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Warum die Welt keinen Kopierschutz braucht

Von | 08.06.2010, 11:42 | Ein Kommentar

Die Festplatten und die Cloud quellen über vor lauter Musik. Jetzt will die Musikindustrie wieder einen Kopierschutz einführen. Geht’s noch? Er geht mir nicht aus dem Kopf. Der Artikel, der erzählt, die Majorlabels wollen den Kopierschutz für digitale Musikstücke wieder einführen. Lange hat es gedauert, bis das leidige DRM-Thema vom Tisch war. Nun soll es […]

Foto: Always Be Cool, Lizenz: CC

Die Festplatten und die Cloud quellen über vor lauter Musik. Jetzt will die Musikindustrie wieder einen Kopierschutz einführen. Geht’s noch?

Er geht mir nicht aus dem Kopf. Der Artikel, der erzählt, die Majorlabels wollen den Kopierschutz für digitale Musikstücke wieder einführen. Lange hat es gedauert, bis das leidige DRM-Thema vom Tisch war. Nun soll es wieder auferstehen. Wozu, darf man fragen?

Musik verkommt heute stärker denn je zur bloßen Hintergrundbeschallung. Bewusstes Musikhören, vor allem im privaten Umfeld, tritt hinter andere Formen des Medienkonsums zurück. Seinen iPod kann jeder füllen. Gratis. Meine digitale Musikbibliothek ist umfangreich. Auf meinem iPhone findet sich kein einziger Song. „Music like water“, hat David Bowie im Zusammenhang mit digitaler Musik einmal gesagt. Da sind wir bereits. Nur brauchen viele kein Wasser. Wir reden über uneingeschränkte Verfügbarkeit und den mangelnden Willen zur Nutzung.

Denn Musik kaufen will nicht jeder, schon immer. Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung konnten die Musikfirmen nie als Käufer gewinnen. Und auch von diesen waren nur 10 bis 15 % Prozent Intensiv-Käufer. Fans. Collectors. Die, die den Markt bewegten. Fein zu sehen, wie die Majorlabels es geschafft haben, ihre wichtigsten Kunden zu vergraulen.

Logischerweise bekommt heute der, der will, alles. Alles. Auch Unveröffentlichtes. Ich könnte Festplatten mit einer Kapazität von 2 Terabyte randvoll gefüllt mit aller erdenklichen Musik auf einen beliebigen Schreibtisch stellen. Rein zu Demonstrationszwecken. Wenn ich wollen würde. Aber wozu? 2000 Gigabyte, nach Apple’s Berechnungen sprechen wir hier von 480.000 Songs. Also zirka 30.000 Stunden Musik, genug für dreieinhalb Jahre – wenn ich beschließe, ab sofort nicht mehr zu schlafen. Ich könnte aber auch einen Freund bitten, mir eine bestimmte Platte zu borgen, wenn ich sie bräuchte. Nur brauchen tut das niemand.

Mit „digitalen Wasserzeichen“ und „Online-Streaming“ will die Industrie die Herrschaft über die Tracks zurückerlangen. Es bleibt zu hoffen, dass lästige Kompatibilitätsprobleme zwischen Autoradio, iPod, gebrannter CD, Handy, Mediacenter und Co. ausbleiben. Glauben will ich daran (noch) nicht.

Das Problem ist alt. Kopierschutz hin oder her – Quellen für den freien Gebrauch ohne Entgelt finden sich immer. Gleichzeitig scheint der Trend immer mehr und wiederholt in Richtung „Belastung ehrlicher und zahlender Nutzer“ auszuschlagen. Wenn mein illegaler Download weit mehr kann und weniger einschränkt als das gekaufte „Original“, kann man die Sinnhaftigkeit derartiger Vorhaben durchaus in Frage stellen.

iTunes-Store, Amazon, Spotify und jene wenigen anderen Bezahlmodelle, die es ansatzweise weit gebracht haben, verkaufen keinen Content. Sie verkaufen Dienstleistungen. Angebote, die der Bequemlichkeit dienen. Das Leben erleichtern. Vereinfachen. Den lästigen Kopierschutz hier loszuwerden war ein Segen. Und der Kompatibilität zuträglich.

Wir wollen das Recht auf die Privatkopie nicht vergessen. §42 des Urheberrechtsgesetzes regelt es wie folgt: „Jedermann darf von einem Werk einzelne Vervielfältigungsstücke auf Papier oder einem ähnlichen Träger zum eigenen Gebrauch herstellen.“ Das Gesetz ist nicht unproblematisch. Und von vorvorgestern. Von Aufführungen mit Drehorgeln und Spieldosen liest man, das Wort Computer findet sich hingegen nicht. Von Absurdbegriffen wie „mp3“ ganz zu schweigen. Dass jegliche Form zusätzlicher Kontrolle und digitaler Schranken die erlaubte persönliche Weitergabe erschwert, muss wohl nicht näher ausgeführt werden.

Die Problematik der illegalen Downloads, ob Filme, Musik, Literatur, wird man mit zusätzlichen Kopierschutz- und Überwachungsformen nicht in den Griff bekommen. Frei verfügbar bleibt frei verfügbar. An der Mentalität müsste sich etwas ändern. Aber das ist eine vollkommen andere Geschichte.

Weiterlesen:

A Back Door Into Cloud DRM (Techcrunch)

Stoff aus lang vergangenen Tagen:

Apple rolls out DRM-free iTunes (Wired)

Napster Launches DRM-Free Music Store (Wired)

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