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Zum Beispiel: Individualismus

Von | 03.07.2007, 16:16 | 3 Kommentare

Nicht, dass mich ein neues Album der Band Tocotronic interessiert. Aber es war diese Rezension, die wieder ein Thema aus dem Hinterkopf hervor gezaubert hat, das darin schon seit Tagen herum geistert. „Poesie gegen den Radikalindividualismus unserer Zeit: Kann das gut gehen?“, wird darin gefragt. Das ist, wenn man Poesie durch das Wort Argumente ersetzt, […]

Nicht, dass mich ein neues Album der Band Tocotronic interessiert. Aber es war diese Rezension, die wieder ein Thema aus dem Hinterkopf hervor gezaubert hat, das darin schon seit Tagen herum geistert. „Poesie gegen den Radikalindividualismus unserer Zeit: Kann das gut gehen?“, wird darin gefragt. Das ist, wenn man Poesie durch das Wort Argumente ersetzt, auch die Frage, die ich mir endlich gerne beantworten möchte. Und der Ordnung halber muss ich gleich sagen: eher nein.
Denn der allerorten gepredigte Individualismus hat wohl gesiegt. Das „Ich“ steht heute über dem „Wir“, weil wir es nicht anders gewollt haben. Selbstverwirklicht, single, urban – das ist die ideale Existenzform, die wir uns in den vergangenen Jahrzehnten gebastelt haben und damit müssen wir nun leben. Das sieht zwar auch nicht gerade toll aus, wie der Besuch einer der austauschbaren Hochburgen des Individualismus (zum Beispiel die Höfe des Wiener Museumsquartiers) immer wieder zeigt, weil lauter einzigartig gekleidete Menschen auch wieder nur graue Masse sind, aber die hat zumindest die besseren Friseure als unsere Eltern.
Was hier allerdings nicht ins Bild passt: Viele dieser einzigartigen Menschen schieben auch Kinderwägen herum. Und viele dieser einzigartigen Menschen um die 35 denken dieser Tage daran, gar zu heiraten. Großes Fest, gemeinsamer Weg, alte Werte und damit eigentlich ein großer Widerspruch zur Lebensplanung.
Den löst der Individualist dann eben so wie jedes andere Problem: mit Ironie (witzige Hochzeitseinladung), mit Hedonismus (pompöse Party in ausgefallener Umgebung) und, wenn das nicht reicht, mit hanebüchenen Argumenten. Wir wissen nicht, was wir tun. Wir wissen nur, dass es eigentlich nicht zu uns passt. Und wir wissen nie, was morgen ist – und schon morgen kann eben der bessere Sex mit dem tolleren Mann oder der hübscheren Frau ins Haus stehen. Auf den – argumentiert der Individualist – hat er dann natürlich genau so ein Anrecht wie sein Partner, dem er vorauseilend auch diese Option einräumt. Das klingt auf den ersten Blick gerecht, bringt aber in der Praxis immer reichlich Kollateralschaden, wenn Kinder im Spiel sind noch viel mehr. Eine kleine Umschau im persönlichen Umfeld zeigt: Oft probiert, nie gut gegangen, und Freunde bleiben ehemalige Bettgenossen doch nur im Kino.
So passiert es dann, dass man mit jemandem darüber diskutiert, ob es zusammengehen kann, dass man heiratet und dabei gleichzeitig die Ehe als Institution für überholt und nicht mehr zeitgemäß hält. Im Sinne von: Aber mit Kind ist es praktischer und derzeit deutet alles darauf hin, dass wir zusammen gehören … so irgendwie klingt das dann. Und weil es ja nicht das eigene, sondern fremdes Leben ist, ist – mit dem Kopf des Kampf-Individualisten gedacht – die schräge Argumentation dann ebenso egal wie der Mangel an Prinzipien, die sie verrät. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er etwas ablehnen und gleichzeitig leben kann, nur weil es die bequemere Lösung ist.
Erschwerend kommt dazu, dass einen jede Widerrede bei einer kleinen Unachtsamkeit wie einen schlichten Dorfpfarrer klingen lässt. Nur ein Beispiel: Man ist selbst verheiratet mit einer Frau, die man schon lange kennt (und damit gebrandmarkt mit einer kargen sexuellen Biografie). Das stempelt einen innerhalb des Bekanntenkreises zum lebenden Anachronismus – schön anzusehen, aber natürlich unter dem Generalverdacht, dass einem daraus eher Vorteile denn Nachteile entstehen. Absprache vor ausgiebigem Bierkonsum, gegenseitig offen gelegte Finanzen, gemeinsame Entscheidungen – das Grauen des Alltags, den man nur von den eigenen Eltern kennt und dem es prinzipiell zu entfliehen gilt. Und: Wer verficht heutzutage schon ernsthaft solch romantische Kindereien wie stete Beziehungen, wo doch da draußen wie im Fernsehen minütlicher Nervenkitzel, täglicher One Night Stand und ewiger Individualismus locken? Wer gibt schon gerne zu, dass er vom gelebten Egoismus gar nicht so viel weiß, wie all diese freien Menschen um ihn herum? Wer will schon gerne als Depp da stehen? Eben. Und wie gesagt: Die Antwort lautet leider eher nein.

3 Kommentare »

  • Habe ich von was von kirchlicher Ehe geschrieben? Ist mir gar nicht aufgefallen. Und wenn: Für deren Kitschpotenzial ist jeder selbst verantwortlich. Ihr Heilsversprechen kenne ich jetzt leider nicht, aber so eine kirchlich geschlossene Ehe wird schon ihre Momente haben. Und so dämlich die Unauflösbarkeit wirkt, so sehr ist sie auch ein Prinzip, nach dem es sich wohl leben lässt. Und in Wahrheit gehts ja auch darum: um Prinzipien, welche auch immer. Die wirken zwar oft so unfair, dass man sie lieber vergisst (Warum soll ich nicht auch tun, was die ganze Welt tut? Siehe Bawag), aber ich stehe irgendwie drauf. Sogar immer mehr als weniger, aber bei Laienpredigern muss das wohl so sein.

  • Bund fürs Leben sagt:

    Urlaubsbedingt ein verspäteter Kommentar dazu:

    Eines lässt du unter den Tisch fallen in deiner leidenschaftlichen Argumentation.
    Man kann die kirchliche Ehe mit ihrem Kitsch, ihrem Heilsversprechen und ihrem dämlichen Postulat der Unauflösbarkeit ablehnen, man kann aber trotzdem das staatliche Rechtsstatut in Anspruch nehmen, um Sicherheit für seine Lebensgefährtin, seine Kinder zu schaffen.
    Nicht mehr, nicht weniger.

  • Stefan sagt:

    gut geschrieben – meiner meinung nach voll getroffen – danke!

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