der Hans Billian noch auf 35 mm schaffte. Ein Vergnügen, bei dem es mehr zum Schmunzeln als zum Wichsen gab. Sowas auf die Leinwand zu bringen ist schwierig. Jedenfalls, wenn man Regie führt.
Vor der Kamera ging das noch locker. Aber na ja, nach fünf Jahren als Darstellerin in der Branche, die letzten zwei Jahre in Amerika, hatte ich das Gefühl, dass es reicht. Wenn du mal alle kennst und jeden bedient hast, dann reichen die Erinnerungen. Und irgendwann merkte ich auch, dass es Fantasien gibt, die ich vor der Kamera nicht verwirklichen konnte. Weil mich der Regisseur nicht ließ. Also wurde ich Regisseur.
Ich schlug dem Mentor einen Deal vor. „Wie wär’s, wenn ma die Gschicht ins Jetzt transferieren, oiso quasi 100 Jahre späda?“ Deal, sagte der Mentor. Plot und Dialoge wurden gebastelt. Mann, was haben wir gelacht. Wir brummten der Oma Mutzenbacher einen dermaßen komplizierten Monolog auf, dass auch eine Pluhar Schwierigkeiten damit hätte.
Jetzt musste das Drehbuch nur noch durch den Fleischwolf aka Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen. Ein halbwegs vernünftiges Budget gibt es nur, wenn wir auch eine TV-taugliche Version abliefern. Klar, dass der  Jugendschutzbeauftragte und ich nicht beste Freunde sind. Er kann ja nix dafür, aber wenn er mir meine Arbeit zerfleddert, bin ich sauer. Aber es klappte. Little Josefine, die Urenkelin des Originals, hatte grünes Licht.
Die Basis war geschaffen, nun ging es an’s Organisieren. Location-Scouting, Casting, Drehpläne und so weiter. Finde mal Österreicher, die nach was ausschauen, gern vor der Kamera poppen wollen, aber auch Text mit Gefühl rüber bringen können. Nun, wir fanden.
Viele reißen sich um einen Job beim Porno. Weil sie Voyeure sind und damit angeben wollen. Wer durch die harte Schule gehen will, heuert bei Six Inch Snails an. Bei mir. Am besten ohne finanzielles Interesse. Mich wundert’s eh manchmal, warum mir einige Leute so treu die Stange halten. Um 7 Uhr morgens mit der Gewissheit aufstehen, dass man bis mindestens 24 Uhr unter Strom steht, kann Nervenschwache schnell wahnsinnig machen. Auch mich. Aber ich hab’s mir ja selbst eingebrockt.
Wir hatten vier Tage, um die Mutzenbacher wieder zu beleben. Tag 1 war Motivationssache. 3 Uhr morgens im Saunaclub Goldentime. Wir hatten bis zur Öffnung Zeit, alle Szenen in den Kasten zu bringen. Laut Drehplan ein Ding der Möglichkeit. Nur kam der Darsteller zweimal zu spät. Einmal zum Set, das zweite Mal auf der Frau. Erste Drehplanänderung. Die Zeit lief davon, der Location-Inhaber wurde unrund, wir verlegten die Bar-Szene ins Freie und kämpften mit der Soundkulisse von der 50 Meter entfernten Autobahn.
Tag 2 war schon laut Plan stressig. Ich war nervös, weil die zwei Süßen im Bett es noch nie vor der Kamera getan haben. Aber es wurde extrem authentisch. Alles lief glatt über die Bühne, wenn man über die schauspielerischen Mängel meines Lieblingsdarstellers hinwegsieht. Der Junge ist kein Brando. Er sollte in den Abendstunden noch eine weitere Sex-Szene absolvieren und kriegte natürlich seine blöde Nudel nicht hoch. Und das bei einer super Frau, die vor Geilheit nur so überlief. Also zogen wir uns zurück, aber natürlich, als ich schlafen wollte, begannen die beiden zu ficken, als gäbe es kein Morgen. Typisch. Mucksmäuschenstill versammelten wir uns ums Geschehen und fingen die Bilder ein.
Tag 3 sollte eigentlich mit dem Rat der Altvorderen beginnen, aber meine Oma tauchte einfach nicht auf. Heast sakra, dachte ich, net amal auf die Verwandtschaft kann man sich verlassen. Wir zogen mal die Heustadl-Szene vor und schossen die Fotos, bis jemand „deine Oma ist da“ flüsterte und alle Action erstarrte. Meine Crew war plötzlich gschamig. Unnötiger Weise. Denn meine Oma ist ne coole Oma. Die sagte nur „keine Umstände, ich kenn das alles aus der Erinnerung, bin halt leider zu alt dafür. Schlimm wär nur, wenn ich Alzheimer krieg.“ Und das war´s.
Der Rest lief wie geschmiert, auch wenn Oma mit ihrem Monolog etwas kämpfte. Eine Lesben-Szene gab es noch, sowie den obligaten Auszucker von mir. Manchmal wundere ich mich, dass mich die Crew nicht fesselt und knebelt und einfach im Keller ablegt, aber vielleicht hegen sie den Verdacht, dass mir das auch noch Spaß macht.

PS: Little Josefine ist ab sofort im Handel. Infos dazu gibt es hier. In einem Video dazu erzähle ich was darüber, nämlich hier. Außerdem kommt demnächst der Roadmovie „Porno Unplugged“ raus, in dem ich mitmache. Für die Premiere am 12. März im Grazer Nonstop-Kino und vier Tage später in Wien wurde ich übrigens als DJ engagiert. An Musik können Sie Elektro-Pop und Indie-Rock erwarten. Obiges Foto stammt von Maestro Erich Reismann. Das ist ein ganz Besonderer.

6 Kommentare »

  • truetigger sagt:

    Sehr fein geschrieben!

    Eigentlich dacht ich: „Der Film ist vielleicht nix für mich“ (die historischen Anleihen kamen mir im ersten Moment als unnötiger Ballast für einen Porno vor), aber nach der Beschreibung hier bin ich jetzt doch neugierig auf die DVD. Und wer weiss, vielleicht gibts wie auf Viennese war ja auch ein lustiges Making-Of als Zugabe?

    • Bei den Schnecken darf immer hinter die Kulissen geblickt werden. In diesem Fall ganze 29 Minuten und 25 Sekunden. Der Porno-Dealer Deines Vertrauens freut sich auf Deine Order und drückt Dir auch noch ein Küsschen auf den heißen Silberling.

  • Pater Michael Hass sagt:

    Soll ich was dazu sagen, gnädige Frau? Nein, ich sage nichts dazu. Ich gehe lieber für Sie beten.
    (Auch) Ihr
    Pater Michael Hass

    • Sie wissen, verehrter Pater, es ist rein der Völkerverständigung wegen. Die Welt da draußen soll erfahren, wie sehr uns Nächstenliebe am Herzen liegt. Aber ein stilles Gebet kann nie schaden. Auch für jemanden wie mich.

      Meine Verehrung,
      Frau Pornero

  • satriales sagt:

    großartig, madame! bitte ja nicht die lust verlieren und eifrig weiterbloggen …

ZiB21 sind: unsere Blogger