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Nach Dichand: Wir sind Europa

Von | 17.06.2010, 20:46 | 6 Kommentare

Hans Dichand ist gegangen. Jetzt hat Österreich endlich die Chance, tatsächlich der Europäischen Union beizutreten. Es ist ein Jammer, klagen die politischen Granden von ÖVP und SPÖ. In Österreich gäbe es ein Phänomen namens Kronen Zeitung. Diese „Krone“ hetze gegen Europa, gegen andere Menschen, andere Länder, gegen Pluralismus und Aufklärung. Das arme Volk sei fehlgeleitet. […]

Aus Prinzip gegen Europa: ein typischer Krone-Titel. Foto: Screenshot

Hans Dichand ist gegangen. Jetzt hat Österreich endlich die Chance, tatsächlich der Europäischen Union beizutreten.

Es ist ein Jammer, klagen die politischen Granden von ÖVP und SPÖ. In Österreich gäbe es ein Phänomen namens Kronen Zeitung. Diese „Krone“ hetze gegen Europa, gegen andere Menschen, andere Länder, gegen Pluralismus und Aufklärung. Das arme Volk sei fehlgeleitet. Nicht die Banken, nicht die Globalisierung, nicht die Migrationsströme, und nein, sorry, dass das so rüber kommt – nicht Brüssel! – seien Schuld daran, dass man sich als Minister „back in Vienna“ nicht öffentlich für die europäische Integration ins Zeug werfen könne. Schuld sei diese Kronen Zeitung.

Unsere Vertreter in der Europäischen Kommission und die Vertreter der Regierung nicken in Brüssel und anderswo im Ausland entschuldigend, wenn sie für Österreichs desaströse Einstellung zur EU Erklärungen abgeben sollen: wegen der „Krone“ seien die Österreicher europhob. Und schuld an der Misere seien freilich nicht sie selbst und ihre Passivität in der Vertretung der europäischen Werte.

Jeden Morgen bekommen politische Entscheidungsträger in Österreich ein paar Printmedien und ein paar Pressespiegel geliefert; oben auf: die Kronen Zeitung. Kein Morgenkaffee einer Amtsträgerin oder eines Amtsträgers geht ohne Kronen Zeitung vorüber. Darunter stapeln sich die Handvoll Klassiker: Kurier, Presse, Standard. In eine österreichische Kabinettsitzung floss zu einem staatstragenden Thema bis heute morgen jene Information ein, „wie’s die Krone spielt“.

Heute kann Österreichs politische Klasse ihr irrlichterndes Volk befreien. Endlich können unsere Koalitionspolitiker das kommunizieren, was ihnen seit 20 Jahren am Herzen liegt. Bisher hat ihnen das die Krone-induzierte Selbstzensur verboten. Jetzt werden sie nicht nur das offizielle, sondern auch das öffentliche Österreich, die Bürgerin und den Bürger, zum Mitglied der EU machen – so, wie sich das 66 Prozent dieses Österreichs vor 16 Jahren, bei der Volksabstimmung zum EU-Beitritt 1994, eigentlich gewünscht hatten.

Ab morgen können Bundespräsident Fischer, Kanzler Faymann und Vizekanzler Pröll, alle Minister, sämtliche Urgesteine der Parteien endlich über die europäische Integration sprechen, ohne Angst vor Hans Dichand zu haben. Sie können jetzt das tun, was sie als staatstragende Vertreter moderater Großparteien ohnehin seit Jahrzehnten am internationalen Parkett tun – nämlich, von Österreichs europäischem Auftrag zu schwärmen.

In illustren Kreisen wiederholen unsere Koalitionsvertreter stets mit einem Leuchten in den Augen, wie schlimm die Flucht-Erfahrung der ungarischen Nachbarn 1956 war, wie beschämend die Causa Waldheim, wie erhebend die Ära Kreisky. Sie beschreiben, wie befreiend der Weg in die EU nach 1989 war, wie selbstverständlich die Hilfe für die Bosnien-Flüchtlinge, wie feuerfest das Ja zur Balkan-EU-Integration, wie logisch die Verständigung zwischen Christentum, Judentum, Islam.

In internationalen Kreisen sagen unsere Koalitions-Vertreter auch gerne, dass Österreich als kleines Land in Brüssel großen Gestaltungsspielraum hat. Sie berichten, dass hier am meisten von der EU-Erweiterungsrunde 2004 profitiert wurde. Sie bewerben Wien als optimale Bühne zur Völkerverständigung zwischen Beijing, Minsk und Sarajevo. Sie erzählen stolz davon, dass sich hier die Dissidenten und Kriegsparteien aller möglicher Krisengebiete hinter vertrauenserweckenden Türen zum geheimen Dialog treffen.

Österreich, so schlussfolgert das internationale Publikum zufrieden, schlummert jede Nacht auf einem Fundament des historischen Bewusstseins und der Grund- und Menschenrechte. Dass Österreichs Minister-Kabinette jedoch ihre Arbeitstage mit der Kronenzeitung begonnen haben – das verschweigen die Koalitionsvertreter gerne.

Heute hat Österreichs Regierung die Chance, das Europaversprechen der Volksabstimmung 1994 einzulösen. Heute hat Österreich die Chance auf den tatsächlichen EU-Beitritt.

6 Kommentare »

  • Rumenigge sagt:

    Wenn T. Lennox ein Radikalisierer ist,
    was ist dann Hans Dichand gewesen?

    :-D

    o ein Mauerblümchen
    o ein Vaserl
    o ein Anfänger

  • Verena Ringler sagt:

    zu ASDF23:

    Die episodenhaften 66 Prozent 1994 waren ja bereits die erste, grosse Europa-Bankrotterklärung unserer politischen Eliten: sie konnten und können Europa nicht aus ihrer eigenen politischen Überzeugung heraus kommunizieren.

    Sie können die ganz grossen Highlights kommunizieren (Ungarn, Kreisky, EU Beitritt etc), weil es da um Österreichs Sekunden auf der WEltbühne geht.

    Aber: Europa im politischen Alltag zu kommunizieren, das ist unseren Koalitionsparteien meiner Erfahrung nach schlicht zu mühsam.

    Lieber schieben sie Misere auf die „Krone“, als sich über sie mit Überzeugung hinwegzusetzen und eine eigene, europäische, nach vorne gerichtete Politik zu machen UND zu erklären(bsp Verfassung; Staatsanwaltschaft; EU Erweiterung; Aussenpolitik; Asyl; Migration. Ortstafeln, Bildung, Teilzeit, Arigona, Entwicklungshilfe-Etat, Frauenquote u.v.a.m.).

  • mare sagt:

    danke verena! dein kommentar war mir eine freude zu lesen….;-)

  • ASDF23 sagt:

    Ohne Krone wäre die Volksabstimmung zum EU-Beitritt aber nicht einmal bejahend ausgefallen. Vor dem Einsatz der Krone für einen EU-Beitritt sah die Situation nämlich stark nach norwegischen Verhältnissen aus.

    Und würde man heute eine Abstimmung zum Beitritt machen, müsste jedem klar sein wie das ausgehen würde. Auch ohne Dichand.

    • Terence Lennox sagt:

      Mir wäre ein Norwegen ohne Dichand lieber gewesen..

      • ASDF23 sagt:

        Also du dir in lieber an der Fortschrittspartei und nicht an FPÖ Magengeschwüre holen würdest?

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