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Vertragslos, Tag 5

Von | 05.06.2010, 16:56 | Kein Kommentar

Das Tagebuch eines SVA-Versicherten und Hypochonders. Heute: Urlaub mit mir und meinem Körper. Ich sitze am Meer. In einem SVA-losen Land, zumindest was meinen medizinischen Versorgungszustand betrifft. Und weil ich nicht mal in der EU bin, kann ich mir die grüne E-Karte hier alleweil in die nicht vorhandene Frisur schmieren. Das stellt einen seltsamen Patt-Zustand […]


Das Tagebuch eines SVA-Versicherten und Hypochonders. Heute: Urlaub mit mir und meinem Körper.

Ich sitze am Meer. In einem SVA-losen Land, zumindest was meinen medizinischen Versorgungszustand betrifft. Und weil ich nicht mal in der EU bin, kann ich mir die grüne E-Karte hier alleweil in die nicht vorhandene Frisur schmieren. Das stellt einen seltsamen Patt-Zustand mit meinem Köper her. Den wir beide, er und ich, ja auch schon kennen. Wir waren schließlich schon öfter miteinander hier unten.

Natürlich läuft zunächst das übliche Programm, wird also heftigst Feurio geschrien, allerlei Tödliches vorgegaukelt und mir damit gehörig die Laune vergällt. Und weil die ablenkende Arbeit im Urlaub fehlt, bleibt einem nichts anderes übrig, als vertiefendend darüber nachzudenken, wie ernst das alles nun wirklich sein könnte. Darüber, ob man nicht was unternehmen sollte, jetzt, sofort, bevor’s zu spät ist. Um gleich im nächsten Augenblick völlig ratlos darüber zu sein, was eigentlich im Falle der nämlichen Erkrankung sofort und unverzüglich zu tun sei.

Und wie ich so vermeintlich todkrank vor mich hingrüble, kommt mir eine seltsame Erkenntnis: Sollte tatsächlich mein baldiges Ende unmittelbar bevorstehen, wäre mir das eigentlich herzlich egal. Die Angst, die wir Hypochonder empfinden, oszilliert in Wahrheit darum, dass eine etwaige, schwere Erkrankung – für welche die unverkennbar wahrzunehmenden Symptome ja andauernd sprechen – allerlei Mühsamkeiten mit sich bringen wird.

Als da wären: Notruf, Ambulanzauto, überforderter Zivildiener, Spitalsaufnahme, Bonitätsprüfung vor Behandlungsbeginn (momentan ja noch nicht, aber vielleicht bald?), Narkose, Notoperation, Aufwachstress, Rehabilitation inklusive zu tröstender Verwandtschaft am Krankenbett, die üblicherweise die Lage insofern völlig verkennt, als ja eigentlich ich der arme bin und nicht sie – ja, vor all dem graust mir unheimlich.

Im Vergleich dazu wäre ein plötzlicher Herzschlag mit Todesfolge direkt entspannend, zumindest für mich. Dann hätten irgendwelche anderen die Hacke, meinen schweren Körper aus irgendeinem Kaffeehaus-Stuhl zu hieven. Der Wirt müsste den übrigen Gästen panisch versichern, dass was da passiert ist garantiert nichts mit seinem Kaffee oder seinen Speisen zu tun. Ein Kellner müsste meine noch glosende Zigarre ausmachen, damit bei all dem Ungemach nicht auch noch der Küchenmistkübel brennert wird. Und die Polizei müsste zwecks Identifikation in meiner schier unendlichen Anzahl an Jackentaschen nach einem Ausweis fahnden, nur um letztlich keinen zu finden, weil ich ihn sowieso im Auto habe, das man wiederum noch viel weniger finden wird.

Besonders mein Körper hätte noch allerlei Mühsal vor sich: Kühlhaus, Leichenhalle, Obduktion (wenn’s blöd hergeht), Bestattungs-Wagen, Begräbnis, Sarg, Zerfallen, Würmer, all that stuff. Was würde ich ihn auslachen, von wo auch immer. Ihn, meinen garstigen Seelencontainer. Der mit seinem ewigen Ich-bin-schwer-krank-und-werde-bald-sterben-Getue endlich am Gipfel seiner Bemühungen angelangt ist. Und jetzt ganz allein mit all dem Ärger dasteht.

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