Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Wort zum Sonntag » Gladius 54. Vergangenheitsbewältigung
Share

Gladius 54. Vergangenheitsbewältigung

Von | 20.06.2010, 15:56 | 5 Kommentare

Wie bewältigt man eine Vergangenheit, die man nicht hatte? Austreiben, sag ich. Nur ist das nicht einfach.

Foto Heinrich Hoffmann, Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Ich hab gestern mies geträumt. In meiner Box lag Hatemail in Schnodderdeutsch, ich war gleich auf Verfolger, wusste aber, da war was faul, eine Szenerie war das wie im Film Nachtportier. Einen Schweißausbruch später erwachte ich, erleichtert, keine Hatemail in der Box, nur was Persönliches vom Mob, kein WW2 nur Y2K+.

Aber gesetzt den Fall, heut wär 1938+, was braucht es, um da mit zu laufen? Das ist erstens eine bescheuerte Frage, die aber das Zeug zum Klassiker für Spätgeborene hat: Wie bewältigst du eine Vergangenheit, die du nicht hattest?

Obiges Foto ist jenes notorische des Fotografen und Naziprofiteurs Heinrich Hoffmann aus dem Jahr 1938. Es zeigt Hitlers Einmarsch in Braunau. Seinem Geburtsort. Das Stahlgerüst im Hintergrund ist die Innbrücke. Drüben ist das bayrische Simbach. Herüben müsste der Wagen noch gut 150 Meter weiter rollen, und der darin stehende Typ wäre auch schon beim Haus seiner Geburt.

Eine Braunauerin, die 1938 sechs Jahre alt war, erzählte mir einmal, wie sie den Moment erinnerte. Auf einmal, sagte sie, hieß es „Hitler kommt!“ und man nähte hastig ein Hakenkreuz auf die Fahne und wachelte damit aus dem Fenster. Sieben Jahre später habe es „die Amis kommen!“ geheißen, man trennte hastig das Kreuz von der Fahne und wachelte damit aus dem Fenster. Auch eine Memory Lane.

Jahre später hatte der deutsche Exkanzler Helmut Kohl den heute abgestandenen Sager von der „Gnade der späten Geburt“ auf den Lippen. Mich wiederum begann – allmählich, aber unwiderstehlich – die „Ungnade des Geburtsorts“ zu bewegen. Sie weckte in mir Fernweh, Tendenz wachsend. Ich bin geborener Braunauer.

Der Krieg war zehn Jahre vorbei, als ich geboren wurde. Eine seltsame Sache. Wie seltsam, sickerte erst später ins Bewusstsein. Die alte Sache, du lebst nach vorn, der Groschen fällt im Rückblick, bestenfalls.

Ich erinnere meine frühe Kindheit nicht als unglücklich, aber ich erinnere. Eine Holzbaracke, die zur „Goderitsch“-Fabrik gehörte, die ominös abbrannte; einen Pfarrer, dem man zur Vermeidung von Handfestem nicht die Wahrheit sagte; eine Taube, die ich mal fing, Abteilung „Held für einen Tag“ (es gab abends Fleisch zu essen); dann Ohrfeigen, klar, die „nicht schaden“ konnten, auch klar.

Und das oberste Gebot aller Erwachsenen, dass einem „der Nachbar nichts nachsagen“ dürfe, sowieso klar, der Verdacht, das „Petzen“ über den Nachbarn muss mal en vogue gewesen sein, keimte in den Babys zu den Boomern früh.

Es gibt auch Nicht-Erinnerungen. Ich erinnere nicht, in den ersten zehn Lebensjahren mit dem Wort „Hitler“ konfrontiert wurde. War schwer, zugegeben. Auch später, im Gymnasium, endete der Geschichtsunterricht mit dem Jahr 1922. Bewältigung halt.

Jahre später deckte ich mal ab, an der Quelle, recherchierte mich als Journalist zu einem Friedrich Reithofer durch, der war 1938 Bürgermeister von Braunau. Ein Gespräch später war mein Bedarf an dessen Zeitgenossen gedeckt. Die mussten aussterben, beschloss ich.

Eine andere Arbeit – „Kindertransport“ – brachte mich zu einer Jüdin namens Esther Friedman, die mich beinahe aus dem Haus warf, als ich ihr sagte, dass ich Braunauer bin. Nicht, dass ich sie nicht verstehen konnte. Aber irgendwas geht in der Übersetzung verloren, wenn das Woher ich bin gewichtiger ist als das Wer ich bin.

Es war 1982, als ich zu einem „Projekt“ aufbrach. Weg von Braunau und Österreich, zum davon am weitesten entfernten Flecken des Planeten, der nicht Ozean ist. Die Insel heißt Vanua Levu, Fidschi-Gruppe, gleich an der „internationalen Dateline“, wo du vom Dienstag in den Montag segeln kannst.

Ich wurde an einem Ort sesshaft, der Nukutatava hieß, das bedeutet „ein Streifen Sand“, das war es auch. Ein Streifen Sand an einer Meeresbucht, mit Palmen, Mangroven und zwei Hütten, die eine Großfamilie bargen. Kein Paradies, zu viele Moskitos und Sandfliegen. Der Chief dort – Emosi – ließ binnen Stunden eine Zusatzhütte bauen, die er mir vermietete. So begann „Projekt Rekonstruktion“, aber eigentlich wurde es Dekonstruktion. Versuchte Abtreibung, eigentlich.

Nukutatava, Fiji 1982. Looking for Mister Hyde

Einmal versuchte ich es bewusst. Schuld war Robert Louis Stevenson. Dieser britische Autor (Die Schatzinsel) lag zwar irgendwo im benachbarten Samoa begraben, aber jede zweite Insel auf Fidschi verfügt über einen Gedenkstein des „Tusitalas“ (=Storyteller). Stevenson starb an zerebralem Blutsturz, sowas kann dir auch passieren, wenn du eine Überdosis „Magic Mushrooms“ erwischt. Ich hatte auch seine Geschichte von Jekyll & Hyde dabei, die Erzählung vom Doktor, der mittels einer Mixtur seine Dämonen aus dem Unterbewusstsein holt und dann Dinge macht, die zu machen der zivilisierte Doktor in ihm nicht für möglich hielt.

Das wurde zur fixen Idee. Gab es auf den Pazifischen Inseln irgendwo Pilze, die ihn zu Jekyll & Hyde inspirieren konnten? Auf Vanua Levu nicht, versicherte mir Emosi.

Solche Pilze wachsen in der Regenzeit auf Kühekot. Kühe gab es zwar, Regen nicht. Sollte sich irgendjemand aus Emosis Clan noch an mich erinnern, dann als „der Mann, der die Kuhscheiße bewässerte“.

Wenige Tage später war ich im Besitz von ein paar Dutzend Pilzen. Ich schluckte die Dinger am Morgen nach einem Fasttag. Eine Stunde später war ich dort – nämlich am Ufer des Inns, gleich neben der Braunauer Brücke, und am anderen Ufer war Simbach. Es war zum Heulen, das war es.

Eintrag im Reisetagebuch: Du kannst den Braunauer aus Braunau treiben, aber nicht Braunau aus dem Braunauer.

PS: Womit mich wieder das Fernweh übermannt. Ich werde ein paar Monate verreisen und melde mich wieder im Herbst. Angenehmen Sommer.

5 Kommentare »

ZiB21 sind: unsere Blogger