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Vertragslos, Tag 8

Von | 08.06.2010, 17:05 | Kein Kommentar

Das Tagebuch eines SVA-Versicherten und Hypochonders. Heute: Mein Paradies heißt Burn-Out. Stögers Ton wird schärfer. Vielleicht ist mein Körper deshalb so bemüht und friedlich. Er beschäftigt mich momentan nur mit echten Wehwehchen. Solchen, gegen die man echte Medikamente nehmen kann. Verspannungs-Kopfschmerzen etwa vermögen einen Hypochonder herrlich zu beruhigen. Es gibt einen Grund dafür (schlecht gelegen […]


Das Tagebuch eines SVA-Versicherten und Hypochonders. Heute: Mein Paradies heißt Burn-Out.

Stögers Ton wird schärfer. Vielleicht ist mein Körper deshalb so bemüht und friedlich. Er beschäftigt mich momentan nur mit echten Wehwehchen. Solchen, gegen die man echte Medikamente nehmen kann. Verspannungs-Kopfschmerzen etwa vermögen einen Hypochonder herrlich zu beruhigen. Es gibt einen Grund dafür (schlecht gelegen in der Nacht), eine berechenbare Wirkung (leicht pulsierende Schmerzen im Bereich der Stirnhöhle) und ein Mittel dagegen (in meinem Fall: Thomapyrin). Schon tut es weh, ist es unangenehm. Aber man weiß, was man hat. Und kriegt für sein Geld.

Als die ominösen Halsschmerzen beispielsweise zum ersten Mal auftraten, wartete ich Tag für Tag auf das Ausbrechen der meistens derart vorangekündigten Grippe. Zunächst war ich genervt. Dann überrascht, irgendwann panisch. Und schließlich konnte ich es kaum mehr erwarten, endlich loszurotzen, herzuschleimen und beim Ein- und Ausatmen zu rasseln wie eine alte Dampflok auf Entzug.

Aber nichts dergleichen geschah, was mich immer mehr beunruhigte. Das wichtigste für einen Hypochonder sind Kausalitäten für seine Leiden. Er muss wissen, warum was wehtut, dann ist alles gut, ganz gleich wie schlimm das Leiden ist. Es gab schon Phasen, da betete ich, der Herzinfarkt möge doch endlich daherkommen. Damit ich endlich weiß, wie das ist und mich künftig danach richten kann. Weil wenn man weiß, was man hat, kann man damit arbeiten.

Das Halsweh blieb aber damals. Und wurde heimtückischerweise auch nicht stärker. Einen ganzen Winter lang begleitete es mich. Vermutlich weil ich umgezogen war, in ein richtig staubtrockenes Haus. Das beleidigte meine feuchtigkeitssüchtige Kehle, also blieb sie kratzend. Eine simple Erklärung eigentlich, die mit der Anschaffung eines Luftbefeuchters bald Geschichte war. Aber als Hypochonder geht man immer vom schlimmsten aus. So bedeutet Halskratzen bestensfalls Lungenkrebs, Muskelkater heißt Multiple Sklerose und wenn man überraschend müde ist, im Frühjahr etwa, sind das untrügliche Zeichen für ein bevorstehendes Burn Out-Syndrom.

Letzteres übrigens ist eine paradiesische Krankheit für Leut’ wie meinen Körper. Nahezu jedes Symptom dieser Welt ließe bei etwas gutem Willen darauf schließen …

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