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Vertragslos, Tag 4

Von | 04.06.2010, 14:32 | Kein Kommentar

Das Tagebuch eines SVA-Versicherten und Hypochonders. Heute: Herzinfarkt und Halsstarrigkeit. Also die Überzeugungskraft meines Körpers wünsche ich entweder der SVA oder der Ärztekammer: Würde nur einer der beiden über derlei Morch verfügen, die Verhandlungen wären längst abgeschlossen. Und zwar mit hundertprozentiger Erfüllung der jeweiligen Forderungen. Offenbar hat auch der Fleischberg, dem meine Seele innewohnt, den […]


Das Tagebuch eines SVA-Versicherten und Hypochonders. Heute: Herzinfarkt und Halsstarrigkeit.

Also die Überzeugungskraft meines Körpers wünsche ich entweder der SVA oder der Ärztekammer: Würde nur einer der beiden über derlei Morch verfügen, die Verhandlungen wären längst abgeschlossen. Und zwar mit hundertprozentiger Erfüllung der jeweiligen Forderungen.

Offenbar hat auch der Fleischberg, dem meine Seele innewohnt, den Feiertag zur Erholung genutzt (warum eigentlich „auch“? Ich hab ja gearbeitet …) und sich neue Strategien ausgedacht, wie er mir auf den Geist, oder noch treffender formuliert: die Eier gehen kann, doch dazu später.

Heute in der Früh gerierte sich der Herzinfarkt – ich glaube, ich werde ihn Knut nennen – derart überzeugend, dass ich mir tatsächlich einbildete, ich könne nicht mehr aus dem Bett. Klar, als ich es dann probierte, war es kein Problem. Also begann mein Puls am Weg ins Bad das Blut mit derartiger Höchstgeschwindigkeiten durch meine Adern zu wetzen, dass man fix annehmen kann, da wäre was nicht in Ordnung. Brustschmerzen links – sowieso.

Ich war knapp davor mich geschlagen zu geben, bis mir einfiel: auf die Atemnot hatte das schwere Biest vergessen. Das ist das Wesen des Matches zwischen mir und meiner sterblichen Hülle: der, der dem anderen mit der Idee eines guten Symptoms zuvorkommt, hat gewonnen. Bislang konnte immer ich obsiegen. Das Blöde ist nur: der Fleischberg merkt sich das jeweilige Symptom. Und wendet es dann beim nächsten Mal an.

Gut, Herz in Ordnung, dafür kratzt der Hals. Nicht nur kratzt er: er zieht auch so komisch. Es hat den Eindruck, als schnüre es mir die Gurgel zu, nur dass die Luftzufuhr null eingeschränkt ist. Kehlkopfkrampf nenn ich dieses – ebenfalls längst wohlbekannte – Gefühl gerne. Der Arzt erklärte mir beim letzten diesbezüglichen Besuch – mein Gott, ist das lange her – es handle sich bloß um eine Muskelverspannung, ausgehende vom Cervikal-Muskel, dem Trapez ganz oben am Rücken.

Klarerweise erhob ich Zweifel. Ob das ganze nicht von der Schilddrüse her kommen könnte? „Nein“, meinte der Arzt. „Wenn aber doch?“, meinte ich. „Deine Schilddrüse ist gesund“, stellte er fest.

„Woher wollen Sie das wissen?“, frechte ich zurück? Da lehnte er sich zurück, legte seine Hände an den Fingerspitzen aneinander, setzte sein überlegenstes Grinsen auf und sagte mit einer samtweichen, engelsgleichen Stimme, die jegliche Art von Sorge fortzuwehen in der Lage sein muss: „Wenn Deine Schilddrüse nicht in Ordnung ist, hast Du ganz andere Symptome. Ich sag Dir aber nicht, welche. Sonst hast Du sie gleich.“

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