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Gladius 52. Wie Hamas?

Von | 06.06.2010, 18:20 | 4 Kommentare

Wie legal kann eine für Gaza bestimmte Fracht sein, wenn sogar der Import von Koriander verboten ist? Koriander. Ich koche gern asiatisch, daher verwende ich Koriander. Ich spiele mich auch gelegentlich mit vorchristlichen Rezepten, und wenn es um rote Linsen geht, darf Koriander nicht fehlen. Er bringt was Erhebendes. Außerdem gibt das historische Gewürz als […]

Israelischer Soldat. Foto: commons.wikimedia

Wie legal kann eine für Gaza bestimmte Fracht sein, wenn sogar der Import von Koriander verboten ist?

Koriander. Ich koche gern asiatisch, daher verwende ich Koriander. Ich spiele mich auch gelegentlich mit vorchristlichen Rezepten, und wenn es um rote Linsen geht, darf Koriander nicht fehlen. Er bringt was Erhebendes. Außerdem gibt das historische Gewürz als Medizin was her, zumal dort, wo Armut herrscht und moderne Arzneien nicht zu kriegen sind. Dort werden Koriandersamen in Wasser gekocht und der Sud gegen Erkältungen eingesetzt.

Koriander erzeugte schon im Alten Testament gute Gefühle, in Exodus (16.31) wurde das vom Himmel fallende Manna mit Koriandersamen verglichen. Es kann nicht schaden, Koriander zu haben. Aber wer im Gaza-Streifen wohnt, der darf nicht.

Es ist verboten, Koriander nach Gaza einzuführen.

Warum? Glaubt man, Koriandersamen könnten als Munition für hausgemachte Bomben dienen? Da könnte was dran sein, auch Kaffee darf nur in Pulverform, nicht als Bohne nach Gaza. Oder hat man Angst, die chronisch unterfütterte Bevölkerung Gazas könnte zu schnell gesunden, wenn man ihr zuviel des anderswo Stinknormalen gönnt? Die richtige Antwort kennt nur Israel, unwahrscheinlich aber, dass sie mir Respekt einflößt.

Die rabiate Kaperung der „Gaza Flotilla“ durch die israelische Armee, die auf dem Schiff Mavi Marmara neun Tote mit insgesamt 30 Kugeln in den Körpern hinterließ, erzeugte den obligaten WELTWEITEN AUFSCHREI, das gilt auch für die Sozialen Netzwerke, die Facebook-Page „United Jews, Muslims, Christians, Buddhists … against Israeli terrorism“ schwoll sofort auf  8500 Mitglieder an.

In der Folge häuften sich auch die Threads pro Israel, etwa „der Arschverein Hamas kriegt völlig zu Recht eine drauf“ oder „ich gehe davon aus, dass Israel die vernünftigere Seite ist“. Und überhaupt, es sei eben schwierig, „mit jemandem zu verhandeln, der nur eine Lösung will: Israel von der Landkarte zu radieren“. Das alte Argument. Leider ist es auch so, dass sich Israel diesbezüglich weniger von der Weltoffenheit Salomons, mehr von der Militanz Davids inspirieren lässt: Wer uns nicht haben will, der soll selber nicht sein. Bekanntlich strich David deswegen den Stamm der Amalekiter aus dem Buch der alttestamentarischen Völker. Ohne Gewissensbisse. In derlei Fällen hielt ja immer der olle Herrgott her, der so einen Stammesmord via Prophet befahl. Und plötzlich war Frevel, wenn man jemanden am Leben ließ.

Zurück zu Facebook. Die dortigen „pro-Israel“-Stimmen und Darstellungen der Flotilla als „Publicity-Falle von Hamas“ waren zum Teil von einem Artikel der deutschen TAZ getriggert, wo darauf hingewiesen wurde, dass Bülent Yildirim, Vorstand der – die Flotilla betreibenden – Hilfsorganisation IHH ein Hamasfreund sei, der so Dinge sagt wie „heute nennen wir Israel und die USA Terroristen“. Ehrlich gesagt, ich weiß heute auch immer seltener, wo der Unterschied zwischen Terror und Antiterror ist, wenn sich bei den Methoden „Mutmaßlich Gut“ von „Mutmaßlich Böse“ in nichts unterscheidet, abgesehen von den überlegenen Waffen. Für mich war die Ermordung des Al-Qa`ida-Mannes Mustafa Abu al-Yazid ein Terrorakt. Nicht weil al-Yazid starb, der ist tot ein angenehmerer Mensch. Nur „entsorgte“ die fatale Dronenbombe auch dessen Gattin und Töchter und Enkel und andere Verwandte. Wie kommen die dazu? Heiligt der Zweck wirklich alle Mittel?

Die TAZ stellte außerdem die „rein humanitären“ Absichten der Flotilla-Crew in Frage, weil sie sich nicht mit „Holzstangen“ sondern vielmehr mit „Eisenstangen“ gewehrt hätten. Hm, und deshalb wurde gleich einmal ein Massaker veranstaltet? Wenn das eine Publicity-Falle war, dann möchte ich den Köder sehen, auf den diese Armee nicht anbeißt.

Schließlich reaktivierte das deutsche Blatt auch noch den Historiker Abraham Rabinovich, der sich voll für die Seeblockade aussprach, damit Hamas keine Waffen kriegt. Frage: Sind eine Seeblockade und ein Überfall in internationalen Gewässern mit einander zu vergleichen?

Henning Mankell in Bethlehem. Foto: PalFest

Somit zu Henning Mankell. Der Schwede ist nicht nur Schöpfer des auch hier zu Lande populären Kommissars Wallander, sondern war auch Teil der Besatzung des Flotilla-Schiffes Sophia, wo er vergangenen Montag um 04.30h in seinem persönlichen Logbuch vermerkte: „Schüsse! Jetzt weiß ich, dass Israel den Weg der brutalen Konfrontation gewählt hat. In internationalen Gewässern. Das heißt, die Israelis haben wie Piraten gehandelt, sie sind nicht nicht besser als jene Leute, die vor der Küste Somalias operieren.“

Ja, das heißt es. Das ist auch der Kern der Sache. Israel hat sich was rausgenommen, wozu es kein Recht hatte. Warum? Weil es konnte. Und warum auch nicht? Wenn der große Bruder USA nur ein paar nicht vorhandene „Weapons of Mass Destruction“ erfinden muss, um den Irak umackern zu können, sollte Israel doch der Verdacht illegaler Fracht reichen dürfen, um in internationalen Gewässern eine Flotte auszusackeln. Wen scheren schon die Vereinten Nationen …

Auszüge von Mankells Logbuch sind HIER zu finden, er bietet einen Echtzeit-Bericht der Flotilla-Geschehnisse, voll mit maskierten Soldaten, die Geld, Kreditkarten, iPods und Laptops plündern. Ob auch Koriander konfisziert wurde, teilte er nicht mit. Der Bericht hat sich im Facebook auch das Prädikat „trotteldoof“ geholt, nur kann ich diesen Eindruck nicht teilen. Naiv ist nicht trotteldoof. Ich mag naiv, es passt in diesem Fall auch besser als etwa „schlau“ oder „clever“. Weil es die richtigeren Fragen aufwirft. Die Frage, ob da vielleicht Waffen oder andere verbotene Sachen in der Fracht versteckt waren, will mich nun mal nicht interessieren, solange sogar Koriander verboten sind. Und wenn die hausbackenen Ergüsse der TAZ die Alternative sind, dann weiß ich ohnehin, bei wem ich bin.

Ich bin bei Mankell, weil er die Aufmerksamkeit wieder darauf lenkt, was Sache ist: Seit dem Krieg vor einem Jahr ist das Leben für die in Gaza lebenden Palästinenser unerträglich. Es fehlt ihnen an allem. Ein paar Daten: 44% Arbeitslosigkeit, 8 von 10 Gaza-Bürgern sind auf Hilfe von außen angewiesen. Die Anzahl der als unter der „tolerablen Armutsgrenze“ Ausgewiesenen stieg im vergangenen Jahr von 100 000 auf 300 000. Den Menschen von Gaza geht es so mies, dass sie Hamas wählen. Ginge es ihnen besser, würden sie Hamas vielleicht nicht wählen. Aber Israel lässt nur einen Bruchteil der benötigten humanitären Hilfe ins Land. Die Lebensmittel, welche durch die von Hamas kontrollierte „Tunnelwirtschaft“ in den Gaza-Streifen gelangen, sind für den Normalbürger unerschwinglich (ein Huhn, z.B., kostet 15 Euro). So schlecht, um vor den Sitten des Kapitalismus sicher zu sein, geht es offenbar nicht mal Gaza, aber darum gehts nicht.

Es geht nicht um die kalten Krieger von Hamas und Israel, es geht nicht um „zwei Äpfel vom selben Baum, die einander die Birnen einschlagen“, es geht um Menschen in unmenschlichen Zuständen. Denen Mankell, wie er schrieb, zeigen wollte, „dass sie nicht allein sind und nicht vergessen.“

Den Israelis allerdings droht der wackere Schwede quasi eine kulturelle Hungersnot an: „Ich werde dafür sorgen, dass nichts, was ich schreibe, je wieder ins Hebräische übersetzt wird.“ Tja, wenn dieses Konter-Embargo Israel nicht zu einem Umdenken bewegen kann, was dann? Wie gesagt, ich mag naiv. Das hat wenigstens Haltung.

4 Kommentare »

  • LG sagt:

    Gaza – Das Gewissen der Welt
    Wenn die Verantwortlichen in Politik und Religion nicht mehr für Gerechtigkeit einstehen, muss der Appell an alle Menschen gehen. Die westlichen Regierungen sind eindeutig nicht gewillt, die Forderungen des internationalen Rechts zu erfüllen und den Palästinensern ihre Rechte zu verschaffen. Diese Aufgabe liegt nun bei der immer grösser werdenden Zahl von Menschen, die sich weltweit für eine gewaltfreie Lösung des Palästina-Konfliktes einsetzen.
    Die kleine Flotte mit rund 700 Personen aus etwa 30 Ländern war unterwegs, um die Belagerung des Gaza-Streifens zu brechen. Seit vier Jahren sind dort eineinhalb Millionen Palästinenser der Blockade durch die Israelis ausgesetzt. Per Schiff sollten Zement, Baumaterial, vorfabrizierte Häuser, Wasserreiniungs-Anlagen, Lebensmittel, Kinderspielsachen, Lehrmittel, Rollstühle, Medikamente und medizinische Ausrüstung ins Land gebracht werden.

    Die israelischen Streitkräfte griffen die Flotte in internationalen Gewässern an, dabei wurden neun Menschen getötet und rund 60 verletzt. Das Muster ist vertraut: Israel macht es sich zur Gewohnheit, dem Widerstand mit ungewöhnlicher Gewalt zu begegnen und ihn so im Keim zu ersticken. Auf erdrückende Weise werden Angst geschürt und sämtliche Gedanken an weiteren Widerstand unterdrückt. Offensichtlich ist es das Motto der Israeli, dass es für jedes Problem mit den Palästinensern stets eine militärische Lösung gibt. Das wäre sozusagen der kürzeste Weg von Unterdrückung und Kontrolle, und Israel geht ihn im Namen der Sicherheit, in der Gestalt seines Rechts auf Selbstverteidigung – und ohne Kritik von westlichen Regierungen.

    Die Aktion der Freiheits-Flotte hat in ihrer Absicht, die Blockade des Gaza-Streifens zu brechen und damit Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu mildern, Staatsoberhäupter und Kirchenführungen beschämt. In den Augen der Welt manövriert sich Israel ins Abseits, Lug und Trug seines Verhaltens werden zunehmend offengelegt. Palästina ist für Israel zum Lackmustest für Wahrheit und Gerechtigkeit geworden, Gaza wird zum Gewissen der Welt. Die entscheidende Frage ist: Wo steht der Rest der Welt? Setzen wir uns ein für Freiheit, für die Befreiung der Unterdrückten in Gaza – oder stehen wir auf der Seite der Belagerer und machen uns damit verantwortlich für eine humanitäre Katastrophe?

    Die Jünger fragten Jesus: Warum konnten denn wir den Dämon nicht austreiben? (Mk 9,28)
    Seine Antwort war, dass ein so böser Geist nur durch Gebet und durch Fasten ausgetrieben werden könne. Wir werden weiterhin beten und fasten, um diesen bösen Geist von Belagerung und Unterdrückung zu vertreiben. Eindringlich sagte es der grosse Prophet Jesaja so: Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen! (Jes 58,6) Dieses Zeugnis ist der Welt durch die Aktion der Freiheits-Flotte gegeben. Wir glauben daran, dass der Geist Gottes durch die Friedensaktivisten wirkt: Ihr Gebet sind die unmittelbaren gewaltfreien Aktionen, ihr Fasten ist das gerechte Handeln.

    Frustriert muss Israel die immer grösser werdende Zahl von Menschen und Organisationen zur Kenntnis nehmen, die zusammengesetzt aus Christen, Juden, Muslimen und Nichtgläubigen auf lokaler und internationaler Ebene das Wagnis eingeht, die Stimme zu erheben und sich in gewaltfreien Aktionen der israelischen Ungerechtigkeit entgegen zu stellen. Seit dem israelischen Angriff auf Gaza häufen sich in der Tat die Berichte, die Israel verurteilen und seine Verbrechen gegen die Palästinenser aufzeigen, so etwa der UN Human Rights Council Goldstone Bericht, Amnesty International, Human Rights Watch, die International Crisis Group.

    Mangels der Aufforderung der USA und anderer Staaten, die illegale Besetzung der Palästinensischen Gebiete (einschliesslich Ost-Jerusalems und des Gazastreifens) zu beenden, fordern wir Frauen und Männer, Alt und Jung, Gläubige und Nichtgläubige eindringlich dazu auf, sämtliche verfügbaren gewaltfreien Mittel anzuwenden zum Ziel, die Belagerung des Gazastreifens zu beenden, das Joch der Unterdrückung zu entfernen. Es gilt, in ernsthafter Absicht auf die Befreiung Palästinas und aller seiner Menschen hin zu arbeiten.

    Gott wird die die Ungerechtigkeit aufheben, die Riemen des Jochs lösen und die Unterdrückten freilassen. Wir glauben daran, dass die Morgenröte der Gerechtigkeit nahe ist.

    Sabeel – Jerusalem
    June 3, 2010
    http://www.sabeel.org

    Übersetzung aus dem englischen Text von Sabeel – Jerusalem
    Marie-Louise Beyeler
    5. Juli 2010

  • Hollerbusch sagt:

    Nur zur Erinnerung der Zeitablauf: Zuerst hat Hamas die Macht im Gazastreifen übernommen – und in Folge dabei auch zahlreiche Fatah-Funktionäre ermordet. Dann wurden immer mehr Raketen aus dem Gazastreifen auf Südisrael abgefeuert, worauf Israel eine Blockade des Gazastreifens begonnen hat. Auch Ägypten isoliert im übrigen den Gazastreifen, weil sie das grundsätzliche Ziel, der Hamas den Nachschub abzuschneiden, teilen.
    Seit die Blockrade rigoros durchgehalten wird, ist die Zahl der Raketenbeschüsse deutlich zurückgegangen, und im ganzen Jahr 2009 gab es dank der Sicherheitsvorkehrungen an den Grenzen auch keinen erfolgreichen Selbstmordanschlag aus Gaza nach Israel.
    Anders gesagt: Die Blockade war erfolgreich dabei, die Sicherheit der Menschen in Israel deutlich zu erhöhen. Solange die Hamas nicht zu Verhandlungen bereit ist, bleibt wohl nichts anderes übrig.
    Das es sehr wohl anders geht, wenn beide Seiten wollen, sieht man übrigens in Galiläa und Samarien, wo die Kooperation zwischen Palästinensers und Israelis Früchte trägt und der Wohlstand der Araber nach Jahren wieder zunimmt. Man kann nur hoffen, dass die Hamas diesen positiven Prozess nicht erfolgreich torpediert.

  • Boyang Xia sagt:

    Ich habe die folgenden Artikel nicht auf Authentizität durch Vergleich mit anderen Medien überprüft, aber ein Anstoß zur Skepsis ist es allermal:
    http://www.jpost.com/Israel/Article.aspx?ID=177613
    http://www.jpost.com/Israel/Article.aspx?id=177572

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