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Gladius 51. „Stopft das verdammte Loch!“

Von | 30.05.2010, 15:23 | Kein Kommentar

Heute ist Tag 40 einer Katastrophe, die täglich mit einer weiteren Million Liter Gift unseren Planeten versaut, Top Kill hin, Obama her.

 

Haben Sie schon Ihren Sommerurlaub gebucht? Wenn nicht, wär dies ein guter Zeitpunkt für gewisse geostrategische Überlegungen. Der Golf von Mexiko etwa, das wird wohl jedem klar sein, ist heuer keine gute Idee, was heißt heuer, die Gegend ist sicher ein paar Generationen lang hinüber, kaputte Strände, verseuchte Fische, ruinierte Bewohner. Und wenn es regnet, kommt da auch Corexit 9527A mit runter, jene Chemikalie, mit der die Firma BP die Ölpest bekämpft. Drei Millionen Liter wurden bislang versprüht.

Corexit ist wie Kerosin, nur geruchsfrei. Jedenfalls für unsere Nasen. Mit Corexit wurde auch die „Exxon Valdez“-Katastrophe zerstäubt, etwaige Zusammenhänge mit folglichen Lungen – und Nervenerkrankungen, Leber – und Nierenschäden sowie Blutvergiftung bei Mensch und Tier dortselbst sind nicht zufällig, sie werden von Medizinern und Biologen seit Jahrzehnten beschworen, von den Ölkonzernen aber gewissenhaft ignoriert.

Das ist nicht alles. Sie werden es sicher gehört haben: Am Golf existiert unter Wasser eine sogenannte „LOOP CURRENT“ (ansehen!), eine Schlingenströmung, die den hochgiftigen Dreck jetzt Richtung Kuba und Florida befördert. Denken Sie daran. Kuba und Florida for Holiday? Keine gute Idee. Wer braucht schon unbehagliche Gefühle im Seafood-Restaurant? Verzichten Sie überhaupt auch auf die ganze Karibik.

Das verdammte Öl, nicht wahr? Es ist ja nicht nur die Umwelt, die in den Arsch geht. Wo Öl ist, ist der Krieg nicht weit. Überhaupt jetzt, da das Öl immer knapper wird, also auch teurer. Übrigens, waren Sie schon mal am See Genesaret, um den Fischern beim Werk zuzusehen und dann etwas christlich zu meditieren, Sie wissen schon, die wundersame Fischvermehrung und so weiter? Nun, an diesem netten See blühte mal der Tourismus, wer den berühmten Petersfisch essen wollte, der musste dort hin. Nur darf er derzeit nicht gefischt werden. Warum? Wegen Öl, was sonst!

Ehe sich Saddam Hussein 1991 von Kuwait zurückzog, ließ er bekanntlich noch sämtliche Ölquellen anzünden. Das gab mächtigen Rauch und hinderte gut 10 000 hungrige Kormorane am traditionellen Durchzug und, erraten, sie brechen seither am See Genesaret die Reise ab, sehr zum Leidwesen des Petersfisches, dessen „Netzvolumen“ binnen Jahresfrist von 300 auf 8 Tonnen gesunken war.

Barack Obama gibt sich dieser Tage bitter. Vor ein paar Wochen schrie er „stopft dieses verdammte Loch!“, langsam dämmert ihm, dass er auch was dazu tun muss. Es reicht nicht, nur BP zu beschuldigen und von ihnen zu fordern, die Rechnung zu begleichen. Es reicht nicht, den Finger auf irgendeine Bonzenfirma zu richten, es geht um Öl, um den Treibstoff, um Energie und all die Schweinereien, die passieren, um dieser Energie habhaft zu werden.

Auch ist die Katastrophe von „Deepwater Horizon“ nicht die größte Ölpest der Gegenwart, diesen Superlativ beansprucht das NIGER-DELTA, wo die 606 Ölfelder von Shell seit Jahrzehnten für 40% der Ölimporte Amerikas sorgen – und die total verrosteten, undichten Pipelines für Katastrophen, die den gesamten Fischbestand des Niger ruinierten, das Wasser der Gemeinschaften vergifteten und die Lebenserwartung der Menschen dort auf durchschnittlich 40 Jahre senkten. Noch einmal: Ein Mensch vom Niger-Delta kann gerade noch mal vierzig Jahre leben. Und wenn es dort zu Unruhen kommt, ist immer nur von „Rebellen“ die Rede, nie aber von den privaten „Sicherheits“-Firmen, die diese „Rebellen“ reihenweise niedermähen, um die Ölfelder von Shell zu schützen. Warum regt das niemanden auf? Ganz einfach: Weil es alle, uns eingeschlossen, vollkommen kalt lässt, was „EINEM NIGERIANER“ passiert.

Es ist daher auch lächerlich, eine Facebook-Gruppe „Boycott BP“ zu gründen und dann woanders zu tanken. Es geht um ein Umdenken, um einen Verzicht auf Öl, um radikalere Investitionen in die Wissenschaft zur Findung besserer Alternativen. Es geht um mehr Öffentlichkeit für Zukunftsmenschen wie Philippe Cousteau, der uns DIESE LIVE-VIDEOS von Deepwater Horizon brachte und bei Larry King auf CNN unlängst eindrucksvoll deponierte, dass die Zeit der Ölbohrer vorbei ist und der unselige Plan derselben, durchs arktische Eis zu Öl zu gelangen, ein Wahnsinn. Ein paranoider Wahnsinn übrigens, den sich die Amis deswegen überlegen, um nicht ölmäßig „von Leuten abhängig zu sein, die uns hassen“, wie ein Shell-Mann bei King meinte.

Es geht um ein Umdenken, weil die Ära des Öls vorbei ist, die Vorkommen gerade noch für zwanzig Jahre reichen und weitere Bohrungen an absurden Stellen unseren Planeten ruinieren. Und weil es Zeit ist, dass die Öl-Lobby abtritt, bekanntlich ist Obama in der Angelegenheit deswegen so impotent, weil die US-Regierungsbeamten seit Aberdekaden habituell Geschenke der Ölfirmen akzeptierten. Es ist heute Tag 40 einer Katastrophe, die täglich mit einer Million Liter Gift mehr unseren Planeten versaut. Inzwischen geht der Ölpreis in die Höhe und vermiest unser Leben.

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