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Burka für alle!

Von | 28.06.2010, 13:28 | 16 Kommentare

Gibt es gültige „Europäische“ Werte? Und zählen sie mehr als das Recht des Einzelnen auf die Burka? Sandra Kreisler über ein Verwirrspiel. Man darf die BURKA in Europa nicht verbieten, sagt der Menschenrechtsbeirat des Europarates in einer Resolution. Das setzt zwar ein deutliches Zeichen, hat aber keine offizielle Gesetzeskraft. Die einzelnen Länder können trotzdem selbst […]

Kann denn Burka Europa sein? Foto: picasaweb/mutti666

Gibt es gültige „Europäische“ Werte? Und zählen sie mehr als das Recht des Einzelnen auf die Burka? Sandra Kreisler über ein Verwirrspiel.

Man darf die BURKA in Europa nicht verbieten, sagt der Menschenrechtsbeirat des Europarates in einer Resolution. Das setzt zwar ein deutliches Zeichen, hat aber keine offizielle Gesetzeskraft.

Die einzelnen Länder können trotzdem selbst entscheiden, wie sie das mit der Burka haben wollen – und in Spanien, FRANKREICH und Belgien werden voraussichtlich noch dieses Jahr gesetzliche Burkaverbote im öffentlichen Raum ausgesprochen. In Österreich und anderen Ländern wird immer noch diskutiert.

Die Argumente, eine Burka in Europa nicht zu verbieten, sind nicht ganz dumm. Unter anderem wird angeführt, dass ein Verbot des Ganzkörperschleiers (nicht zu verwechseln mit Kopftuch oder TSCHADOR!) die betroffenen Frauen nur noch mehr in die Einsamkeit zwänge: Dürften sie nicht mehr voll verschleiert auf die Strasse, würden sie einfach von ihren Ehemännern gänzlich in die Häuser verbannt.

In Deutschland, so argumentiert zum Beispiel ein von der CSU in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten, sei ein Burkaverbot gesetzlich selbst dann nicht durchzubringen, wenn man die VERFASSUNG ändert. Denn die Verhüllung sei „ein starkes Bekenntnis zu den Kleidungsvorschriften des Islam“, und wir Bürger haben eben kein Recht darauf, von fremden Glaubensbekundungen verschont zu bleiben. Ausserdem, sagt das Gutachten, hat der Staat keinen Erziehungsauftrag für seine Bürger.

Die SURE 33, auf die sich Verfechter der Burka (und auch des Kopftuches) berufen, lautet so: „Prophet! Sag deinen Gattinnen und Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen (wenn sie austreten) sich etwas von ihrem Gewand (über den Kopf) herunterziehen. So ist es am ehesten gewährleistet, dass sie (als ehrbare Frauen) erkannt und daraufhin nicht belästigt werden. Gott aber ist barmherzig und bereit zu vergeben.“

(Nebenbei gefragt: Die FRAU muss etwas tun, weil der MANN nicht zuverlässig ist?)

Ein ähnliches Verhüllungsgebot ist auch in der jüdischen Tora zu finden – hier allerdings wird in der ORTHODOXIE sehr unterschiedlich darauf reagiert. Eine Perücke wird heute ebenso akzeptiert wie ein Kopftuch, Turban oder eine andere Kopfbedeckung, der Körper wird „sittsam bekleidet“, das heisst, die Schultern, Dekolletè und Oberarme sind bedeckt, ebenso werden blickdichte Strümpfe und mindestens knielange Röcke bevorzugt.

Man sieht also, religiöse Ge- und Verbote können auch interpretiert und angepasst werden. Man diskutiert darüber, und mit dem Zeitgeist können sie sich verändern.

Das ist im Islam schwieriger, weil es ein Verbot gibt, über die Vorschriften zu debattieren. Das Wort ist wie in Stein gemeißelt, man hat es genau so zu nehmen wie es da steht. Und Punkt.

Blöd nur, dass da gar nicht steht, dass Frauen sich nur als wandernde Champignons in der Öffentlichkeit zeigen dürfen. Auch die Burka ist also ein Konstrukt, sie hat mit dem Islam und seiner Lehre überhaupt nichts zu tun, auch wenn die Verfechter es behaupten. Genauso, übrigens, wie die weibliche Genitalverstümmelung ebenfalls nicht religiös vorgeschrieben ist, sondern nichts weiter als ein grausamer Ausdruck männlicher Ängste.

Es ist in beiden Fällen nur zu erahnen, wie viele Frauen sich dieser Tradition aus wirklich freien Stücken und Überzeugung ergeben, und wie viele „willig mitmachen“, weil sie es nicht anders kennen, nicht besser verstehen oder weil sie sonst mit Repressionen bis hin zum Tod bedroht sind.

Das ist jedoch letztlich nicht wesentlich, so herzlos das auch klingen mag. Denn weniger als 0,4 Promille der in Europa lebenden Muslimas tragen Burka – aber ein Gesetz ist ein mächtiges Zeichen für andere Länder. Nämlich über das, was unser europäisches Selbstverständnis ausmacht.

Es ist also klar, dass die  Diskussion nicht deshalb so heftig und emotionell geführt wird, weil ein Verbot dieser aus dem 15. Jahrhundert stammenden Tradition so viele Menschen betrifft. Und auch ein „Schutz der Minderheiten“ kann nicht angeführt werden, denn es gibt wesentlich mehr innereuropäisch gewachsene Minderheiten – etwa Roma und Sinti –, deren Rechte nicht halb so hitzig diskutiert werden.

Aber die Burka als Symbol schneidet tief in unser Verständnis von Persönlichkeitsrechten.

Und so streiten in allen Ländern sogenannte Kulturrelativisten mit Frauenrechtlern um die Deutungshoheit in dieser Frage. Es ist wichtig, dass man fremde Kulturen anerkennt – das haben wir in Europa in unserer Geschichte bitter gelernt. Und es ist ebenso wichtig, dass Frauen frei und selbstbestimmt leben können. Nicht nur, weil Männer in den vergangenen Jahrhunderten nicht gerade Glanzleistungen vollbracht haben, was Frieden und Stabilität angeht. Es braucht auch Frauen in der Entscheidungskraft über die Geschicke unserer Länder.

Aber in der Frage einer Ganzkörperverschleierung ist noch etwas wichtig, und zwar, dass Europa mit einer gemeinsamen klaren Meinung nach außen tritt. Europa ist ein relativ kleiner Kontinent, der gerade dabei ist, die bisher gesammelte Achtung in der restlichen Welt zu verspielen – und zwar nicht zuletzt durch Zögerlichkeit, Uneinigkeit und ein diffuses Außenbild.

Es ist aber geopolitisch ziemlich angesagt, Europa als Staatengemeinschaft nach innen und außen stark zu halten, sonst versinken wir bald als vergleichsweise winzige und vor allem unbedeutende Nationalstaaten in der Bedeutungslosigkeit. Und Bedeutungslosigkeit heißt auch: Armut und Rechtlosigkeit. Wen interessiert heute ein kleines einzelnes Land wie beispielsweise Aserbeidschan? Aber das viel kleinere Österreich lebt in Wohlstand und Sicherheit und ist nicht Spielball der größeren Nachbarn.  Nicht zuletzt deshalb, weil es ein Teil Europas ist.  Wir tun also gut daran, uns alle zusammenzuschließen, um gegen andere, grössere Kontinente und Länder wie Indien, China, die Arabische Welt und die USA bestehen zu können.

Dazu müssen wir Bürger auch bewusst daran arbeiten, uns nicht nur als Österreicher, Deutsche, Spanier oder Engländer zu sehen, sondern eben AUCH als Europäer.

Während aber andere Länder sehr machtvoll auf die Einhaltung ihrer ureigenen Traditionen pochen, weil sie das im Kern ausmacht und Solidarität und Stabilität gewährleistet, ist es in einigen Ländern Europas zur Gewohnheit geworden, fast alles zu erlauben, wenn es nur mit dem Argument „fremde Kultur“ begründet wird.

Doch auch Europa hat starke eigene und gemeinsame Traditionen, und warum sollten diese weniger schätzenswert sein als jene anderer Länder? Es geht nicht darum, andere Länder & andere Sitten schlecht zu machen. Es geht in erster Linie darum, die Eigenständigkeit Europas zu behaupten.

Alles andere – wie etwa eine Missionierung außereuropäischer Länder zu europäischen Werten und/oder Anerkennung von Demokratie,  Menschenrechten und Gleichberechtigung – und damit auch eine Wertung der verschiedenen Traditionen in „besser“ und „schlechter“ ist eine andere Diskussion. Auch die wird mal zu führen sein.

Zuerst aber müssen wir unsere Werte klar nach innen und außen darstellen – und genau das tun wir nicht. Wir verzetteln uns in Haarspaltereien und langen Diskussionen, in unsinnigen Rücksichtnahmen auf alles Mögliche – außer auf die eigenen Werte der Demokratie, der Aufklärung und der Säkularisierung.

Beispiele gefällig?

Organspenden sind in manchen Europäischen Ländern nur mit ausdrücklicher Zustimmung erlaubt, in anderen nur bei ausdrücklicher Ablehnung verboten.

Sterbehilfe – mal ja, mal nein und alles Mögliche dazwischen.

Abtreibungen sind in den meisten Ländern erlaubt – aber die Zucht pluripotenter Stammzellen nicht.

Auch die diversen Ehegesetze –  mal „Schwulen-Ehe“ ja, mal nein, verschiedene Altersbeschränkungen und so fort  – all das ist in Europa vollkommen uneinheitlich geregelt.

Minarette werden hitzigst diskutiert – wegen ihrer Höhe, Lautstärke etc, oder weil just hier die christliche Religion höher einzuschätzen sei.

In dieselbe Kerbe schlägt auch die Argumentation für das immer noch häufig übliche Kreuz in Schulen, Parlamenten und Amtsstuben. Andererseits ist das Vorhandensein von tibetischen Tempeln oder Synagogen offenbar keine Gefahr für die Christenwelt. Wo bleibt da die angebliche Gleichberechtigung der Religionen? Wo bleibt die Säkularisierung? Wo bleibt die Aufklärung? Es ist ein diffuses Bild, das wir zeigen, zerrissen und offen für jeden Angriff von außen.

Wir brauchen also klare Signale, die nach innen und außen deutlich machen, was Europäisch „ist“. Die Burka ist hier ganz offensichtlich nicht die einzige „Baustelle“. Eine gemeinsame Entscheidung zu diesem Konflikt setzt aber ein deutliches Zeichen – vorwiegend außerhalb Europas, also auch für jene, die Europa als zukünftige Heimat wählen möchten.

Es sind diese Zeichen, die uns nach innen und außen definieren.

Selbstverständlich sind Religionen ein schätzenswertes und für viele Menschen lebensnotwendiges Gut, sie müssen in Europa frei und gleichwertig auszuüben sein. Gleichzeitig muss dieses Recht aber auch abgewogen werden gegenüber jenen Rechten, für die Europa steht. Typisch Europäische Errungenschaften wie die Werte der Aufklärung, der Gleichberechtigung, der Sozialgesetzgebung und der Säkularität sind hier definitiv wichtiger – denn hier zeigt sich deutlich der Unterschied zu anderen Ländern.

Wie wir entscheiden, mit kulturellen Fragen umzugehen, das ist öffentlicher Ausdruck des Europäischen Konsenses und Symbol für eine Haltung, die stärker wiegt als das Recht des Einzelnen.

Wenn der Europarat also erlauben will, dass lebendige Menschen als schwarze oder blaue BARBAPAPAS in der Gegend rumlaufen dürfen, im klaren Wissen, dass auch das nur öffentlicher Ausdruck ist für ein (vom eigenen Mann ausgesprochenes) Verbot zu arbeiten, zu wählen, Auto fahren zu dürfen und weiterer normaler Europäischer Rechte, dann ist das nichts weiter als ein ängstliches „Anything goes“, in der naiven Hoffnung, es werde schon „das Gute“ obsiegen. In meinen Augen ist das dumm und feige.

Wenn aber der Europarat A sagt und einzelne Länder dann B, so ist das die schlimmstmögliche Lösung. Denn so ist weder Europa noch den wenigen Burkaträgerinnen geholfen.

16 Kommentare »

  • Yehudis sagt:

    Also da gab es doch diesen Fall in Frankreich, wo eine Burkaträgerin deswegen, wegen des Autofahrens also, zu einer Geldstrafe verurteilt wurde.

    Sandra, es geht aber ja um die Burkträgerin in Europa.
    Zudem ist die Burkatradition ja auch sehr auf bestimmte Länder begrenzt.
    … Mehr anzeigen
    Und angesichts dieses minimalen Anteils an tatsächlichen Burkaträgerinnen find ich dieses ganze DIskussion als solche mehr von Hysterie gezeichnet die überwiegende Zeit als von wirklicher Notwendigkeit.

    Identifikationen können vor Gericht oder auf Ämtern auch anders durchgesetzt werden, sind eh selbstverständlich und dafür brauch ich nicht auch noch ein Verbot oder Gesetz.

  • GeWa sagt:

    Hat sich eigentlich schon jemand gefragt, wie burkatragende Frauen autofahren und die Unfallstatistiken aus entsprechenden Ländern gelesen?

    • lusciniola sagt:

      In diesen Ländern dürfen Frauen meistens nicht Autofahren. Solche Frauen dürfen auch meistens ohne verwandten Mann oder Ehemann das Haus nicht verlassen…

  • tom sagt:

    Ein gemeinsames Vorgehen bei gewissen Fragen wird es in Europa nie geben. Das gibte es allerdings in keinem Demokratischen System dieser Größe. Auch in USA sind von Bundesstaat zu Bundesstaat die div. Regelungen unterschiedlich bis diametral konträr. Es ist Wesen der Demokratie das hier nicht über Bürger und deren Regionale Befindlichkeiten „drübergefahren“ werden kann. Höchstens China kann es sich leisten im ganzen Reich die exakt selben Regeln gelten zu lassen. In Europa muss man wenn man ein friedliches Zusammenleben will akzeptieren das in Sizilien anders über manche Dinge gedacht wird als in Amsterdam. Gerade die Frage der Burka ist eine Grundsatzfrage die jeder für sich persönlich beantworten muss. Je nachdem von welcher Seite man die Sache ansieht ist ein Verbot gerechtfertigt und auch wieder nicht. Einen Konsens überhaupt auf Über-Staatlicher Ebene wird dazu nie geben.

  • fatmike182 sagt:

    gute neue Sichtweise, den Europabezug herzustellen — bin auch soweit bei dir, außer 2 Ausnahmen:

    „religiöse Ge- und Verbote können auch interpretiert und angepasst werden“
    nicht „können“ sondern „müssen“, bzw sind diese ohnehin schon durch hunderte andere Leute & „Gelehrte“ zurechtinterpretiert worden.

    „Selbstverständlich sind Religionen ein schätzenswertes und für viele Menschen lebensnotwendiges Gut“
    lebensnotwendig? nein. schätzenswert? vllt (wie Tradition eben).
    Aber selbst das überbewertet schwerwiegend.

    Eine gute Analogie wäre auch hier noch zu finden
    http://www.profil.at/articles/1016/574/267265/elfriede-hammerl-kaefigverbot
    bzw auch
    http://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/561600/index.do?parentid=995963&showMask=1

    • In MEINEN Augen, fatmike, „müssen“ sie auch immer mit dem jeweiligen Zeitgeist/Wissen abgeglichen werden – aber de facto „können“ sie es – und alles andere bleibt aber doch der Entscheidung des Einzelnen vorbehalten. (Übrigens habe ich zum Thema Religionen gerade einen sehr spannenden Artikel in der Zeit gelesen.)
      Das Gleiche meine ich auch mit „überlebensnotwendig“. Man kann nicht immer von sich selbst auf andere schliessen. Ich jedenfalls kann nicht abschätzen, wie sehr es für manche andere Menschen tatsächlich überlebensnotwendig ist, etwas „glauben“ zu können – ohne dass nämlich die Psyche dieser Menschen schweren Schaden nimmt. Religion ist für viele eine notwendige Stütze, um das Leben zu meistern. Das kann ich zwar doof finden, muss es aber akzeptieren.

      • fatmike182 sagt:

        Die subjektiv suggerierte Lebensnotwendigkeit richtet sich aber v.a. an den Glauben, nicht aber an Religion — oder missverstehe ich da was?
        Thx für den Zeit-Link!
        Neben der Angleichung an das herrschende Weltbild könnte man sich aber auch hin & wieder mal der Metafrage stellen: wozu soll die Religion in der heutigen, humanistischen, wissenschaftlich erforschten Welt noch dienen. Dass es darüber keinen Dialog geben wird ist klar, da die Lobbys zu groß sind & auch ständig mit Trivialargumenten gepunktet wird (Religion=Kirche. Kirche ist unterstützenswert weil Dorfgemeinschaft, Caritas, Architektur, psychologische Beratung. Erinnert mich an die Bundesheerdebatte, in der immer mit Katastrophenschutz argumentiert wird).

        Bzgl europäisch homogenerer Außenmeinung kann ich dir nur zustimmen. Und irgendwann, wird das auch innerhalb Europas salonfähig zu sein, sich als Europäer zu sehen, fernab brüsselfeindlicher Eigenbrötlereien.
        Alle der Beispiele sind aber eng mit einer echten Laizität (da hat die Türkei nie wirklich Vorbildwirkung bzgl Umsetzung gehabt) verknüpft, was sämtliche Grundsatzansprüche von Religionen ad absurdum führt: früher wurden Religionen an moralische/ethische Ideale angelehnt – heute verhindern sie diese Ideale.

        • Der Mensch braucht eine Stimulation auch der mehr rechtsseitigen Gehirnhälfte. Und die ist für die Mystik zuständig. ;-) Ich glaube, dass die Welt ohne Fantasie, Glauben, Gefühl ärmer wäre. Nur an die „wissenschaftlich erforschte“ Welt zu glauben, wäre mir eigentlich zu wenig. Zumal ja Wissenschaften bekanntlich auch nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen haben. Auch Moralische Grundsätze allein reichen nicht – man braucht Herz dazu, finde ich. Wie die Armstrong schreibt: Es gibt eben Dinge, die das Wort nicht erfassen kann – und für diese Dinge ist die rechte Gehirnseite zuständig, für so Dinge wie Glauben, Musik, Tanz etc. Jedenfalls: So skeptisch ich den dogmatischen Religionen gegenüber bin, so sehr glaube ich, dass das Leben ohne sie auch irgendwie ärmer wäre: Woran reibt man sich dann? :-)

        • lusciniola sagt:

          Es ist irrelevant, wozu eine Religion noch dienen soll. Es gibt sie und solange Menschen sie ausüben wollen, sollen sie das tun können. Nur weil manche Religionen ablehnen, ist das noch keine Legitimation, deren Aufhebung oder Marginalisierung zu fordern.

          Relgionen sind so alt wie die Menschheit selbst. Offenbar ist das etwas, das tief im Menschen drinnen ist. Nicht umsonst hat es immer irgendwelche Formen von Religion, Kultanbetungen, Übersinnliches etc gegeben. Da ist es auch irrelevant, ob unsere Welt humanistisch und wissenschaftlich erforscht ist – denn Glaube kann man erstens nicht wissenschaftlich belegen aber auch nicht widerlegen und zweitens ist viel von dem humanistischen Gedankengut auch in den Religionen enthalten. Ich empfehle Ihnen Ludwig Feuerbach, Das Wesen des Christentums. „Die Religion ist die Reflexion, die Spiegelung des menschlichen Wesens in sich selbst.“ – „Gott ist der Spiegel des Menschen.“ Die Religion ist ja nur der institutionalisierte Glaube, den die Menschen als Leitlinie benutzen. Weil es bequem ist und so sicher vorgegeben und weil man den Glauben dann gemeinsam leben und auf eine gemeinsame Basis stellen kann.

          Sich als Europäer zu fühlen bedeutet in meinen Augen nicht, eine homogene Gruppe zu sein, die sich nur mehr einer Meinung bedient und keine individuellen Ausprägungen mehr zuläßt. Das schafft nur eine Diktatur durch Unterdrückung – nach außen, nach innen nicht einmal das (außer in einigen Jahrzehnten vielleicht durch kollektive Gehirnwäsche).

          • Das finde ich auch, Lusciniola! Ich würde auch auf keinen Fall wollen, dass auch nur angestrebt wird, dass die Menschen in Europa „eine homogene Gruppe (..sind..), die sich nur mehr einer Meinung bedient“ – auf gar keinen Fall. Aber das sind sie ja letztlich in anderen grossen Ländern oder Länderverbindungen auch nicht. Ein Texaner zB ist von einem NewYorker GRUNDVerschieden – und die haben sogar ne gemeinsame Sprache. (irgendwie *grins*). Trotzdem gibt es für beide gemeinsame Werte, mal in stärkerer, mal in schwächerer Ausprägung und trotzdem stehen sie beide voll dazu, US-Amerikaner zu sein. So etwas bräuchte Europa auch, glaube ich. Und ich denke, das muss noch stärker entwickelt werden – durch Diskussion, durch Erkennen, wo diese gemeinsamen Werte liegen. Eine Nation entsteht letztlich nur durch einen gemeinsamen Konsens aller Menschen, die dieser Nation angehören. Durch ein gemeinsam erfühltes „innerhalb“ und „ausserhalb“. Das muss aber nicht ALLES betreffen, ganz und gar nicht. Ich habe aber dennoch das Gefühl, das „Europa“ im Moment ein reines Wunschkonstrukt der Wirtschaftlichen und Politischen Welt ist, und noch lange nicht bei den Menschen angekommen. Und das schwächt. Daher meine ich, dass Diskussionen über von aussen nach innen hineingetragene „Neuheiten“, wie zum Beispiel eine derart stark dogmatische Religionsunterwerfung (bzw Unterwerfung und GEGLAUBTE religiöse Dogmen) ein guter ansatzpunkt sein kann, um so eine gemeinsama Haltung zu schaffen.

            • lusciniola sagt:

              Hm, sehe ich kritisch. Denn ein solches Vorgehen würde bedeuten, dass man sich durch einen „Feind“ von außen (in dem Fall dogmatische Unterwerfung unter Religionen, Islamismus oder dergleichen) als Einheit definiert und sich da sich durch Abgrenzung stark macht. Das aber bei einem „Feind“, der dann mitten unter uns lebt und genauso Teil unser Gesellschaft wie wir alle. Und das hat irgendwie einen schlechten Beigeschmack.

              Und ich glaube auch, dass ein Texaner und ein New Yorker anders über eine Burka denken.

              ich bin vollkommen dabei, wenn es darum geht, dass wir Werte finden und dazu stehen müssen und diese verteidigen und dass man auch selbstbewusster als Europäer auftritt. Aber ich glaube nicht, dass es einfach ist und funktionieren kann, wenn das über eine Stigmatisierung von Minderheiten in der eigenen Gesellschaft passiert (solange gewisse Grundwerte nicht verletzt werden, wie bei der Beschneidung, da kann es von vornherein nur zero tolerance geben).

              Im übrigen sind die USA wahrscheinlich kein guter Vergleich, denn erstens gibt es die als Bundesstaat schon etwas länger als der Staatenbund Europas und da war es lange nicht so, dass die sich als Einheit gefühlt haben. Zweitens haben die wieder einen etwas übersteigerten Nationalismus, den ich wieder ungut finde, aber vielleicht bin ich da zu wenig selbstbewußt ;-))

  • Nachdem ich hier ein Neuzugang bin, wird mein Passwort noch bearbeitet – also schreibe ich mal ganz konventionell auf Deinen Kommentar. (Und danke für diesen, übrigens! Freut mich sehr, mich ernsthaft auseinander setzen zu können!)
    Ich meine natürlich nicht, dass Europa in „allen kulturellen Fragen“ einheitlich sprechen sollte. Dazu sind die Kulturen, wie Du richtig schreibst, viel zu unterschiedlich, und g’ttseidank sind sie es. Aber ich glaube, dass man bei jenen kulturellen Dingen, die ganz typisch aussereuropäisch sind – und die Burka oder weibliche Genitalverstümmelung sind das in jedem Fall – mit einer Stimme sprechen sollte. Denn die Globalisierung schreitet fort – und auch das finde ich gut – und ich denke, dass man nur dann ein Rückgrat behalten kann, wenn man eines ausbildet.
    Ich glaube aber auch, dass es letztlich weniger wichtig ist (obwohl ich natürlich eine bestimmte Meinung dazu habe)- ob man nun alles, was kulturell „von aussen“ als „wirklich sehr fremd“ auf Europa zukommt, gut oder schlecht findet, oder nur manches oder ob man alles gerne aufnimmt. Wichtig ist, dass man darüber debattiert, und dann letztlich mit einer Stimme entscheidet. Sicherlich auch oft zum Ärger von Einigen. Denn genau das tun andere Ländergemeinschaften oder Länder auch. Die USA sind sehr einheitlich in dem, was sie nach aussen für ein Bild signalisieren, ebenso Russland oder china. Aussenpolitisch ebenso wie kulturell. Es gibt ein klares Bild. Säkularisierung meint übrigens: Der staat und die Kirche sind getrennt. Und das ist zwar in manchen Ländern Europas sicherlich stärker ausgeprägt als in anderen. Aber Gesetz ist es überall. Ich bin einfach auf der Suche nach etwas, das Europa nach innen und aussen deutlicher einen kann – weil ich der Überzeugung bin, dass das geopolitisch auf Dauer unerlässlich ist. (Und sei Erdogan verliert die Türkei übrigens die Säkularität zunehmend, leider.)

    • lusciniola sagt:

      Das Problem ist aber, dass es hier ganz diametrale Werthaltungen gibt. Nicht nur innerhlab Europas, auch innerhalb eines Landes, einer Gesellschaftsgruppe, einer Familie, ja sogar vielleicht innerhalb sich selbst (mir geht es zumindest mit der Burka so). Weibliche Beschneidung ist wohl ein Sonderfall, da spricht Europa sicher mit einer Stimme, das ist außerdem ganz klar eine Körperverletzung und Mißhandlung Minderjähriger, die überall in Europa verboten ist. Schön wäre nur, wenn das nicht manchmal nur Lippenbekenntnisse wären, sondern man rigoroser dagegen vorgehen würde. Auch in Europa finden immer noch Beschneidungen statt.

      Bei der Burka wird es Meinungen in alle Richtungen geben – zwischen vollkommener Toleranz bis hin zum Einsperren wollen der Trägerinnen. Hier gibt es auch Argumente für und wider, wobei ich schon erwähnte, dass ich einem Verbot zugeneigt bin. Ganz einfach um zu sagen: das geht zu weit, nicht in Europa. Beim Kopftuch aber sehe ich das wieder gar nicht so, habe ich doch im letzten Jahr einige Musliminnen kennengelernt, die das aus Überzeugung unf freiem Willen tragen (und auch nicht als politisches Statement, sondern als Ausdruck gelebten Glaubens). Gebildetet studierte Frauen. Wer wären wir, denen zu sagen, dass sie das nicht dürfen? Ich lasse mir auch nicht vorschreiben, was ich tragen darf und was nicht. Da fangen aber die Probleme schon an. Manchen wird die Burka viel zu wenig sein, die werden auch das Kopftuch oder zumindest den Hidschab verbieten wollen. Und verlangen, dass Europa hier mit einer Stimme spricht. Wo fängt man an, wo hört man auf?

    • lusciniola sagt:

      Sie haben übrigens nicht nur von Dingen gesprochen, die ganz klar außereuropäisch sind wie die Burka sondern eine Reihe anderer Beispiele gebracht, die reine Haarspaltereien seien, unsinnige Rücksichtnahmen auf alles Mögliche: Organspenden, Sterbehilfe, Abtreibungen, die Zucht pluripotenter Stammzellen.

      Und das sehe ich absolut nicht so, weil das einfach ganz eigene Werthaltungen sind, die jeder Mensch für sich anders definieren kann. Und gerade solche Werthaltungsthemen und gesellschaftspolitische Fragen bergen genügend Zündstoff, weil das sehr tief in Überzeugungen von Menschen hinein geht.

      Da wird Europa nie mit einer Stimme sprechen. Macht das was? Ich glaube nein.

      • Liebe Lusciniola, ich glaube eben, dass schon eine gemeinsame Diskussion über all diese Themen – und eben nicht nur die Diskussion innerhalb der jeweils eigenen Länder – Europa als Konstrukt sehr weiter bringen kann. Ich bin übrigens nicht der Meinung, dass sich Europa auf die vorgenannten Dinge nie einigen wird können, allerdings ist das sicherlich eine jahrzehntelanger Prozess, wo dann die jeweilige tatsächliche Gegenwart, der Stand der Medizin und des Wissens auch noch ihren Teil beitragen werden.
        Und ich glaube, dass sich JEDE Gruppe, egal wie klein oder gross vorwiegend durch zwei Dinge definiert: Durch innere gefühlte Gemeinsamkeiten und durch Abgrenzung nach Aussen. Das beinhaltet auch das sogenannte „Tabu“, das eine Gesellschaft ganz offenbar ursächlich braucht, um in sich funktionieren zu können. Angesichts der gegenwärtigen geopolitischen Entwicklungen halte ich es für wichtig, dass es eine „Gesellschaft Europa“ gibt, weil ich sonst grobe materielle, ideelle und Friedenstechnische Nachteile für die Europäische Welt befürchte. Ich wäre natürlich sehr froh, wenn so eine Nationale Abgrenzung nicht mehr notwendig ist, und jedes Land, jeder Mensch trotzdem in Frieden und Wohlstand bestehen könnte – allein, im Moment und angesichts der derzeitigen Entwicklungen glaube ich nicht, dass das so möglich ist. Der nächste Punkt ist: Im Moment ist die einzige weltweite Strömung, die auf wirklich aggressive und bellizistische Weise zu expandieren sucht, der Islam. Hier wird – vor allem bei den Orthodoxen – deutlich auf weltweite Missionierung egal mit welchen Mitteln gesetzt. Dem kann man meiner Meinung nach nur entgegenwirken, indem man unterstützt, dass sich eine Art Europäischer Islam herausbildet. Ich halte es da sehr stark mit Bassam Tibi – aber ich kann auch immer wieder den Gedanken eines Tariq Ramadan folgen. Jedenfalls: Öffentliche und offene Diskussion über die diversen Ausformungen und Interpretationen des Koran sind dazu unerlässlich. Und ebenso, wie die Entwicklung eines Europäischen Islam sicherlich durch zB einen Bann der Burka unterstützt werden kann, müssen sich auch die Europäer einig werden, was sie für moralische und ethische Werte anwenden wollen. Das heisst zuallererst mal: Diskussion darüber, und zwar eben nicht in den jeweils einzelnen Parlamenten, sondern allgemein. Was dann dabei herauskommt, ist eine andere Sache. Es hilft schon, wenn man sich durch Diskussion darüber einig wird, dass man sich nicht einig ist – denn das ist dann trotzdem eine andere gemeinsame Basis, als wenn man einfach mal macht.

  • lusciniola sagt:

    Ich sehe das nicht so, dass Europa in allen „kulturellen Fragen“ – vulgo auch gesellschaftspolitische Fragen – mit einer Stimme sprechen muss. Europa besteht aus einer Vielzahl von Nationen mit eigener Geschichte, Kultur und Weltanschauungen. Gerade im gesellschaftpolitischen Bereich haben wir es mit allen Bandbreiten zu tun und eine zwangsweise Vereinheitlichung kann nur dazu führen, dass sich niemand mehr vertreten fühlt.

    Und es wäre naiv zu glauben, dass irgendein anderer Staatenverbund oder eine andere Kulturgemeinschaft mit einer Stimme sprechen würde. Zwischen dem bible belt und New York liegen nicht nur 1000nde Kilometer sondern einige Welten. Zwischen dem Oman, Saudi Arabien, dem Iran und Syrien ebenso. In ganz Asien gibt es Anschauungen und Bandbreiten vieler Zahl. Detto Nordafrika, Schwarzafrika. Die ehemalige Sowjetunion.

    Ich glaube nicht, dass Europa zugrunde gehen wird oder geschwächt ist, nur weil es in Punkto Homoehe, Euthanasie, Organspenden und auch Minaretten nicht einer Meinung ist. Ich glaube eher, dass Europa sich aufreibt und massiv schwächt wenn von oben herab eine „Einheitskultur“ im Sinne eines Gleichklangs in allen gesellschaftspolitischen Fragen aufoktroyiert wird. Bei Wahrung aller Mindeststandards, die durch die EMRK und dergleichen gewährleistet sind, müssen die einzelnen Staaten die Möglichkeit haben, auf die Gewohnheiten und gefühlten Wichtigkeiten ihrer Bürger einzugehen, andernfalls das Projekt Europa mangels Akzeptanz dem Untergang entgegenwankt.

    Natürlich soll Europa schauen, dass manche Themen nicht populistisch mißbraucht werden, das Burkathema ist ein solches, wiewohl ich dazu neige, einem Verbot positiv gegenüber zu stehen, weil in den Fällen wohl keine Frau dieses Kleidungsstück freiwillig trägt, wenn man ihr nicht vorhin lebenslang eingeimpft hat, sie sei ein Stück Dreck, wenn sie es nicht täte. Und zu den europäischen Werten eben auch gehört, dass die Frauen hier in Freiheit leben können sollen. Ein schwieriges Thema, das leider von Populisten besetzt wird. Trotzdem glaube ich auch hier nicht, dass es notwendig oder gar möglich wäre, dass Europa hier mit einer Stimme spricht.

    Im übrigen halte ich die Säkularisierung nicht für eine tragende Säule der europäischen Kultur. Frankreich und England sind vielleicht in höherem Maße säkular, die Skandinavier auch noch, aber sonst von Italien, Spanien über Österreich, Griechenland, Polen und so weiter, ist die Säkularisierung nicht mehr als ein Schlagwort, das kaum mit Leben gefüllt wird. Da ist die Türkei säkularer als mancher Teil Europas…

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