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Am Sand: die Grünen am Land

Von | 02.06.2010, 8:04 | 3 Kommentare

Österreich hat außer Wien keine nennenswerten urbanen Räume. Darum haben es die Grünen nicht nur im Burgenland so schwer. Natürlich bin ich befangen: Der grüne Spitzenkandidat fürs Burgenland, Michel Reimon, ist am Fuße dieser Seite als Blogger für ZiB21 gelistet, wenngleich sein letzter Beitrag schon eine Weile her ist, weil er eben als grüner Spitzenkandidat […]

Irgendwo da draußen: Schön grün, aber nur auf den Bäumen. Foto: flickr.com/photos/magd/, Lizenz: cc by-nc-nd 2.0

Österreich hat außer Wien keine nennenswerten urbanen Räume. Darum haben es die Grünen nicht nur im Burgenland so schwer.

Natürlich bin ich befangen: Der grüne Spitzenkandidat fürs Burgenland, Michel Reimon, ist am Fuße dieser Seite als Blogger für ZiB21 gelistet, wenngleich sein letzter Beitrag schon eine Weile her ist, weil er eben als grüner Spitzenkandidat anderes zu tun hat.

Und natürlich habe ich keine Ahnung vom Burgenland. Ich kenne es wie die meisten Wiener nur als schönen Ort der Entspannung, an dem man höchstens am Wochenende übernachtet, um dann wieder heim zu fahren. Ich weiß aus halbwegs erster Hand nur das, was mir Reimon gelegentlich erzählt hat, und weil das privat erzählt war, soll es das auch bleiben.

Nur so viel: Das Burgenland ist eine ländlich geprägte Gegend ohne nenneswerte urbane Räume. Und ländlich geprägte Gegenden (trotz des burgenländischen Spezialfalls der SPÖ-Alleinregierung) sind kein Biotop für die Grünen. Sie sind Wochenenddestinationen für Grüne aus der Stadt.

Das glaube ich auch zu wissen, weil ich selbst vom Land komme, aus Oberösterreich, trotz der Nähe zur Stadt Steyr aus einer typischen Gemeinde mit ÖVP-Bürgermeister, sehr bäuerlich, und wenn jemand sich über die Türken ärgerte, die verfallene Höfe und Mietshäuser sanierten, die ohnehin niemand anderer wollte, hatte er bei Wahlen die FPÖ, um zu protestieren.

Das ist eine Umgebung, die keine Grünen verträgt.

Sie gelten als realitätsfremde Deppen, die einem das Autofahren verbieten wollen, auf das man täglich angewiesen ist, um zu arbeiten, die Kinder zu verfrachten, zu leben. Wer dem widerspricht, bekommt als Argumente irgendwelche radikalen Benzinpreisforderungen der Grünen aus Schilling-Zeiten zu hören, die auch ohne Zutun der Partei längst Realität sind. Und wer das länger hört, möchte kein Grüner am Land sein.

Das hat auch damit zu tun, dass sich die Grünen längst zur Stadtpartei gewandelt haben. Ihre Ideen sind vom engen Zusammenleben im urbanen Raum geprägt und ergeben dort auch nachvollziehbar Sinn – egal ob das nun die Ablehnung des massenhaften Individualverkehrs, des absurden Nichtraucherschutzes oder eine Forderung von generell mehr Humanismus in Debatte und Realpolitik ist.

Obwohl auch dazu Martin Marguiles, Landtagsabgeordneter und Gemeinderat der Wiener Grünen, bloggt: „Und etwas mehr an Populismus wäre letztendlich auch ok.“

Abgesehen davon bin ich es Michel Reimon vergönnt, dass die Grünen doch nicht aus dem Landtag geflogen sind. Wenn sich einer das antun könnte, in so eine verfahrene Situation eine Strategie einzubringen, dann wohl er. Aber wie gesagt: Ich habe keine Ahnung vom Burgenland.

3 Kommentare »

  • sabina sagt:

    in den späten 1980ern und 90ern waren die grünen aus dem burgenland DIE grünen österreichs überhaupt. damals waren sie ein haufen engagierter junger (und nicht ganz so junger) leute im burgenland, gefördert von der burgenland-redaktion der kronenzeitung (unglaublich, aber wahr!), die praktisch jeden tag zumindest einen einspalter gebracht hat mit den heldentaten der burgenländischen grünen.

    damals war deren chef pius strobl, einst ein gendarm aus mattersburg, später dann spindoctor im präsidentschaftswahlkampf von freda meissner-blau, seine weitere karriere kennt man ja… bundesgeschäftsführer der grünen usw, heute kommunikationschef beim orf, einer der mächtigen männer im land. er hat mit seiner mannschaft damals einiges bewegt.

    damals hatten die grünen echt was zu sagen und sagten es auch. vor allem die grünen im burgenland. es war eine basisorientierte „grätzelpolitik“, entstanden aus bürgerintiativen mit einem blick fürs wesentliche und cojones in der hose. das war super.

    wenn ich mir anschaue, was jetzt grad bei den grünen los ist, kommen mir nicht mal mehr die tränen: fr. glawischnig, die sich schon in der schule gern reden gehört hat, aber nichts zu sagen hatte, beschäftigt sich in zeiten, die wahrlich mehr engagement, ideen und profil benötigen, mit schanigärten und rauchverbot! hallo??? das ist ja mindestens so ignorant wie fr. vranitzky damals mit ihrer „golfspielen statt drogen nehmen“-kiste.

    viel mehr hört man auch sonst nicht von den grünen. erinnerungen werden wach an den letzten wahlkampf: da kam von fr. glawischnig sowas wie „heizkosten halbieren“ ohne jeden unterbau, keine ahnung, was sie damals gemeint hat. und es gab noch mehr solche sprüche, die sind aber im nebel der bedeutungslosigkeit verschwunden, wie alles, was die grünen in den letzten jahren gesagt oder getan haben.

    die grünen sind echt am sand, nicht nur am land. eigentlich unwählbar! und es ist sogar wurscht, ob wählbar oder nicht, weil sie sich selbst in diese bedeutungslosigkeit hineinignoriert haben.

  • Hollerbusch sagt:

    Mit Antworten wie „im ländlichen Raum haben es die Grünen eben schwer“ macht man es sich meiner Meinung nach zu einfach. Schließlich haben die Grünen bei der Wahl davor mehr Menschen im „ländlichen Burgenland“ überzeugen können als diesmal. Aber es ist schon was dran an der „Realitätsferne“: Das inhaltliche grüne Angebot an Menschen im ländlichen Raum ist eher dürftig. Ich meine damit nicht, dass es keine Konzepte gäbe. Eher eine Schwerpunktsetzung in der eigenen Kommunikation, die es den Landbewohnern schwer macht, diese Konzepte kennenzulernen.
    Und es spricht Bände, dass selbst eines der klassischen Grünthemen am Land – bessere Versorgung mit Bus & Bahn – im Burgenland von der ÖVP offensiver kommuniziert worden ist als von den Grünen selbst.
    Abgesehen davon: Eine Partei, die über die Transformation der Gesellschaft nachdenkt, kann sich nicht damit zufriedengeben, für einen wesentlichen Teil dieser Gesellschaft kein Angebot zu haben.

  • Andreas sagt:

    Beim Absatz mit den „realitätsfremden Deppen“ habe ich schmunzeln müssen. Lebe auf dem Land und habe diese „Argumente“ schon sehr sehr oft gehört.

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