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Das Feindbild Neoliberalismus

Von | 07.06.2010, 9:17 | Kein Kommentar

Die menschliche Psyche funktioniert geradezu idiotisch einfach. Statt die Welt in allen ihren Facetten zu sehen, teilen wir sie gerne entlang einer Utopie in zwei Lager. Bei manchen wird die Welt nun derart vereinfacht, dass von der Dualität nur noch das Böse übrig bleibt. Im Gegensatz zu den Konservativen in Amerika, die dem Bösen – […]

Feindbilder: stereotyp und dumm. Foto: Steve Rhodes, Lizenz: cc by-nc-nd 2.0

Die menschliche Psyche funktioniert geradezu idiotisch einfach. Statt die Welt in allen ihren Facetten zu sehen, teilen wir sie gerne entlang einer Utopie in zwei Lager.

Bei manchen wird die Welt nun derart vereinfacht, dass von der Dualität nur noch das Böse übrig bleibt. Im Gegensatz zu den Konservativen in Amerika, die dem Bösen – das sie im „Kommunismus“ personifiziert durch Barack Obama erkennen – einen imaginären Amerikanischen Traum entgegensetzen, bleibt viele Menschen in Europa nur noch das Feindbild Neoliberalismus, ohne dem irgendwelche realisierbare Alternativen entgegenzusetzen (Es gibt die Anekdote von einem Plakat bei einer Demonstration mit der Aufschrift „Replace capitalism with something nice“).

Was versteht man hierzulande unter Neoliberalismus? Neoliberalismus ist, wenn Tierschützer Dank Antiterror-Gesetzen verhaftet werden. Neoliberalismus ist, wenn die USA und China mittels staatlicher Rohstoffkonzerne in Zusammenarbeit mit lokalen Diktatoren und Sklavenhaltern die Ressourcen armer Länder ausplündern. Neoliberalismus ist, wenn der Staat durch den Markt zurückgedrängt wird. Und Neoliberalismus ist, wenn der Staat sich ausweitet. Für manche sind dieses Definitionen oft paradox, aber für jemanden, der mit der marxistischen Dialektik vertraut ist, lösen sich alle Widersprüche auf in ein klares Feindbild.

An sich ist es natürlich, dass Wörter im Laufe der Zeit ihre Bedeutung ändern. Aber leider belegen die Anhänger der neoliberalen Ideologie das Wort Neoliberalismus mit einer anderen Bedeutung als dere Gegner und so passiert es oft, dass man die Neoliberalen schlicht als Bösewichte sieht, ohne deren Standpunkte zu kennen.

Überhaupt haben in den vergangenen Jahrzehnten manche Begriffe völlig neue und oft vom Ursprung völlig gegensätzliche Bedeutung bekommen. „Kapitalismus“ ist ein Synomym für das Böse. „Solidarität“ ist, wenn der Staat mit Zwang Privateigentum in Form von Steuern abschöpft. Unterschiede im Wohlstand heißen jetzt „Ungleichverteilung“, als ob die göttliche Institution Staat der Schöpfer allen Wohlstands ist, den sie an die passiven Individuen verteilt. (Soziale) „Gerechtigkeit“ ist, wenn alle Menschen gleich sind. „Freiheit“ (der Gruppe) ist, wenn eine Gruppe von der Außenwelt abgeschirmt ihre Mitglieder zu Uniformität zwingen kann.

Das erinnert stark an 1984, wo unabhängiges Denken durch eine restriktive und widersprüchliche Sprache unmöglich gemacht wird.

Mir ist bewusst, dass ich nicht frei von Stereotypen ist. Ich habe mit allen Kräften versucht, im Text nicht das Feindbild des europäischen Bobo-Sozialisten zu beschwören. Wo ich eigentlich „Sozialist“ schreiben wollte, ersetzte ich es durch vage und ähnliche Ausdrücke.

Also achten Sie, liebe Leser, darauf, dass Sie Menschen nicht nach Stereotypen oder Feindbildern beurteilen. Halten Sie sich zurück, wenn jemand sich als Sozialisten oder Sozialistin bezeichnet. Erst wenn das Gegenüber seine Standpunkte dargelegt hat, dürfen Sie losschimpfen.

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