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Vertragslos, Tag 6

Von | 06.06.2010, 16:35 | Ein Kommentar

Das Tagebuch eines SVA-Versicherten und Hypochonders. Heute: Mein Körper ist wie das Ministerium. Als ich heute morgen aufwachte, war mein Körper noch im Tiefschlaf. Er schätzt es, mich mit derlei Manövern zu überholen. Überhaupt am Morgen. Ich will längst aufstehen, er wird bleischwer und pennt einfach weiter. Man kann dann nicht austehen, auch wenn man […]


Das Tagebuch eines SVA-Versicherten und Hypochonders. Heute: Mein Körper ist wie das Ministerium.

Als ich heute morgen aufwachte, war mein Körper noch im Tiefschlaf. Er schätzt es, mich mit derlei Manövern zu überholen. Überhaupt am Morgen. Ich will längst aufstehen, er wird bleischwer und pennt einfach weiter. Man kann dann nicht austehen, auch wenn man noch so will. Oder muss. Ähnliches ist übrigens auch ein Grund für mein ewiges Zuspätkommen. Wie sagt der Brite so schön: The spirit is willing, but the flesh is weak.

So hatte ich also noch massig Zeit zwischen Aufwachen und -stehen, die ich mal wieder zum Grübeln nutzte. Irgendwie fiel mir dabei auf: mein Körper hat gewissermaßen Ähnlichkeiten mit Gesundheitsminister Alois Stöger. Zuerst wird ewig geschlafen. Dann, wenn’s eigentlich schon zu spät ist, wird ganz schnell aufgewacht und sofort so getan, als wäre man eh längst an der Arbeit. Konkret zeigte sich das an der Reaktion des SP-Politikers auf die aktuelle Vertragslos-Misere. Erst als der mysteriöse Zustand bereits eingetreten war, meldete sich der Mann zu Wort. Fand dafür aber alsgleich ganz, ganz böse Worte.

Wenn sie ihrem Kerngeschäft nicht nachkäme, so Stöger beim vorzüglich klausulierten „laut Nachdenken“, müsse man über den Sinn der SVA nachdenken. Und wenn da nichts weiterginge, würde sich, ebenfalls vorzüglich formuliert „die Politik einschalten.“

Nicht grundsätzlich falsch liegt er da, der gute Mann. Aber: Wäre es für solche Töne nicht viel eher Zeit gewesen? Zu einem Zeitpunkt, als wir alle noch versichert waren, zum Beispiel? Weiters: Die angedrohte „Einschaltung der Politik“ – wie sähe die aus? Ein institutionalisiertes „Du, Du, Du!!!“ an den Koalitionspartner, diesfalls in Gestalt von Christoph Leitl? Oder doch ein gehöriger Tritt in den Allerwertesten, mit Auflösung der SVA und Eingliederung der Versicherten in die regionalen Kassen?

Das würde wohl auf Regierungsebene Wellen schlagen. Klassisches Lagerdenken wäre angefacht, im Sinne von: die ÖVP (Leitl, SVA, Wirtschaftskammer) hätte versagt, noch dazu in ihrem Haupt-Reservoire, jenem der Unternehmer. Und die SPÖ würde den Retter geben, indem sie die armen gestrandeten Selbstständigen in „ihren“ (schwer verschuldeten) Krankenkassen auffangen würde. Das ganze wäre jedenfalls ein schwerer Schlag für das von Faymann und Pröll gepflegte Postulat des Koaltitionsfrieden. Will man sich derlei wirklich für läppische 450.000 Manderln antun?

Ich mutmaße: Nein. Es wird bei einem verhaltenen Wetterleuchten seitens des Ministeriums bleiben. Ganz wie bei mir und meinem Körper: Zuerst lange schlafen, dann böse aufheulen, letztlich passiert aber rein gar nichts. Wenn einfachste Rückschlüsse erlaubt sind, könnte man nun feststellen: Unsere Regierung hat womöglich hypochondrische Züge.

Darüber werde ich morgen früh nachdenken, jetzt steh ich erstmal auf. Das erste Halskratzen macht sich bereits bemerkbar. Mal sehen, welche simulierten Leiden ich heute erleben darf.

Ein Kommentar »

  • @nic_ko sagt:

    Übrigens:
    Matthias Kertal hat ein Wiki zum Thema eingerichtet.
    (Und ich hab mir erlaubt, dich gleich mal reinzuschreiben…)

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