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S&C-Generation: Endstation Wüste

Von | 28.05.2010, 14:14 | 5 Kommentare

Sex & the City befreite einmal die weibliche Sexualität. Leider hat sich diese Befreiung bald gegen die Frauen gerichtet. „Sex & the City 2“ eröffnet heute in Europa, und ich als der ultimative S&C-Fan sollte ekstatisch sein. Bin es aber nicht. Ich ging an einem Kino vorbei, mit einen Riesenposter über dem Tor, darauf Carrie, […]

Foto: New Line Cinema

Sex & the City befreite einmal die weibliche Sexualität. Leider hat sich diese Befreiung bald gegen die Frauen gerichtet.

„Sex & the City 2“ eröffnet heute in Europa, und ich als der ultimative S&C-Fan sollte ekstatisch sein. Bin es aber nicht. Ich ging an einem Kino vorbei, mit einen Riesenposter über dem Tor, darauf Carrie, Charlotte, Samantha und Miranda (in einer Wüste?!), und ich hatte ein sehr seltsames Gefühl. Es war ein wenig wie auf eine Leiche zu blicken. Eine Mischung aus Neugier, Abscheu und Trauer.

S&C war mal unsere Bibel. Was wir am TV-Schirm sahen, war unser Leben. Ja, wir waren genau wie sie. Und unsere Geschichten waren genau wie ihre. Wir hatten Bildung und tolle Jobs und zahlten für unseren eigenen Luxus, wir sahen gut aus, hatten enormen Spaß und hatten Sex mit prächtigen Männern. Wir waren vollkommen unabhängig. Und angezogen von unserem Leben. Wir erlebten wahrscheinlich die beste Phase unseres Lebens. Und S&C war die Bestätigung dafür.

Das war vor zwölf Jahren. Vieles hat sich seither geändert. Dem Ende zu war die Serie nicht mehr so wahr, so frech, so knusprig und vergnüglich wie zu Beginn. Der erste S&C-Film kam in die Kinos und obwohl es uns freute, unsere alten Freundinnen wieder zu sehen, waren wir enttäuscht. Und jetzt der zweite Teil? Ich weiß nicht. Ich muss mir sogar überlegen, ob ich mir den Film anschauen soll. Ich fürchte, es wird alles Mögliche sein, nur nicht ermächtigend.

Weil erstens: Sex ist nicht mehr, was er war. Der S&C-Sex nämlich. S&C-Sex befreite einmal eine neue Form weiblicher Sexualität. Eine Sexualität, die gleichzeitig unsere Waffe und unser Schild war. Sexualität als der ultimative Beweis einer neu errungenen Unabhängigkeit in allen Aspekten unseres Lebens. Leider hat sich diese Sexualität, die wir damals befreiten, bald gegen uns gerichtet.

In dem Moment, als wir weibliche Sexualität in ein Mittel zum Erreichen eines Zieles verwandelten, benützten andere sie für ihre eigenen Zwecke: um Geld zu verdienen. Im Nu hat sich unsere Gesellschaft in eine übersexte und pornografisierte Welt verwandelt: Die Mode kopiert SM-Styles. Musik-Clips wirken wie Softpornos. Schulkinder schauen sich per Handy Hardcore-Pornos an. Swingerclubs werden uns als Kunst verkauft.

Medien bombardieren uns mit dem neuen Image der Frau, einer übersexten, übernatürlichen Sexpuppe. Sie wird durch Styling, Schönheitsoperation und Photoshop erzeugt. Sie erfüllt uns (Frauen und Männer) mit einer Sehnsucht nach einer unerreichbaren, konstruierten „Perfektion“ und bringt uns dazu, Milliarden auszugeben, um sie zu kaufen. Sie verwandelt Frauen in Objekte. Erneut. Unsere Großmütter und Mütter hatten noch dagegen gekämpft – wie kam es, dass wir, die S&C-Generation, das geschehen ließen?

Dann das Shopping. Die vier gaben damit ein Vermögen aus. Und es machte ihnen enormen Spaß. Uns auch. Shopping symbolisierte die Verbindung zwischen unserer finanziellen Unabhängigkeit und unserer befreiten Sexualität. Wir kauften sexy Zeug (mit unserem eigenen Geld), mit dem wir uns großartig in unserer Haut fühlten. Und das uns half, die Welt zu manipulieren, eine Welt, die sich durch attraktives Äußeres eben leicht manipulieren lässt.

Aber dann kam die finanzielle Krise. Und machte uns klar, dass wir Geiseln unseres eigenen Konsums waren. Wir arbeiteten um zu konsumieren, wir identifizierten uns mit dem Konsumierten, und wir suchten dort nach Erfüllung, wo keine Erfüllung zu finden ist. Es war schmerzhaft, als wir erkannten, dass die konsumistische Haltung auch andere Aspekte unseres Lebens reflektierte. Wir konsumierten Männer, Beziehungen, Freundschaften. Uns selbst. Und dann drohte deshalb eine Umweltkatastrophe. Es macht keinen Spaß, für Sachen zu zahlen, von denen du weißt, dass sie dich mal begraben werden. Nein, wir gehen nicht mehr shoppen.

Sex & the City zeigte uns, wie fantastisch eine Freundschaft sein kann, eine konstruierte Familie. Vier Freundinnen, alle von sich selbst und ihrem engsten Kreis besessen. Vier Freundinnen und ihre ewige Suche. Nach Liebe, nach der perfekten Partnerschaft, nach DEM Richtigen, nach Glück …

Die Suche währte zwölf Jahre. Und sie geht weiter. Das war mal nett. Ist es nicht mehr. Weil es das Produkt einer Individualisierung ist, die unsere Gesellschaft ruiniert. Eine der wichtigsten Lektionen, die wir von der Finanzkrise lernen sollten, ist, dass Globalisierung uns alle von einander abhängig machte. Wir können uns nicht mehr lediglich auf uns selbst konzentrieren. Wenn Griechenland crasht, crasht ganz Europa. Dasselbe gilt für Frauen. Wir können unsere Emanzipation nicht alleine leben. Es gibt afrikanische Frauen, die an unsere Männer als Sexarbeiter verkauft werden. Indische Frauen nähen unsere Designer-Jeans für 16 Dollar im Monat. Und es gibt wunderschöne Girls aus Osteuropa, die aus Mangel an Einkommens-Alternativen wieder ihre traditionellen Geschlechtsrollen akzeptieren. Sie sind willens, ihre Jugend und Schönheit gegen finanzielle Sicherheit einzutauschen.

Eine schöne osteuropäische Gattin zu haben, die ihren Mund hält und sich mit ein paar Designer-Schuhen zufrieden gibt, ist eine Art Trend geworden: Wiener Geschäftsleute fahren nach Osteuropa, um eine Gemahlin zu finden. Und aus Angst, ihren „Wettbewerbs-Vorsprung“ zu verlieren, lassen viele westeuropäische Girls nun die Emanzipation eine solche sein. Eine neue Prostitution?

Ja, die Welt hat sich drastisch geändert, in diesen zwölf Jahren, seit Sex & the City das Symbol unserer Emanzipation wurde. Die finanzielle Krise enthüllte eine tiefere Krise: Unser gesamtes System ist in der Krise. Wenn wir überleben wollen, müssen wir alles neu überdenken: das Wirtschaftssystem, die Werte, die Prioritäten. Um uns noch einmal inspirieren zu können, müsste S&C sich drastisch ändern. Hier eine Idee: Da nun klar ist, dass wir die Grenzen der männlichen Weltordnung erreicht haben, wie wäre es mit einer neuen Alternative? Wie wäre es mit einer weiblichen, solidarischen, ko-operativen, humanistischen Weltordnung?

Ich weiß, das ist zuviel verlangt von einer amerikanischen Fernseh-Serie, die Film geworden ist. Aber ich darf ja wohl träumen. Oder?

5 Kommentare »

  • karotterl sagt:

    ziemlich auf den punkt gebracht…das sieht man auch an den reaktionen der herren hier ;)
    jaja es ist nur n filmchen.
    und ich muss gestehen, es hat mich vor 11 jahren angefangen zu nerven, dass „frau“ sich unbedingt für schuhe interessieren musste, weil doch manolo blabla und überhaupt. nach einem gehörigen verschätzen der verträglichkeit des berühmten cosmopolitan (rühr ich nie wieder an, schwör!!!) hab ich meine ambitionen in richtung mondän bis auf weiteres verschoben.
    warum macht es mich nur so melancholisch traurig, dass all die dinge, die ich seit jahren mit freund und freundin diskutierte (und in diesem artikel wunderbar zusammengefasst wurden) realität wurden?

    ist dieser film http://www.youtube.com/watch?v=D5UJuHPNxok&feature=related einfach nur lang genug her, um sich darüber keine gedanken mehr machen zu müssen? wird SATC in 40 jahren ebenso unvergesslich sein?
    fragen über fragen….

  • Andrea sagt:

    the art of retouche ist leben aus zweiter hand. ernsthafte gedanken dar… Mehr anzeigen über anzustreben wäre leidig. eine seifenblase zu halten kommt dem platzen eines traumes gleich. die realität zwingt uns jeden tag in die knie. da können high heels und designerklamotten als amusement dienen, aber der mensch egal ob männchen oder weibchen strebt nach anderen werten, under surface. medien sind objektgeil. im menschlichen eins zu eins kontakt ist die sorge, um die ware mensch, eine ganz andere. soziale kompatibilität und intelligenz großzügig zu handen erspart aufoktroyierte und geldbörsenüberfordende maßnahmen am äußeren. reich und schön und unabhängig und die girls suchen noch immer nach dem kleinen glück. ein happy end ist nicht in aussicht.;-)

  • AnjinSan sagt:

    Kann man diesen Schwachsinn(SATC) wirklich so ernst nehmen und sein Leben, sein Einkaufsverhalten, ja sein Sex danach ausrichten?
    Wenn ja, dann wäre Hank Mooody mein Vorbild. Und das möchte ich nicht. Mein
    „life 2.0“ funktioniert auch so.
    Trotzdem Danke fürihre Mühen und den lesenswerten Beitrag.

  • Sakristan Biringer sagt:

    Werte Frau Tajder,

    lange zeit schwieg ich nun zum teilweise grandiosen schwachsinn, der sich hier gelegentlich gepostet findet. aber Ihr artikel brachte mein ganz privates fass nun insofern zum überlaufen, als dass ich mich mal wieder angesichts eines zib21-artikels nicht entscheiden kann, laut loszulachen, kopfweh zu kriegen, den laptop durch das geschlossene fenster aus dem sechsten stock zu werfen oder aber einfach nur – abzudrehen und zu weinen.

    inhalt Ihres artikels ist es, eine unbedeutende nebensächlichkeit – und mehr ist eine amerikanische seifenoper niemals im leben – kraft Ihrer eigenen verzückung darüber in schwindelnde höhen zu erheben, ihr also immens viel wichtigkeit kraft Ihrer eigenen subjektiven wahrnehmung zu verleihen, nur um gleich darauf das selbstkonstruierte lifestyle-götzenbild kreuz und quer wieder runterzumachen.

    sprich also: Sie zeigen sich selbst versteckt den vogel – und geben damit furchtbar an. warum nur?

    lassen Sie mich klarstellen: die welt ist ziemlich am ende (dass das projekt „menschheit“ solide gescheitert ist, wird von tag zu tag manifester), weder ist aber SATC schuld daran noch ein indiz dafür. weil was soll man daraus für globale, weltbewegende schlüsse ziehen, dass sarah jessica parker ihre (noch dazu hässlichen) füße gerne in die teuren schuhe eines gewissen manolo blahnik steckt? und dafür gerne ein vermögen ausgibt?

    das bringt mich zum nächsten punkt: bei ihrem plädoyer, sich ach so lange mit dem lebensstil der vier hübschen new yorkerinnen identifiziert zu haben, vergessen Sie möglicherweise, dass es sich nicht alle in unseren breitengraden lebende damen mir nichts dir nichts leisten können, so wie carry & co zu konsumieren. umkehrschluss also: nur die, die haltlos shoppen gehen (können), dürfen sich sexy fühlen und daher manipulieren? oder wie? oder was?

    dann: wollen wir nicht zumindest in betracht ziehen, manche dieser „ehefrauen-shoppenden geschäftsleute“ und ihre „mundhaltenden ost-gattinnen“ hätten vielleicht tatsächlich spaß mitsamen? oder gar – o graus! – einander lieb?!?

    Frau Tajder, Ihr Artikel ist – so meine meinung – nichts anderes als ein selbstverliebtes Verkaufsgespräch Ihrer eigenen Eitelkeit. und weil es out ist, mit eitelkeit zu prahlen, wählen sie die verkehrte variante, in der art von: „mah, was bin ich eitel (und eigentlich stolz darauf), also manchmal kann ich mich echt nur wundern …“

    Von einer intelligenten und redegewandten Person wie Ihnen hätte ich mir mehr weitblick (oder auch nur: über den tellerrand hinweg) erwartet.

    aber ich darf ja wohl träumen, oder?

    hochachtungsvoll,
    biringer.

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