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Gladius 50. Einer gegen die Windmühlen

Von | 23.05.2010, 16:22 | Kein Kommentar

Ich hab was gegen Politiker. Bis auf diesen hier. Den finde ich interessant.

 

 Es ist bald Pfingsten, da geht es um den Heiligen Geist, bekanntlich kam der am fünfzigsten Tag nach Ostern über die Jünger. Zufällig ist dies heute auch mein fünfzigstes Sonntagswort bei zib21. Das sind fünfzig Sonntage, für die sich etwaiges Pläneschmieden von vornherein erübrigt, zur Abendmess´ muss ja ein Sermon fertig sein. Womit ich nur andeuten will, dass ich den Pater Hass, der mir diesen Kelch einbrockte, nicht immer vorbehaltlos liebe.

Aber genug der Reminiszenzen, sonst krieg ich den Blues und das wäre dumm, denn heute geht es hier um die Farbe grün. Nicht revolutionsgrün wie im Iran, obwohl, etwas wieder erwachendes Iranbewusstsein würde nicht schaden, bekanntlich blieb in Cannes ein Jurorensessel unbesetzt, weil der dafür vorgesehene iranische Regisseur Jafar Panahi hungerstreikend in einem Gefängnis in Teheran sitzt und zwar wegen grünbewegter Ereignisse wie DIESEM, das die Regierung Ahmadinejad offenbar nicht noch einmal brauchte. Nur ist mir heute nicht nach Iran.

Heute ist mir nach Burgenland, dort ist grün die Farbe des „Hoffnungsträger“ genannten Politikers Michel Reimon, der bei den kommenden lokalen Wahlen die Grünen um ein drittes Mandat bereichern will.

Ich hab an dieser Stelle gelegentlich angemerkt, was ich von unserem demokratischen System halte, nämlich wenig bis nichts und „wenig“ wohnt hier nicht mehr, das hat damit zu tun, dass die Meinung der Mehrheit im Land noch selten die meine war. Und Politiker, die so eine Mehrheit schaffen, sagen immer das Unsägliche. Beim gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima steht das gemeinhin mit dem Wort „Ausländer“ in Zusammenhang. Wer was Ausländerfeindliches sagt, der weiß die Mehrheit nicht gegen sich.

Apropos, es wurde auf Facebook auch mal ein Video mit dem Bürgermeister von Großkirchheim (Kärnten) herum gereicht, der sich ein Kamerateam des ZDF (Klickempfehlung!) einlud und den Deutschen am Friedhof ein Grab zeigte, wo „ein Moslem“ ruht, um dann gleich zu beschwichtigen: „Ein Toter kann von seiner Religion nicht mehr Gebrauch machen.“ Und: „Immerhin hamma an Platz für ihn ghabt, die anderen haben ihn gar ned gnommen.“

„Die Türken“, meinte dieser Bürgermeister, „die was zu uns kemman, die wollns in ihrem Land nit.“ – Und die Mehrheit hinter diesem Bürgermeister meldete sich mit Wortspenden wie „wir sind stolz, dass wir einen Bürgermeister haben, der sowas sagt“, obwohl sie „nicht ausländerfeindlich (sind), wir sind ja eine Tourismusregion.“

Tja, und solche Programme kommen dann international ebenso zur Ausstrahlung wie der Ösi zu seinem Hinterwald-Image, und (nicht nur) deswegen ist mir also insbesondere der heimische Politiker eine Tabuzone. An sich kein Drama, aber es nervt. Hat mit dem Horizont zu tun, aber bitte, woher soll der kommen, in welche Himmelsrichtung du auch schaust, überall ein Berg.

Aber zurück zum grünen Reimon. Der ist nun das genaue Gegenteil des landläufigen österreichischen Politikers. Erstens ist er gescheit und sagt nicht „die was“ (und hasst „Hirnrissiges“), zweitens ein „Gutmensch“ (der sich nicht beleidigt fühlt, wenn man ihn so nennt), drittens ist er daher auch für das Richtige. Global denken, lokal handeln, sagt er. Sagen auch Realos, die den Fundi in sich nicht so krampfhaft verdrängen,  wie es anderswo Alltag ist.

Abgesehen von seinen elektrischen Autos fürs Burgenland (hat was Charmantes) gefällt mir, klar, sein unzeitgemäßes Pochen auf „mehr Menschlichkeit“ – im Sinne von „Humanitas“. Während der Rest der Parteien mit AntiAusländerparolen in der überwältigend xenophoben Mehrheit nach Stimmen angelt, denkt Reimon laut über Deutschkurse für Flüchtlinge und bessere Integration für Asylwerber nach.

Gefällt mir. Derlei Haltung birgt eine gesunde Dosis der Qualität „gegen den Strom schwimmen“, sowas ist energetisch und mir prinzipiell sympathisch. Außerdem hat die Vorstellung, wie er vor ausländerfeindlichem Publikum so eine integrative Rede schwingt, was angenehm Erheiterndes. Aber das ist nicht alles. Ich muss hier wohl einflechten, dass mir Reimon in einem früheren Leben gelegentlich über den Weg lief und ein bleibender Eindruck jener ist, dass er nicht korrumpierbar ist. Aus dem richtigen Grund. Weil Korruption langweilig ist. Das ist natürlich nicht alles, was mir zu ihm einfallen will. Aber es ist das, was ich von einem Politiker zunächst mal brauche. Die Garantie, dass er mich nicht irgendwann mit aktiver Korruption langweilt. Über den Rest kann man reden.

Raritäten wie Reimon wären für mich ein Grund, der Politik wieder eine Chance zu geben. Wär ich Burgenländer, würde ich ihn wählen. Nur bin ich keiner, daher gehe ich nicht wählen. Auch fürchte ich, dass die Burgenländer anders sind als er. Dort gibts zwar keine Berge, dafür geht sicher der Wind. Wahrscheinlich sind sie wie die Windmühlen. Aber bitte, was wären die schon, ohne einen Don Quijote? Ohne Seele, das wären sie.

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